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Bear’s Den & „So That You Might Hear Me“: Neue Wege, selbes Ziel

Bear’s Den & „So That You Might Hear Me“: Neue Wege, selbes Ziel

Well I’m keeping it together but you don’t know the half of it“ ruft uns Andrews energische Stimme nach 52 Sekunden entgegen. Wie schon „Agape“ und „Red Earth & Pouring Rain“ ist „Hiding Bottles“ ein Opener, der sich nicht kleinmacht oder lediglich als Appetizer dient. Wenn eine Minute später die gewohnt melodischen Gitarrenriffs endgültig einsetzen, ist man schon mittendrin. 

Ein Artikel von Anna Fliege – An genau dieser Stelle schließe ich die Augen, atme tief ein und beginne zu grinsen. Seit ich Bear’s Den erstmals 2015 an der Berliner Waldbühne als Support meiner Lieblingsband Mumford & Sons sah, schaffte ich ihnen ein ganz besonderen, dauerhaften Platz in meinem Herzen. Und es sind kleine Momente wie diese, die ein Kribbeln in der Magengrube auslösen. Mit der Veröffentlichung ihres dritten Albums „So That You Might Hear Me“ ändert sich an dieser Tatsache überhaupt nichts. Selbst, wenn sich einiges verändert hat.

Die Londoner Band begann ihren musikalischen Streifzug mit Banjo-Akkorden und Americana-Anleihen. Nach ihrem Debütalbum verschwand der greifbare Folkcharakter und wandelte sich zu etwas Modernerem, breite E-Gitarren mischten sich unter die unverkennbaren Melodien. Unabhängig von gewählten Instrumenten ist seit jeher aber der hohe Grad an ehrlicher Emotionalität, die von der Band ausgeht und die sie schlussendlich auch bei ihren Hörern auslösen.

Auf ihrem dritten Werk greifen Andrew Davie und Kevin Jones zu neuen Möglichkeiten. Sie verbinden ihren Background mit Beats und Synths, schaffen Synergien von Debüt „Islands“ und Nachfolger „Red Earth & Pouring Rain“ auf einer ganz neuen Stufe und geben damit „So That You Might Hear Me“ eine derartige Daseinsberechtigung, dass niemand etwas einzuwenden haben dürfte.

Das Rad neu erfinden müssen die Briten dafür nicht. Schon gar nicht ihr eigenes. „Conversations With Ghosts“ (besonders für „Islands„-Liebhaber) oder „Blankets of Sorrow“ klingen vertraut und auch „Laurel Wreath“ hat trotz Synthesizer dieses wohlig warme Gefühl. Und da Orchester-Adaptionen von Indie-Bands gerade sowieso ein Ding sind, würde ich Bear’s Den gerne als nächsten Kandidaten nominieren. Mit letzterem Song als Aushängeschild.

„You don’t have to be lonely alone, I could be there in a heartbeat.“



Andererseits finden sich unter den insgesamt 10 Songs auch solche, die ein paar Umdrehungen auf dem Plattenteller brauchen, um eine gewohnte Geborgenheit zu vermitteln. „Fuel on the Fire„, eine der ersten Veröffentlichungen, überrascht durch seine elektronischen Ausuferungen ebenso wie „Not Every River„. Doch statt solche Tracks durch den Elektronik-Fleischwolf zu jagen, glänzen Bear’s Den mit Kreativität und Tiefgang. So ist in beiden Tracks zum Beispiel mehrmals der Sonar-Sound eines U-Bootes zu vernehmen. Laut Kevin „the loneliest sound in the world„, wie er im „So that you might hear me – The Podcast“ erzählt.

Evangeline“ ist, zumindest für mich persönlich, die größte Überraschung des Albums. Über 4 1/2 Minuten Länge, umgeben von musikalischen Dominanzwechseln und unvorhersehbaren Bestandteilen. Was mit einem angetäuschten Beatgefrikel beginnt, geht mit der Zeit über in ein souveränes Bläserkonstrukt, das man in dieser Art eher bei Beirut als auf einer Bear’s Den-Platte vermuten würde.

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Melodisch vertrauter ist da „Crow„, der allerdings mit seinen nackten Gefühlen überrumpelt, ja vielleicht den ein oder anderen auch von den Füßen holt.  Es ist der Song auf „So That You Might Hear Me„, der mir bei jedem Hören Tränen in die Augen treibt. Weil er trifft. Mittenrein.

Bear’s Den bleiben sich treu, ohne auf der Stelle stehen zu bleiben. Gehen neue Wege, ohne von ihrem Ziel abzukommen. sind mutig, ohne übermütig zu sein. Zeigen, wie Kreativität und Intimität zusammen etwas Großartiges schaffen können.


The song ‘Crow’ was written in memory of my Mum’s boyfriend who lived with us growing up. He was an awesome guy and somewhere between a father figure and a best friend to me growing up but unfortunately he passed away when I was 15. I wrote this song as I wanted to acknowledge how important and thankful I am to him for helping to raise me and my sister.“ – Andrew Davie



BEAR’S DEN live

22.06.2019: Neuhausen ob Eck, Southside Festival
23.06.2019: Scheeßel, Hurricane Festival


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Sequoia Ziff

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