Ben Khan war vor wenigen Jahren DER Soundcloud-Star, brachte die Kritiker zuerst 2014 mit seiner Debüt-EP „1992“ und der wenig später folgenden Fortsetzung „1000“ um den Verstand und wickelte sie um den Finger. Darauf folgte jedoch kein vom Hype gedrängtes Album, sondern Stille. Lange Stille. Erst jetzt, im Hochsommer 2018, ist der Londoner bereit, sein selbstbetiteltes Debütalbum auf die Öffentlichkeit loszulassen. Zurecht fragt man sich: Hat es sich gelohnt? Oder ist das heute schon Schnee von gestern?

Die simple Antwort: Es hat sich gelohnt.

„Get this feeling i’m a bad man but I haven’t done that much wrong, still honey drips in my lungs and its twisting up my tongue“

Die komplexere Antwort: „Ben Khan“ ist ein gereiftes, durchdachtes Meisterwerk. Ein Album, das den Hörer nach einer kurzen Gewöhnungsphase vollkommen in seinen Bann zieht. Der brachiale Opener „2000 Angels“ lässt auch gar keine andere Wahl.

Futuristische Beat-Fragmente harmonieren gleichsam mit Ben Khans sanfter Stimme und der Gitarre, die mal laut und überspitzt, mal Jazz-inspiriert den Ton angibt. Gespickt werden die 15 Tracks, die mal 23 Sekunden, mal 5 1/2 Minuten lang sind, durch akzentuierte Samples, die dem Gesamtwerk eine weitere Ebene schenken.

Still can’t tell if you love me are we gonna break the spell? Still can’t tell if you don’t speak, are we gonna break away?

Und schon steckt man mittendrin in dieser innigen Liebesaffäre zwischen Ben Khan und seinen Loop Boards. Inmitten einer Welt, gelenkt von starken Gefühlen wie Zorn und Traurigkeit, die sich auf die Tracks widerspiegelt. Von Liebe und Fragezeichen, die diese umgeben, von Selbstzweifeln und der Suche nach Lösungen.

In Khans Musik steckt unüberhörbar der Einfluss der elektronischen Musikszene Londons, doch ebenso wird sie von der Geschichte seiner Familie geprägt. Schon die Kunst des Covers lässt sich mit der Herkunft seines Vaters, Kaschmir, verbinden. Doch nicht nur auf der Oberfläche, auch im Herzen des Albums stecken wiederkehrend Elemente der asiatisch-islamischen Kultur. „Ben Khan“ ist ein Abenteuer, eine eigene Welt. Futuristisch, dystopisch und doch so verträumt. So einnehmend, dass man schnell vergisst, dass es sich um ein Debütalbum handelt.

Für Fans von: SOHN, Ry X, James Blake, Fyfe



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Derrick Santini