Als ich das erste Mal auf Play drückte, verspürte ich dieses Kribbeln in der Magengegend. So ein freudiges Kribbeln, gespickt von Nervosität. Fast wie ein erstes Date. Nach den letzten Jahren, in denen mich AnnenMayKantereit musikalisch Tag für Tag begleiteten und in denen ich „Alles Nix Konkretes“ Wort für Wort, Ton für Ton verinnerlicht hatte, stellte sich mir die Frage, um es „Schlagschatten auf eine ähnliche Weise schaffen würde. Spoiler: Und wie! 


Ein Artikel von Anna Fliege – Henning May singt auch jetzt noch von großen Gefühlen. So, dass man sie auch spürt oder sich danach sehnt, sie nachvollziehen zu können. Ein bisschen weniger gehässig als der Vorgänger, mit gereiften Ansichten und neuen Blickwinkeln. „Schlagschatten“ beginnt gleich mit drei solcher Herzklopf-Lieder, „Marie„, „Nur wegen dir“ und „In meinem Bett„, drei völlig verschiedene Phasen, wie eine sich fortsetzende Geschichte.

Die größte Entwicklung legt die Kölner Band jedoch eindeutig musikalisch hin. Wo bei „Alles Nix Konkretes“ noch Hennings Stimme den unique selling point bildete und die Melodie in den Schatten stellte, wiegen sich die Elemente nun auf „Schlagschatten“ in einem angenehmen Gleichgewicht. Nicht zuletzt ist der Grund dafür die geänderte Aufnahmeart des Albums. Severin erzählte mir während unseres Interviews:

Das erste Album war komplett live aufgenommen […]. Bei „Schlagschatten“ sollte das anders laufen. So kamen wir zu Markus Ganter. […] Und dazu kommt seine interessante Arbeitsweise, nämlich nicht alles komplett live zu spielen, sondern im Nachgang auch noch Elemente drüberzulegen und Sachen getrennt aufzunehmen.“ – Severin Kantereit (The Mellow Music, Oktober 2018)

Zeit, die Seite zu wechseln. 1B startet mit meinem Lieblingssong „Ich geh heut nicht mehr tanzen„, der ironischerweise der tanzbarste Song ist. Ein typischer AnnenMayKantereit-Song, den man live herrlich laut mitsingen kann. Bei dem man sich in den Armen liegt und umherspringt. Die prägnante Bassline gibt hier den Takt an.

Aber „Freitagabend“ ist fast genauso tanz- und singbar. Wieso der Song das beschriebene Gefühl so gut übermittelt? Weil es der einzige Song ist, der nicht in dem kleinen spanischen Dorf aufgenommen wurde, sondern im Kreise ihrer Freunde im Kölner Probenraum. Fast schon ein bisschen Nostalgie, die hier aufkommt.

Dann aber schlägt die Stimmung um, vom unbeschwerten Wochenend-Gefühl zu einer Ernsthaftigkeit, die für die Band ganz neu ist. „Weiße Wand“ ist bedrückend und so aktuell und wahr wie sonst kaum ein Song. Henning May, der über Politik und Gesellschaft singt, ohne schönende Worte aber eben auch ohne erhobenen Zeigefinger. Einfach gerade raus.

Und wenn man gerade noch einmal schlucken muss, weil der Song eine Nachdenklichkeit zurücklässt, taucht „Hinter klugen Sätzen“ vom Makro- in den Mikrokosmos ein. Selbstreflexion, nur begleitet vom Klavier, bei der man aufmerksam zuhört und hin und wieder zustimmend nickt, sich hinter den klugen Sätzen wiederfindet.

Erneuter Wechsel, Seite 2A. „Sieben Jahre„, ein Lied, das für viele sicherlich (nur) ein trauriges Lied ist, für wenige, wie auch für mich, aus tiefstem Herzen spricht.

Dieser Bereich, Verlust und Tod, war immer da. Die Herausforderung ist, für einen Bereich, den noch nie jemand von außen so mitbekommen hat, der aber schon lange existiert, eine schöne Art und Weise zu finden, das Thema zu verpacken.“ – Severin Kantereit (The Mellow Music, Oktober 2018)

Durchatmen. Tanzen. „Jenny Jenny„. Ohrwurm! Die Frage, wo eigentlich DER Ort ist, der Ort, an dem man sich sicher und zuhause fühlt, wenn man ständig nur unterwegs ist. Nicht mehr wissen, wo man überhaupt gestern war und morgen sein wird. Ein Phänomen, verpackt in die Metapher von Jenny. Auf meine Frage, wie es dazu kam, erklärte Severin: „Ich saß mit Henning rum und habe vorgeschlagen, dass wir ja über eine Stewardess schreiben könnten. Und er meinte, dass das schon weird sei, aber wir es trotzdem mal probieren.“

Alle Fragen“ und „Du bist anders“ bringen die Nachdenklichkeit zurück, getragen von Traurigkeit, von Sehnsucht und Unsicherheit. Allesamt Gefühle, die uns im Alltag immer wieder ein Beinchen stellen. Für die AnnenMayKantereit nun (wieder einmal) den idealen Soundtrack, gespickt mit den perfekten Zitaten, liefern.

Es ist ein Auf und Ab der Gefühle, keine geschönten Hollywood-Geschichten, sondern tausend kleine Wahrheiten. Letzte Seite, 2B. Ob man „Schon krass“ nun als markerschütternde Drogenbeichte für eine gut geklickte Schlagzeile betiteln will oder sich die literarische Freiheit des Schreibers wahren und nicht jedes einzelne Wort auf die Goldwaage liegen möchte, ist jedem selbst überlassen.

Vielleicht Vielleicht„, der vorletzte Song, ist vielleicht vielleicht der schönste Liebessong des Jahres. Oder zumindest einer der allerschönsten. Ein Track, der sich ab jetzt auf jedem kitschig-romantischen Mixtape finden sollte. Der letzte, sehr ruhige Titelsong rundet ein Album ab, das man gleich noch einmal hören will. Um mehr Details zu erhaschen, um eine weitere Zeile zu finden, die das Herz höher schlagen lässt.

AnnenMayKantereit schaffen mit „Schlagschatten“ alles, nur keine Enttäuschung. Großartige Stücke, eine starke Weiterentwicklung. Henning, Severin, Christopher und Malte sind ein Stückchen erwachsener geworden, so wie wir alle. Und wer sich mit „Alles Nix Konkretes“ verstanden gefühlt hat, sollte auch diesmal nicht enttäuscht werden. Man könnte sich den Kopf über die Worte auf diesem Album zerbrechen – oder die Augen schließen und die 14 neuen Lieder genießen.


UNSER WORTWECHSEL MIT ANNENMAYKANTEREIT: (x)



ANNENMAYKANTEREIT live

31.01.2019 Mannheim, Alte Feuerwache (Ausverkauft)
01.02.2019 Ludwigsburg, Scala (Ausverkauft)
02.02.2019 Bern, Dachstock (Ausverkauft)
04.02.2019 Wien, Porgy & Bess (Ausverkauft)
05.02.2019 München, Freiheiz (Ausverkauft)
06.02.2019 Erlangen, E-Werk Kulturzentrum / Clubbühne (Ausverkauft)
08.02.2019 Dresden, Beatpol (Ausverkauft)
09.02.2019 Cottbus, Glad House (Ausverkauft)
11.02.2019 Berlin, Heimathafen Neukölln (Ausverkauft)
12.02.2019 Hamburg, Mojo Club (Ausverkauft)
13.02.2019 Bremen, Kulturzentrum Schlachthof (Ausverkauft)
15.02.2019 Bielefeld, Forum (Ausverkauft)
16.02.2019 Göttingen, Musa (Ausverkauft)
17.02.2019 Essen, Zeche Carl (Ausverkauft)
18.02.2019 Köln, Gloria (Ausverkauft)
14.03.2019 Hamburg, Sporthalle (Ausverkauft)
15.03.2019 Hamburg, Sporthalle (Ausverkauft)
16.03.2019 Hannover, TUI ARENA (Ausverkauft)
17.03.2019 Leipzig, Arena Leipzig (Ausverkauft)
19.03.2019 Düsseldorf, Mitsubishi Electric HALLE (Ausverkauft)
20.03.2019 Münster, Halle Münsterland (Ausverkauft)
22.03.2019 Zürich, Samsung Hall (Ausverkauft)
23.03.2019 Bamberg, Brose Arena (Ausverkauft)
25.03.2019 Köln, Palladium (Ausverkauft)
26.03.2019 Köln, Palladium (Ausverkauft)
27.03.2019 Köln, Palladium (Ausverkauft)
29.03.2019 Stuttgart, Porsche-Arena (Ausverkauft)
30.03.2019 München, Zenith (Ausverkauft)
31.03.2019 München, Zenith (Ausverkauft)
04.04.2019 Graz, Helmut-List-Halle (Ausverkauft)
05.04.2019 Graz, Helmut-List-Halle (Ausverkauft)
06.04.2019 Innsbruck, Dogana (Ausverkauft)
07.04.2019 Stuttgart, Porsche-Arena
09.04.2019 Trier, Arena Trier
10.04.2019 Frankfurt, Festhalle (Ausverkauft)
12.04.2019 Berlin, Max-Schmeling-Halle (Ausverkauft)
13.04.2019 Erfurt, Messehalle Erfurt (Ausverkauft)
23.05.2019 Wien, Arena Open Air (Ausverkauft)
24.05.2019 Wien, Arena Open Air (Ausverkauft)
25.05.2019 Wien, Arena Open Air (Ausverkauft)
24.08.2019 Dresden, Filmnächte am Elbufer (Ausverkauft)
25.08.2019 Dresden, Filmnächte am Elbufer
30.08.2019 Berlin, Parkbühne Wuhlheide
31.08.2019 Berlin, Parkbühne Wuhlheide (Ausverkauft)
14.08.2019 Köln, Fühlinger See


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Martin Lamberty