Wenn im nächsten Jahr die großen Listen für die größten Künstler des dann vollbrachten Jahrzehnts aufgestellt werden, wird man die Wiener Band mit dem einst so schief beäugten Namen weit oben finden, wenn nicht sogar an der Spitze. Mit dem Namen Bilderbuch verbindet man 2019 keine Kinderbespaßung mehr, sondern künstlerische Klasse auf ihrem höchsten Niveau. „Vernissage My Heart“, das zweite Album innerhalb weniger Monate, wird in den nächsten Wochen einiges dazu beitragen.


Ein Artikel von Anna Fliege – Die stand alone-Mitgröhl-Hits a lá „Maschin“ und „Bungalow“ sucht man hier zwar vergebens, die ungebündelte Kreativität der Österreicher macht dies aber sowieso sekundär. Das hier ist nicht für die Radiohits, sondern für die Kunst! Der Autotune-Anteil ist beängstigend hoch, verleiht der ganzen Szenerie dabei aber einen einzigartigen Jam, den man so noch nicht erlebt hat.

„Manchmal da fühl ich diese Welt. Sie braucht mich die meiste Zeit, da fühl ich überhaupt nichts, doch manchmal fühl ich diese Welt. Sie braucht mich.“ 

Es ist Album Nummer 6 und wieder eins, das nicht klingt wie der Rest, das die Weiterentwicklung der Band dokumentiert. Bilderbuch waren schon immer etwas schräger als alle anderen, viel exzentrischer und mutig bis in die Zehenspitzen. Nach „Schick Schock“ hätten sie ohne kommerzielle Probleme „Schick Schock 2“ produzieren können und die Leute hätten ihnen aus den Händen gefressen. „Magic Life“ ließ stattdessen viele Norm-Fans kalt auflaufen und bewies die Bilderbuch-Kunst, weit über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen.

Die Texte von „Vernissage My Heart“ lesen sich wie postmoderne Gedichte und genau genommen sind sie es auch. Hier verschmelzen Deutsch und Englisch schamlos ineinander, der Wiener Dialekt klingt dabei avantgardistisch wie eh und je. Zum Markenzeichen ist das geworden, ebenso wie die fancy Gitarrenriffs und -soli, die auch hier wieder prominent um die Ecke kommen. Auf der Länge von 8 Songs ist „Vernissage My Heart“ zwar kein Endlos-Album, aber trotzdem ein Brett, das tendenziell von vorne bis hinten durchgeliebt werden kann.

„Triff mich auf der Vernissage. Sippe am Martini bis der Morgen kommt. Du siehst mich an der weißen Wand
Doch ich bin nur das Bild, das du von mir siehst.“

LED go„, das Aushängeschild des Albums mit dem superkreativen Video (hier: „LED go„) ist genauso ein Ohrwurm wie „Ich hab Gefühle“ oder „Mr. Supercool„. Am allerwichtigsten ist jedoch der große Abschluss: „Europa 22„. Das ist nicht nur ein riesen Song im Sinne der Länge, viel wichtiger noch ist die Message dahinter. Zum ersten Mal geben sich Bilderbuch so richtig politisch und verstecken sich dabei nicht hinter cleveren Wortspielereien. In Zeiten von Brexit, EU-kritischen Parteien und Ländern, der anstehenden Europawahl und der nicht enden wollenden Identitätsdiskussionen positionieren sich Bilderbuch offen, ehrlich und zukunfsweisend. Starkes Dingen!

„Ein Leben ohne Grenzen, eine Freedom zu verschenken, eine Freiheit, nicht zu denken. I better open my eyes, ich mach‘ die Augen auf“.

Dass Maurice & Co. keine Band für die planlosen Massen ist, zeigt sich im Verlauf ihrer Karriere immer mehr. Dieses Album ist nicht das eingängigste, verlangt Intellekt und die Fähigkeit, sich auf Musik einzulassen und die Millionen Fragmente der Songs zu verstehen, statt sie nur blind und oberflächlich zu konsumieren. „Vernissage My Heart„, ein Artsy Pop-R&B-Punk-Hybrid, der Bilderbuchs Image als großartigste Band des aktuellen Zeitgeists weiter manifestieren wird.



BILDERBUCH live

06.04.19: Würzburg – Posthalle
07.04.19: Stuttgart – Beethovensaal
08.04.19: Offenbach – Capitol
09.04.19: Oberhausen – Turbinenhalle
11.04.19: Leipzig – Haus Auensee
12.04.19: Hannover – Capitol
13.04.19: Köln – Palladium
14.04.19: Kassel – Stadthalle
16.04.19: München – Zenith
17.04.19: Hamburg – Docks
18.04.19: Berlin– Columbiahalle


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Timothy Schaumburg