Wir schreiben den 29.September 2011, als fünf schmächtige junge Männer aus Ostdeutschland nur im String bekleidet auf der Bildfläche deutscher Fernseher zur Primetime auftauchen und davon singen, dass sie nicht in die Hauptstadt des Landes ziehen wollen. Aufwändiges Bodypainting verleiht dem Quintett eine Art Uniform: graue Jeans, weißes Polohemd, rote Hosenträger – ein Markenzeichen.

Sachsen wird an diesem Abend Fünfter, die Konkurrenz ist groß und namenhaft, die Leute wählen lieber Tim Bendzko zum Sieger des Bundesvision Song Contests. Doch Kraftklub – bitte mit K, nicht mit C – kann das ziemlich egal sein. Die damaligen Newcomer haben zu diesem Zeitpunkt bereits einen Vertrag bei Universal, sind Preistäger des „New Music Awards“ und bleiben großen Teilen des Privatsender-Publikums im Gedächtnis hängen. Wenn sie nicht gerade selbst ausverkaufte Konzerte spielen, sind sie Opener für die Beatsteaks, Fettes Brot, Die Toten Hosen, Die Ärzte oder Casper.

Ich will nicht nach Berlin“ wird nach diesem Abend zur regelrechten Anti-Hipster-Hymne, die sich dem aufblühenden Konglomerat aus unbezahlbaren Altbaubaracken, Gästelistenplätzen, Start-Up-Unternehmen und Blogger-Yuppies des Berliner Szenekiezes stellt. „Meine Kleidung unterstreicht meinen Charakter, meine Brille ist nicht Vintage, verdammt die ist Retro! Undercut und Jutebeutel, ich trink Club Mate oder gibts den Café latte auch mit Sojamilch? – I like!„.

Szenenwechsel, 20.Januar 2012. An diesem verschneiten Freitag feiert das Debütalbum „Mit K“ seinen Releasetag, 13 Songs, eine unverwechselbare Mischung aus Indie (die Liebe zu den frühen Arctic Monkeys ist unüberhörbar), einer Prise Punkrock und Rap mit Texten, die manch einer als „frech“ und „ungeschliffen“ bezeichnen würde. Nur 7 Tage später steht der Longplayer auf Platz 1 der deutschen Albumcharts. Die Sensation ist perfekt, Collegejacken feiern eine Art Revival und der Soundtrack für Generation Y ist geboren.

Plötzlich liegt die Aufmerksamkeit auf den fünf Jungs aus Chemnitz, oder wie sie selbst gerne sagen: Karl-Marx-Stadt. Im gleichnamigen Song, auf der Melodie von „Loser“, dem Beck-Klassiker aus den Neunzigern, besingen sie das Leben in der drittgrößten Stadt Sachsens „die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools„.

Bei Kraftklub trifft politisches Bewusstsein auf Alltagsproblematiken, Gefühle und stumpf gesagt: dem allmählichen Erwachsenwerden und dessen Tücken. Dies verpackt Sänger (oder sagt man in diesem Fall Rapper?), Songschreiber und Backgroundtänzer im Vordergrund Felix Brummer aber nicht in bedeutungsschwangere Kalendersprüche, sondern in eine Sprache, die intelligent und unbeschwert scheint. Im Refrain übernimmt Gitarrist und Sänger (jetzt aber wirklich) Karl Schumann das Ruder, noch so ein Kraftklub-Markenzeichen. Gemeinsam mit Steffen Israel, Max Marschk und dem zweiten Brummer-Bruder Till formt sich eine sympathische Truppe, die für viele ihrer treuen Fans zu einer Art musikalischer Lebensbegleitung werden wird.

Dank „Songs für Liam“ warten wir sehnsüchtig auf den Kuss, der eine Oasis-Reunion nach sich zieht, wir tanzen zu „Eure Mädchen“ und mit Kraftklub, unser „Leben“ ist nicht cool, sondern ein Arschloch und „Kein Liebeslied“ ist das vielleicht schönste Liebeslied des Jahrzehnts.

Mit K“ soll der Beginn einer nicht endenden Erfolgsklassenfahrt der Band werden. In den darauffolgenden Jahren werden sie immer wieder mit Preisen ausgezeichnet, spielen immer größer werdene ausverkaufte Touren und bombastische Festivalauftritte, die immerfort vor Kreativität nur so strotzen und auch ihre Folgealben „In Schwarz“ und „Keine Nacht für Niemand“ werden an die Spitze der Albencharts klettern.

Am Ende bleibt nur noch zu sagen: Danke!

 

Autorin: Anna Fliege

Photocredit: Philipp Gladsome

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.