Der Normalste von Trailerpark, aka Alligatoah, hat es wieder einmal getan und bringt uns dazu, den Spagat zwischen ‚nicht zu ernst nehmen‚ und ‚ernst genug nehmen‚ halbwegs elegant hinzubekommen. Nach den letzten zwei überaus erfolgreichen Alben ist es 2018 wieder einmal Zeit, die traditionelle „Schlaftabletten, Rotwein„-Mixtapereihe weiterzuführen, wobei Teil V längst kein klassisches Mixtape mehr mimt, sondern als vollwertiges Album anzusehen sein sollte.

Und zwar kein Album, das man easy going nebenher hören kann, weil uns viel zu viel entgehen würde. So ein Alligatoah hat so viele Ebenen, die man in den ersten Durchgängen  gar nicht vernünftig aufnehmen könnte. Mit 16 Tracks ist „Schlaftabletten, Rotwein V“ ein ganz schöner Brocken, aber wieso sollte es uns Alligatoah auch einfach machen und zwei Hände voll eindimensionaler Songs auf eine Platte pressen und sich damit zufrieden geben? Der rote Faden ist, dass es keinen gibt.

„Rap braucht wieder einen Märchen-Erzähler“

Deutschrap ist heutzutage häufig politisch, aber meist nicht politisch korrekt, das ist auch hier nicht anders. Thematisch deckt der 28-Jährige Gut- & Wutbürger („Terrorangst„), Sexismus („Meine Hoe„), die seltsamen Maximen der Twentysomething-Kultur („Wie zuhause„) und natürlich die Politik („Meinungsfrei„, „Füttern verboten„) ab. Hier trifft kindliche Blockflöte trifft auf ein Alkoholproblem („Ein Problem mit Alkohol„)  und sowieso geht Alligatoah immer mindestens einen Schritt zu weit. Er schlüpft von einer Rolle in die nächste, „meint er das jetzt wirklich so?“ wird eine wiederkehrende, präsente Frage. Und immer, wenn man genervt wegdrücken will, kommt er mit einer genialen Line um die Ecke. Alligatoah, der intellektuelle Vollidiot, das Genie, irgendwo zwischen wahnsinnig guten Wortspielen („Alli-Alligatoah“) und wahnsinnigen Unmöglichkeiten verpackt in die wildesten Musikkompositionen.

Vor dem Konsum einer Alligatoah-Platte sei gesagt: Das hier ist böhmermannesque Satire in Reimform, die ab und an bitter aufstößt und die Grenzen der künstlerischen Freiheit (wieder einmal) nur knapp einhält – ein Alleinstellungsmerkmal, das Lukas Strobel zu einem erfolgreichen Künstler macht, der mittlerweile Arenen füllen kann. Aufgrund der Mixtape-Deklarierung ist die Frage danach, ob man „Schlaftabletten, Rotwein V“ als Gesamtwerk nun gut oder schlecht findet, nur halb so wild. Die Masse an Songs lässt den Einzelnen seine eigenen Favoriten auswählen oder Tracks schonungslos verschmähen.

Und so beende ich diese Gedanken mit einem persönlichen Highlight: Das gelungene Feature mit Kraftklub-Frontmann Felix Brummer auf dem Track „Beine brechen„.



ALLIGATOAH live

10. Januar 2019 Frankfurt – Jahrhunderthalle
11. Januar 2019 Saarbrücken – Saarlandhalle
18. Januar 2019 Wien – Gasometer
19. Januar 2019 München – Zenith
24. Januar 2019 Hannover – Swiss Life Halle
25. Januar 2019 Bremen – ÖVB-Arena
26. Januar 2019 Köln – Lanxess Arena
27. Januar 2019 Leipzig – Arena
2. Februar 2019 Berlin – Max-Schmeling-Halle
3. Februar 2019 Hamburg – Sporthalle


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Norman Z