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all diese gewalt & „ANDERE“: Brachial unverblümt

all diese gewalt & „ANDERE“: Brachial unverblümt

Nach vier Jahren in the making veröffentlicht all diese gewalt aka Max Rieger sein zweites Album. Ein Werk, so überraschend, vielfältig und überzeugend, wie der Künstler selbst.

DER KÜNSTLER

Max Rieger – Bandmitglied (Die Nerven), Solokünstler (all diese gewalt, Obstler), Produzent (Drangsal, Ilgen-Nur, Mia Morgan, Casper), Genie (überall). In Form von all diese gewalt hörte man zuletzt 2017 in Form des Debütalbums „Welt in Klammern“ von ihm.

Nun ist „ANDERE“ da – ein Album, das den Tausendsassa lange beschäftigt hat, wir er mir in unserem Interview erzählt: „[…] ich bin ein Freund davon, Sachen so schnell es geht fertigzumachen. So schnell es irgendwie möglich ist. Aber bei dem Album ging es einfach nicht. Und ich wollte es immer fertig machen, aber es war war einfach nicht fertig. Es wurde einfach nicht fertig.“ Doch das Warten hat ein Ende.

DER SOUND

Man könnte sich hier ein feuilletonistisches Feuerwerk an Subgenre-Bezeichnungen um die Ohren hauen. Energetischer, explosiver Darkwave-Synthie-Elektro-Indie-Pop…am Ende ist Rieger ist auf „ANDERE“ so viel, so unvergleichlich, so unwiderstehlich er selbst. Hier treffen brachiale Beatbeben auf zarte Zeilen. Stimmung? Ungewiss.

DIE THEMEN

Ziemlich unverblümt zeigt sich all diese gewalt auf Album Nummer 2, anders als gewohnt, abgeneigt von Metaphern, von Schnörkeln und Schleiern. Gefühle, ob es nun Trauer, Angst, Liebe oder Verzweiflung ist – er spricht es aus. Und reißt somit die ewigen Mauern der deutschsprachigen Schwammigkeit herunter.

Auf die Nachfrage, was ihn dazu bewegt hat: „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich es nicht mehr so richtig sexy finde, seine Aussagen hinter Metaphern zu verstecken. Weil sich das plötzlich nach so Verwischung anfühlt, nach einer Art mit Sprache umzugehen wie auch die Leute innerhalb der Gesellschaft, die ich weniger mag. Also irgendwelche rechten Gruppierungen, die mit so gefühligen Halbwahrheiten und offenen Sachen spielen und bewusst so mit Sprache umgehen.“

DER LIEBLINGSTRACK

Ich bin einfach gestrickt. Gibt mir einen Soundteppich aus hallenden Indie-Gitarren und überschwängliche Dramatik. Und zack, bin ich verliebt. Zum Glück ist „ANDERE“ voll davon. Besonders herausstechend ist der Song „GRENZEN„. Wenn die Stimmung doch explosiver, düsterer, wütender und bassiger sein darf, folgt glücklicherweise direkt im Anschluss „GIFT„.

See Also


DIE PERFEKTE ERGÄNZUNG FÜR…

Dem Rieger’schem Repertoire. Erstklassiger deutschsprachiger Musik mit Tiefgang. Die obersten Reihen der „Bestes deutschsprachiges Album 2020„-Hierarchie. Überraschende Wendungen.

DAS FAZIT

ANDERE“ ist ein Brett mit vielen Wendungen. Hier treffen ruhige, zerbrechliche Momente auf brachiale Frontbeschallungen. Max Rieger setzt mit seinem neuen all diese gewalt-Album einen Maßstab für deutsche Musik, der mehr Beachtung bekommen sollte. Ein Album, das mich in einem Jahr, in der mich deutschsprachige Musik irgendwie so gar nicht abholt, völlig überrumpelt. Es wird Zeit, dass Rieger mit seinem gesamten Werk, das er sich nach und nach mit größter Hingabe aufbaut, endlich aus der Underdog-Position verschwindet und den flächendeckenden Jubel bekommt, den er verdient.

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