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Bring Me The Horizon & „amo“: Kompromiss trifft Mut

Bring Me The Horizon & „amo“: Kompromiss trifft Mut

Bereits vor 3 1/2 Jahren spalteten Bring Me The Horizon mit dem Album „That’s The Spirit“ ihre (damalige) Fanbase in zwei Lager: die eine Hälfte war hellauf begeistert vom neuen poppigeren Sound der Band, die andere Hälfte erkannte ihre Metalcore-Lieblingsband nicht wieder. Ihr sechstes Album „amo“ wird diese Trennung nun noch einmal kräftig vorantreiben – und gleichzeitig eine neue Zielgruppe finden.


Ein Artikel von Anna Fliege – Zugegebenermaßen erlebte die 2006 im Dunstkreis des Deathcore gestartete Band einige musikalische Revolutionen und damit einhergehend wechselnde Fanlager.  Mit dem vollständig von Sänger Oliver Sykes und Keyboarder Jordan Fish produzierten „amo“ attestieren sie ein weiteres Mal ihren Mut.

Für Metal-Festivals zu sehr Teenie-Schwarm, für Rock-Festivals viel zu außergewöhnlich und für Indie-Festivals höchstens als Late Night Special denkbar: In eine Schublade passten sie nie und die Chancen stehen gut, dass sie es niemals tun werden. Dass sich die Irgendwie-Außenseiter dennoch nicht beklagen können, beweisen hohe Chartplatzierungen, immerzu ausverkaufte Touren und erst kürzlich das, womit wahrscheinlich niemand gerechnet hätte: eine waschechte Grammy-Nominierung. Ohja, richtig gelesen. „amo„-Lead-Single „MANTRA“ ist als bester Rock-Song des Jahres nominiert.

Während ich beim ersten hören des Songs keinen persönlichen Grammy vergeben wollte, entwickelte sich „in the dark„hingegen überraschend schnell zu einem (meinem) Lieblingssong. Wer hätte gedacht, dass man mal zu einem ihrer Songs rhythmisch klatschen statt übermütig moshen könnte. Denn trotz all den experimentellen Ausbrüchen lassen sich die Jungs aus Steel City manche Elemente einfach nicht entreißen. Hier besteht das Metal-Gitarren-Riff eben neben dem EDM-Sample. Denn Musik ist in den letzten Jahren vielfältiger geworden. Waghalsiger. Grenzenüberschreitend. Und insbesondere kompromissbereit. Das gilt 2019 auch für eine Band wie Bring Me The Horizon.

Da wäre „nihilist blue„, der nur so lange völlig abgedreht klingt, bis man Grimes als Feature-Partnerin ausfindig macht. Oder „sugar honey ice & tea“ und „why you gotta kick me when i’m down?„: zwei Songs, die mit ihren Rap-Anleihen besonders etwas von Sykes‘ persönlichen musikalischen Vorlieben preisgibt. Tracks, die live zum Highlight werden und der Band ganz neue Wege ebnen könnte. Ganz zu schweigen von „fresh bruises„, der Metalheads die Haare raufen und Freunde der elektronischen Musik verwundert feststellen lässt, dass es sich bei diesem Interlude wirklich um Bring Me The Horizon handeln soll.

Doch zwischen all den mutigen Samples, Spuren und Beats steckt persönliche Tragödie. Mit „amo“ verarbeitet Frontmann Oli Sykes seine schicksalsvolle Scheidung und reflektiert damit das Thema Liebe („amo“ ist im übrigen das portugiesische Wort für Liebe) nicht auf einer banalen, herkömmlichen Art, sondern ergründet besonders ihre Schattenseiten.

„I’ve always said it, but writing music and lyrics is the most therapeutic thing.“– Olli Sykes (NME, 2018)

Rein objektiv betrachtet handelt es sich bei „amo“ um ein facettenreiches, detailverliebtes Album voller Überraschungen. Subjektiv ist, zumindest für jemanden wie mich, die „There Is a Hell, Believe Me I’ve Seen It. There Is a Heaven, Let’s Keep It a Secret.“ liebte, „Sempiternal“ als eines der besten Alben jemals bezeichnete und „That’s The Spirit“ zumindest nicht vollends leugnete, Bring Me The Horizon’s sechstes Studioalbum erstmal ziemlich gewöhnungsbedürftig. Und gerade deshalb ist es so wichtig, „amo“ eine Chance zu geben. Dabei vielleicht nicht alle Songs gleichermaßen zu mögen, aber immerhin eine Hand voll Lieblinge zu finden. Tracks mehrfach auf sich wirken lassen und doch noch Gefallen daran finden. Und für die absoluten Verneiner haben BMTH mit „heavy metal“ (featuring The Roots-Beatboxer Rahzel) den perfekten Song auf das neue Album gebracht:

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„‘Cause some kid on the ‘gram said he used to be a fan but this shit ain’t heavy metal“



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Bring Me The Horizon

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