Manchmal gibt es Momente, in denen man irgendwie über einen neuen Künstler oder eine neue Künstlerin stolpert, und man so stark von der Musik eingesogen wird, dass man sich danach nur noch fragt, wie man es bisher ohne sie ausgehalten hat. So in etwa fühlt es sich mit Jessica Pratt an.


Ein Artikel von Maren Schüller – Obwohl die Sängerin bereits zwei Alben veröffentlicht hat und sogar schon beim Pitchfork Music Festival aufgetreten ist, gilt sie immer noch als Geheimtipp.

Allen, die manchmal nicht mehr wissen, wo ihnen vor lauter Alltagsstress der Kopf steht, und auch in der üblichen Radiomusik keinen Ausweg daraus mehr finden, sollte man schon fast ein Rezept für Jessica Pratt ausstellen. Mit ihrer heilenden Stimme und kalifornischen Folk-Elementen der Sechziger und Siebziger Jahre im Ohr werden wir uns alle bald besser fühlen.

Auf das mysteriöse Piano auf „Opening Night“, dem ersten Song des dritten Albums „Quiet Signs“ via City Slang (Rough Trade), könnte auch ein verraucht klingendes Saxophon folgen – noch glücklicher kann man sich aber über den Beginn eines weiteren geflüsterten Albums von Jessica Pratt schätzen.

In Zeiten, in denen möglichst schnell, möglichst laut und möglichst einfach zur Grundausstattung der meisten im Mainstream erfolgreichen Musiker gehören, entzieht die Sängerin sich dem Trubel, arbeitet hauptsächlich mit der guten alten Akustikgitarre und gewinnt dabei vielleicht nicht an Schnelligkeit, dafür aber an Intensivität.

Einfach mal anders machen

Sie verzichtet nicht nur auf Schnelligkeit und eingängige Refrains, nein, sie beschränkt sich auf ihrem ersten professionell produzierten Album einfach mal auf das Essenzielle: die Erfüllung ihrer musikalischen Vision. Sieben lange Jahre arbeitete die Künstlerin aus Los Angeles an den 9 neuen Songs und bekam dabei Unterstützung von dem Produzent Al Carlson, der auch für den Einsatz von Flöte, Orgel und Piano verantwortlich ist. Was lange währt, wird endlich gut!

Jessica Pratt selbst mag gerne den Sound von Nick Drake oder Brian Wilson, dem kreativen Kopf der Beach Boys, dem immer eine gewisse Melancholie anhängt. Ihre Kreativität lebt sie meistens in dem Gefühl der Trauer aus, was auch auf dem neuen Album zu hören ist. Highlights sind dabei das verträumte und irgendwie schwerelose Stück „Fare Thee Well“ und „Crossing“, das mit Weltschmerz gefüllt ist. Ihre Texte gleichen Gedichten und vermitteln so eine ganz intime Art von Trauer, wie zum Beispiel bei „This Time Around“:

„I don’t wanna try no longer your songbird singing the darkest hour of the night
I don’t wanna find that I’ve been marching under the crueler side of the fight
It makes me want to cry“

Die Ruhe in ihrer Musik versprüht Weisheit und Kraft, genau dadurch, dass die Musik in ihrer reinen Form eben einfach ausreicht. Sie lässt die fast schon psychedelisch-anmutenden Klänge einfach sein und erzählt aus ihrer mit Wärme gefüllten Welt, in der Dinge einfach gesagt werden, um sie zu gesagt zu haben. Weil das manchmal reicht.

Jessica Pratt kämpft auf ihrem dritten Album mit Schwermut und Trauer und beweist dabei einmal mehr, wie viel Kraft in ihr steckt. Sie verdient die volle Aufmerksamkeit des Publikums, wenn sie uns im Frühjahr diesen Jahres mit einer Albumtour in Deutschland den Eintritt in ihre zauberhafte Welt erlaubt. Wer nicht warten kann, darf sich ab dem 08.02. mit „Quiet Signs“ in akustischer Schwerelosigkeit wiegen.



31.03. – Köln, Artheater
01.04. – Hamburg, Nochtspeicher
02.04. – Berlin, Heimathafen


Autorin: Maren Schüller Foto: Saamuel Richard