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ALL EYES ON: Rasmus Zschoch

ALL EYES ON: Rasmus Zschoch

Heute veröffentlicht Rasmus Zschoch seine Ambient-EP „Soundtrack To A Documentary Movie“.

Mit drei Jahren lernt er im Kindergarten, auf dem Glockenspiel zu musizieren und Noten zu lesen, wenige Jahre später ist er nicht mehr von den Instrumenten weg zubekommen. Den Umzug nach Wuppertal akzeptiert er nur, weil seine Eltern ihm Klavierstunden versprachen. Ihm wurde das Musizieren vielleicht nicht „in die Wiege gelegt“ , wie man so schön sinniert, er hat es sich ganz selbst zu Eigen gemacht.

Als Teenager spielt Rasmus Zschoch wie jeder musikbegeisterte Junge in seinem Alter in einigen Punkbands – an dieser Stelle schweife ich mit meinen Gedanken kurz ab und frage mich, ob Jugendliche heute immer noch in Punkbands starten oder direkt zu Autotune-Rap-Karrieren greifen.

Es vergeht einige Zeit. Im Rahmen eines Praktikums wird er nach seinem Traumberuf gefragt, jegliche Art von Beruf. Die Antwort: Musiker.

Wieder vergeht Zeit, bis er endlich die Entscheidung trifft, im niederländischen Groningen Komposition und Produktion zu studieren. Dabei wollte er eigentlich nie studieren. Nach seinem Bachelor sind die Kalender voll, die To Do-Listen lang. Er produziert mit und für andere Artists, darunter Anna Luca und Jonas David. Mit Letzterem steuerte er unter anderem den Soundtrack zum Kinofilm „Vielmachglas“ bei.

Eine zufällige Vernissage-Begegnung führt in zu dem Projekt, welches er heute veröffentlicht: „Soundtrack To A Documentary Movie“ .

Drei Tracks, „Dawn“ , „What Came Before“ und „Returning Home“ , untermalen instrumental Szenen, die wir uns bisher nur vorstellen können, denn veröffentlicht ist der Dokumentarfilm bisher nicht. Rasmus selbst beschreibt die Tracks als „mysterious, warm and hopeful“ .

Für mich klingt „Dawn“ nach Sonnenaufgängen am wolkenfreien Himmel, den ersten Blick auf die tosende See, verschwommene Bergspitzen aus dem Flugzeugfenster. „What Came Before“ nach nächtlichen Spaziergängen, bei denen man die Jacke und Arme noch ein bisschen enger um den Körper legt. Und „Returning Home“ erinnert mich an in rosé getauchte Abendhimmel über weiten Feldern, die schon bald für die Ernte bereit sind.

Um was für einen Dokumentarfilm handelt es sich?

Rasmus: Der Film wird „Gartentrauben“ heißen. Er handelt von den Großeltern des Filmemachers Sebastian Salanta, die aus einem kleinen Dorf in Siebenbürgen stammen – also im weitesten Sinne eine Vertriebenen-Geschichte. Der Film erzählt die Geschichte der Großeltern, ihrer Verwandten und des Dorfes und dokumentiert, wie der Enkel schließlich das Dorf besucht, das er nur aus Erzählungen kennt.

Wer jetzt an atemraubende Naturaufnahmen a la „Into The Wild“ und National Geographic gedacht hat oder meiner Phantasie gefolgt ist, liegt also ziemlich daneben. So geht es mir immer: Höre ich ein Musikstück, bauen sich vor meinem inneren Auge automatisch ausgeschmückte Bilderwelten auf, vielleicht sogar eine passende Story. Hätte ich nur das Bild vor mir, käme vermutlich nicht mehr als ein Grillenzirpen dabei herum. Zeit also, mal jemanden zu fragen, der es offensichtlich auch andersherum kann.

Ein nicht zu unterschätzender Teil der Arbeit am Soundtrack ist nicht musikalisch, sondern zwischenmenschlich…

Wie entsteht denn eigentlich so ein Filmsoundtrack?

Rasmus: Da gibt es, denke ich, kein allgemein gültiges Rezept. Was mich am meisten reizt, ist die Arbeit mit den Anderen, die auch an dem Film arbeiten; die aber aus einer ganz anderen Perspektive über Musik nachdenken und sprechen. Ein nicht zu unterschätzender Teil der Arbeit am Soundtrack ist nicht musikalisch, sondern zwischenmenschlich: Was meint die Regisseurin, wenn sie sagt, die Musik müsse „weniger schwer“ klingen, aber „wuchtiger“? Worauf achtet die Cutterin bei dem Stück, was meint sie mit „Rhythmus“ , „Takt“ oder „Melodie“ ?

Oft fängt meine Arbeit ja nicht bei Null an, sondern es liegen aus dem Schnitt bereits Stücke unter den Bildern, die schon eine ungefähre Stimmung vorgeben oder den Stil eingrenzen. In diesem Fall lag unter den Bildern, zu denen ich beispielsweise „Dawn“ komponierte, das Stück „The Whole Universe Wants to Be Touched“ von Nils Frahm. Da weiß man dann schon relativ gut, wohin die Reise gehen soll.

Und dann ist der Arbeitsprozess einfach ein langsames Annähern: Ich komponiere etwas, die Regisseurin gibt Feedback: Was gefällt, was nicht? Was funktioniert, was nicht? Dieses Feedback wiederum interpretiere ich und passe die Komposition entsprechend an oder mache etwas gänzlich neues. Das geht dann so lange hin und her, bis alle zufrieden sind. Manchmal kann das ganz schnell gehen, manchmal dauert es ewig, bis man „auf dem richtigen Weg“ ist. 

Du meintest, einige Elemente seien rein zufällig entstanden, kannst du das erklären?

Rasmus: Ich arbeite oft mit kurzen Versatzstücken, Loops oder Patterns, die ich dann am Computer weiter verarbeite und arrangiere. In diesem Fall hatte ich eine Akkordfolge auf Klavier, Akkordeon und Gitarre geschrieben und aufgenommen. Beim Schneiden war mir aus Versehen etwas verrutscht, wodurch alle Akkorde viel länger als ursprünglich klangen und einer gänzlich verschwunden war. So wurde aus einer schnellen Abfolge von vier Akkorden eine sehr langsame Abfolge von dreien. Das gefiel mir und so entstanden die Melodien von „Dawn“ und „Returning Home„, die diese Weite und eine Art verschleppten, zögerlichen Charakter haben. Darauf wäre ich nicht gekommen, wenn ich die ursprüngliche, „klassische“ Akkordfolge verwendet hätte.

Soundtrack To A Documentary Movie“ erscheint am 31. Juli 2020 auf allen gängigen Streamingplattformen, im Vorfeld konnte man die EP bereits auf Bandcamp vorbestellen. Dort erhalten die Käufer*innen zudem zwei Bonustracks, die erst kürzlich als Ergänzung dazukamen. „Nicht alle Ideen werden vom Regisseur angenommen“ erzählt mir Rasmus, „da war es schön, noch einmal darauf zurückzukommen“ .

Die zusätzlichen Ambient-Titel, „Strings“ und „Reels“ , entspringen aus der ursprünglichen Idee, bedienen sich dem originalen Material. Hier bringt Zschoch seine eigene Note noch einmal fokussiert ein, benutzt Kassettenrekorder und Tapeloops. Weiter klingen sie, verspielter, elektronischer.

Und während „Strings“ für mich klingt wie der erste warme Tag im Frühling, versprüht „Reels“ das Gefühl von Tagen, an denen es bereits früh dunkel wird, Straßenlaternen und Werbetafeln an Geschäftsfronten den Abend erhellen. Es lohnt sich, den Bandcamp-Bonus in Anspruch zu nehmen.

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Für Interessierte und diejenigen, für die Musikproduktion etwas Houdini-haftes hat (damit meine ich mich), veröffentlichte er in der letzten Woche ein ausführliches YouTube-Tutorial.

20% seiner Bandcamp-Einnahmen spendet der Wuppertaler an die ADEFRA e.V. Schwarze Frauen in Deutschland, ein kulturpolitisches Forum von und für Schwarze Frauen. Damit schließt sich Rasmus vielen Künstler*innen an, die in den letzten Monaten Bandcamp dazu nutzten, ihre Einnahmen im Rahmen der Black Lives Matter-Bewegung für wichtige Organisationen und Anlaufstellen zu spenden.

Welchen Stellenwert hat Bandcamp für dich als Künstler im Jahr 2020?

Rasmus: Bandcamp ist in meinen Augen der Merchstand des Jahres 2020. Nirgendwo kaufe und verkaufe ich lieber Musik, als bei Konzerten an einem improvisierten Tisch mit einlaminierten, handgeschriebenen Preiszetteln. Leider müssen wir 2020 nicht nur größtenteils auf Konzerte, sondern auch auf diese zugehörigen Merchstände verzichten.

Bandcamp ist der Ort im Internet, der dem am nächsten kommt. Hier kann ich nicht nur Downloads, Platten und anderen Merch verkaufen, sondern habe die Möglichkeit zu direktem Kontakt mit den Käufern (dem Publikum). Klar, auch Bandcamp bekommt seine Prozente von jeder Transaktion – aber hinter den einzelnen Accounts stecken eben oft die Künstler selbst.

So kann ich nicht nur meine Unterstützung zeigen; ich kann unter Umständen in Kontakt treten und oft außerdem eine Reihe mir gänzlich unbekannter Künstler und Veröffentlichungen entdecken – wie am Merchstand!

Soundtrack To A Documentary Movie“ ist erst der Anfang. Während andere im Corona-Lockdown die Zeit nutzten, Sauerteig-Starter anzusetzen, Italienisch zu lernen oder endlich mal nichts zu machen, überkam Rasmus schnell der Drang, kreativ zu sein. Doch nicht wie sonst in den Rahmen anderer, sondern in seinem eigenen Spielfeld.

Endlich mal die Ideen und Projekte für sich selbst umsetzen, die jahrelang auf der Strecke blieben. Schon nächste Woche will er sich wieder dransetzen, die Post-It-Zettel-Pläne in Taten umsetzen und die Pandemie-bedingte Stille nutzen, endlich seine eigene Stimme zu finden.

Wir dürfen zurecht gespannt sein, was Rasmus Zschoch in der kommenden Zeit für unsere Ohren bereithält. Verfolgen kann man das am Besten auf seinem Instagram-Account @insert.silence .

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