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Ben Howard & „Noonday Dream“: Eine meditative Traumreise?

Ben Howard & „Noonday Dream“: Eine meditative Traumreise?

Eine Tumblr-Userin schrieb vor einigen Jahren einmal: „I have two moods: Ben Howard’s first album & Ben Howard’s second album.“ Besser könnte man die bisherige Diskographie des britischen Singer-Songwriters nicht beschreiben. Das relativ lebensfrohe Debütalbum „Every Kingdom“ und das düstere, schwere „I Forget Where We Were„. Doch wie geht es nach zwei so konträren Alben in der Erfolgsgeschichte Ben Howard weiter?

Seit heute haben wir mit „Noonday Dream„, Album Nummer 3, eine Antwort. Eine Antwort, die sich so mancher Fan, ich möchte mich an dieser Stelle nicht ausklammern, vielleicht anders ausgemalt hatte. Howard zog sich zurück, reiste viel, widmete sich der Poesie und seinem Bandprojekt A Blaze Of Feather, ganz ohne Musik schien es dann doch nicht zu gehen. Nach seiner Rückkehr entstand schließlich dieses Album.

Love is in the early mornings in the shadows under the trees, not in the cuckolded ashes floating down from the rookery.“

Noonday Dream“ ist melancholisch. Natürlich, ein Ben Howard ohne Melancholie wäre schließlich kein Ben Howard, oder? Doch ist es nicht die beinah pathetische Melancholie, die „I Forget Where We Were“ oder die „The Burgh Island“ EP umgab. Eine ganz neue Form der Melancholie, irgendwie beklemmend und irgendwann, im Laufe der Zeit, erschreckend befreiend. Auf einer Länge von 50 Minuten manövriert uns das Album in eine Art Schwebezustand. Raus aus dem Alltag, rein in einen entschleunigenden Traumzustand. Treibende Klänge, Howards fragil-kratzige Stimme. Das hier geht tiefer.

Produktionstechnisch ist „Noonday Dream“ jedenfalls ein wahres Meisterwerk. Die zum Teil mehr als 6 Minuten langen Tracks sind so abstrakt wie vollendet. Fragmentale Soundschnipsel zusammengesetzt zu atmosphärischen, breiten Songs. Kein 0815-Album von der Stange, keins das danach klingt, im Südwesten Englands entstanden zu sein. Nach ettlichen Reisen kehrte Ben Howard in seine Heimat zurück und arbeitete gemeinsam mit Mickey Smith in einer Hütte in Cornwell am neuen Album. Über diese Zeit spricht der Musiker von Sesshaftigkeit und erzählt von seinen Natur-Beobachtungen. Es scheint, als hätte er ein neues Bewusstsein erlangt, das er nun, mit diesem Album, musikalisch verewigen wollte.

„Well, I am loved through sickness, today I am courage at the track. It’s so peaceful here, no one to fuck it up. I could lay here for hours and hours and not ask you for much.“

So vereint „Noonday Dream“ Sehnsucht und Freiheit, die das Verlassen des Zuhauses und die Unbeschwertheit der Ferne mit sich bringen. Es ist kein oberflächliches Nebenbei-Album, keine belanglose Platte, die nebenher im Auto läuft oder zu dessen Songs man durch die Küche oder gar in einem Klub tanzt. Es geht hier um etwas ganz anderes.

Ben Howard ruft mit seinem dritten Album ein gewisses Bewusstsein beim Hörer hervor, wie er es selbst im Entstehungsprozess erfahren hatte. Aufmerksam zuhören, um verstehen zu können. Den Rest der Welt für eine knappe Stunde ausblenden, um fühlen zu können. Wenn man so will, ist „Noonday Dream“ eine meditative Traumreise, zu der uns der Sänger einläd. Eine Reise, die zuerst kompliziert und beklemmend zu sein scheint, um uns irgendwann aus eben diesen Denkmustern zu befreien und mitten ins Zentrum der Gefühlswelt zu treffen.


BEN HOWARD live

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01. Juni – E-Werk, Köln (ausverkauft)
06. Juni – Admiralspalast, Berlin (ausverkauft)
08.-09. September – Lollapalooza, Berlin



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music

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