Wer an weibliche Superheldinnen der Musikbranche denkt, dem fallen illustre Namen wie Beyoncé, Cardi B oder Ariana Grande ein – doch selten bis nie Künstlerinnen aus Deutschland. Räuber und Gangster, Gauner und Verbrecher, nehmt euch in Acht: Alli Neumann ist da.

Mit ihrer ersten EP „Hohes Fieber“ traf die junge Wahl-Hamburgerin bereits im letzten Herbst mitten in die Herzen der Kritiker, mit ihrer zweiten EP „Monster“ beißt sie sich dort weiter fest. Ihr Name findet sich in diesem Jahr in (fast) jedem Line-Up der kleinen und großen Festivals wieder, es scheint so, als sei die Ausrede „es gibt nunmal keine guten deutschen Sängerinnen“ 2019 endlich passé.

Aber mal im Ernst, ich würde Alli auch ohne groß darüber zu debattieren buchen, hätte ich ein Festival. Oder irgendetwas anderes. Mit „Monster“ verdoppelt sich ihre Diskografie, fünf weitere Songs voller Finesse, fernab von dem Radio-Gedudel, das wir tagtäglich ertragen müssen. Mit einem Potential, dass zu diesem Zeitpunkt grenzenlos scheint.

“Es geht schon wieder besser, Babe, nur nicht mit dir.“

Ein wildes Zusammentreffen von Achtziger-Einflüssen, Artikulierung wie einst Falco (dessen Produzent Franz Plasa hat sich die Sängerin passenderweise ins Boot geholt), eine tiefe, raue Stimme, wie sie Nena zu ihren besseren Zeiten einmal hatte und ein Gitarrenriff-Groove, den man heutzutage höchstens bei Bilderbuch findet – aber eben gar nicht verstaubt, abgekupfert oder obsolet. Nein, nein, das hier ist topaktuell. Oder uns sogar allen einen Schritt voraus.

Als Astrid Lindgren in einem ihrer Pippi Langstrumpf-Romane den Satz „Sei frech und wild und wunderbar“ schrieb, muss sie dabei eine Art Zukunftsvision gehabt haben. Denn wenn man Alli und ihre Musik beschreiben müsste, es würde auf diesen Satz hinauslaufen. Immer wieder Zeilen, bei denen sich manch prüder Mensch die Hand affektiert vor den Mund halten würde, um sein Entsetzen auszudrücken

Eine 5 Track-EP mit so vielen Nuancen, so vielen Farben und Formen, dass man sich fragt, wie wohl erst ein ganzes Alli Neumann-Album klingen würde. Mit fancy Ohrwurm-Tracks wie „Monster“ und „Schöne und das Biest„, einer dramatisch-melancholischen Power-Ballade wie „Orchideen„, dem koketten „Was ist denn los“ und „Maybe Baby„, dessen Zeilen man an Häuserwände schreiben will! Wer eine Trennungshymne braucht, ist hier genau richtig.

“Könn’ wir bitte wieder spielen? Ich lass dich auch nicht verlieren”



Autorin: Anna Fliege