Dass das Leben keine Gerade ist, sondern etliche Umwege, Hoch- und Tiefpunkte bereithält, genau dann, wenn man nicht damit rechnet oder sie absolut nicht in den Plan passen, kennen wir alle. Sogar Ariana Grande – oder sollte man lieber sagen: Gerade Ariana? Die Pop-Queen schöpft aus Niederschlägen und -lagen zum Glück genügend Kraft, um innerhalb eines Jahres gleich das zweite Album herauszubringen. „thank u, next“ ist kein Album, es ist eine Lebenseinstellung.


Ein Artikel von Anna Fliege – So ähnlich lautete auch meine erste Notiz, die ich mir heute Morgen nach dem Durchhören aufschrieb: „It’s not an album, it’s a mood!„. In Großbuchstaben in schneller Handschrift, mit dem Kugelschreiber noch einmal umkreist. Nicht schön, aber wahr. Vielleicht nicht für jeden, aber für mich.

Dieser Tage läuft es gut für die 25-Jährige Ariana, die nach Jahren des Pop-Princess-Daseins nun wirklich bereit für den Thron ist. „sweetener“ war im Mai letzten Jahres ein Riesenerfolg, die dazugehörige Tour monströs und bereits ein 3/4 Jahr im Voraus so gut wie ausverkauft. Überall. Zudem lockt schon in zwei Monaten der große Sonntags-Headlinerslot beim Coachella – dort, wo im letzten April noch Eminem stand. Wer sich die Streamingzahlen der im Vorfeld erschienen Singles anschaut, dürfte sich im Klaren sein, dass auch „thank u, next“ in Albumform mit Sicherheit den ein oder anderen Rekord knacken wird.

Seit Mitternacht haben wir zumindest die Gewissheit, dass „thank u, next„, „imagine“ und „7 rings“ keine Verschleierungstaktik für ein halbgares Album waren. Ganz im Gegenteil. Die Songs fügen sich gut in das Gesamtkonzept ein. Stechen natürlich heraus, weil sie seit Wochen als Ohrwurm in unseren Köpfen existieren und uns so auf Schritt und Tritt verfolgen. Doch auch die restlichen neun Songs haben ihr ganz eigenes Potential. Was direkt auffällt, so im Vergleich zu den vorherigen Grande-Alben: man findet kein einziges Feature. Das hier ist Ariana pur, eine ganz neue Intimität.

„Been through some bad shit, I should be a sad bitch,
who woulda thought it’d turn me to a savage?“


Ein Einblick in die Gedanken, Sorgen und Gefühle, die nicht nur ein gefeierter Superstar wie sie kennt, sondern auch wir, die Twentysomethings von nebenan.

Okay, ich kann nicht mit meinen Freundinnen zu Tiffany’s gehen und eine Runde Diamantenringe schmeißen, aber darum geht es in „7 rings“ auch nur plakativ. Könnt ihr euch noch an den legendären Destiny’s Child-Song „Independent Women Pt.1“ erinnern? Arianas Song ist die 18 Jahre jüngere Schwester.

Was immer und immer wieder vermittelt wird, der rote Faden des Albums: Du kannst eine junge Frau mit Gefühlen und trotzdem unabhängig und stark sein. Reihenweise Lyrics, die man sich unter seine Insta-Selfies und hinter die Ohren schreiben möchte. „thank u, next“ wurde in den vergangenen Wochen zu einer universell brauchbaren Phrase. Und der vielleicht beste Break Up-Song des Jahrzehnts.

„Plus, I met someone else, we havin‘ better discussions.
I know they say I move on too fast but this one gon‘ last
‚cause her name is Ari and I’m so good with that“


Ariana rechnet auf so elegante Weise mit ihren Ex-Freunden ab, dass man den Song gerne an den ein oder anderen Herren seiner Vergangenheit weiterleiten möchte. Doch ist sie nicht vollends auf bittersüße Rache aus, ganz im Gegenteil. An einer Stelle trifft sie für viele einen ganz wunden Punkt. Und das Album streut weiter Salz hinein.

Denn wer bei „wish I could say, ‚Thank you‘ to Malcolm ‚cause he was an angel“ wie ich schon einige Tränen verdrücken musste, dem wird „ghostin“ wohlmöglich das Herz brechen. Ariana nutzt hier einen runtergepitschten Part von „2009„, ein Song ihres Ex-Freundes Mac Miller. Dieser verstarb im letzten September wenige Monate nach der Trennung des Paares und kurz nach Veröffentlichung seines letzten Albums „Swimming“ im Alter von 27 Jahren letzten September an einer Überdosis. Zudem deuten auch die Lyrics auf eine Hommage an den verstorbenen Rapper hin. Gebt mir einen Moment, ich muss kurz weinen.

Zum Glück hat „thank u, next“ ein paar Songs auf Lager, mit denen man die Traurigkeit zumindest temporär wegtanzen kann. „bloodline„, „NASA“ und „bad idea“ sind hier unsere partner in crime.

Nach all dem Auf und Ab dann schließlich „break up with your girlfriend, i’m bored“ – ein Wahnsinnssong mit einem Selbstbewusstsein, das man mit einer Prise Humor nehmen darf. Der R&B-Beat und die Stimmung erinnern an ein Stück weit an Rihanna (die dank der „make up„-Zeile „no eyeliner on, but looking at you is the fix. Highlight of my life, just like that Fenty Beauty kit“ sogar eine Art Cameo hat und macht richtig Spaß. Der neue Soundtrack für Tage, an denen man sich nicht besonders gut fühlt.

Herzschmerz, Girl Power, Mut: man möchte sich vor Ariana verbeugen. Außerdem möchte man sie in den Arm nehmen, gemeinsam mit ihr weinen, sich irgendwie verstanden fühlen, sie als Vorbild nehmen. Selbst, wenn der Albumtitel es suggerieren könnte: „thank u, next“ möchte ich nicht allzu schnell wieder loswerden.



ARIANA GRANDE live

01.09.2019: Köln, Lanxess Arena
05.09.2019: Hamburg, Barclaycard Arena
10.10.2019: Berlin, Mercedes Benz Arena


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music