Wenn man Charly Bliss kennt, weiß man, dass der Spaß an der Sache ihnen bisher wichtig war, ob in ihren Riffs, den Texten oder aufwändigen, humorvollen Musikvideos. Jetzt sind sie wieder da, und plötzlich ist ihre Welt nicht mehr so blumig-bunt: Auf ihrem zweiten Album „Young Enough“ via Barsuk Records werden viele unschöne Erfahrungen verarbeitet.

Ein Artikel von Maren Schüller – 2017 starteten sie mit ihrem Power Pop Sound erstmals durch und zeigten eine Welt voller Unschuld, Jugendlichkeit und Spaß. Die vier jungen Amerikaner nahmen sich des Öfteren auch mal selbst nicht so ernst, wenn sie sich in ihren Musikvideos als Nerds oder Hippies verkleideten, mit Gitarren hoch oben im Kletterwald standen oder mit Farbe im Gesicht wild herumtanzten.

Mit Songtexten wie „I am four years above sixteen / I bounced so high I peed the trampoline / I’m too sad to be mean / I’m gonna end up working at Dairy Queen“ legten sie eine unbekümmerte, gleichgültige Attitüde an den Tag, und sie stand ihnen sehr gut.

Plötzlich melancholisch

Das ist mittlerweile zwei Jahre her und mit dem neuen Album zeigen Charly Bliss, dass in der Zwischenzeit viel passiert ist. Schon im ersten Song „Blown To Bits“ singt Eva Hendricks über den Zerfall von Dingen und wie es ihr das Herz bricht, dabei zuzusehen. So einen bedrückten Opener kennt man nicht von der Band. Der Sog geht mit der Single-Auskopplung „Capacity“, die bereits vor drei Monaten veröffentlicht wurde, direkt weiter:


„I used to think that I should be good at everything
Now I know I was wrong I used to think that
I should do right by everyone now I know I was wrong“



Im Gegensatz zum Debüt, wo Selbstreflexion vielleicht mal spaßeshalber erwähnt wurde, wird sie hier groß geschrieben. Es wird klar, dass die Gruppe mit der Zeit viel über das Leben und den Umgang mit anderen gelernt hat. Vor allem Eva, die Sängerin und Songwriterin, hat eine schlimme Zeit durchlitten.


„I used to think one man could fill me up
But now I know that if I’m always stuck
Obsessed with somebody else
Distracting myself from looking at myself“


Sie erzählt von einer Beziehung, in der sie sexuell missbraucht wurde. Die meisten Songs auf „Young Enough“ schrieb sie, um diese Erfahrung zu verarbeiten und sie sich selbst zu erklären. Herausgekommen ist eine Reife, die man leider oft erst erreicht, indem man etwas schlimmes durchlebt. Aber Hendricks schöpft eine neue Art von Stärke daraus:„Simply put, the song ‚Chatroom‘ is a colossal ‚fuck you‘ an a celebration of reaching the point of a ‚fuck you‘ that isn’t diluted by self-blame or apologies.“

Tanzbarer Trübsinn

Charly Bliss sind nicht nur nachdenklicher geworden, auch ihr Sound hat sich entwickelt. Statt möglichst schneller Riffs und Melodien zum Mitnicken bauen sie auf „Young Enough“ auf ein Zusammenspiel, das mehr Tiefe bietet – sei es nun zum Träumen, Hassen oder Tanzen. Gewohnt verspielte Synthietöne treffen auf langsamer gewordene Drums, und es ist genauso erfrischend, wie wenn man bei Sommerdämmerung mit offenem Fenster im Auto die Landstraße lang fährt.

Den klassischen Sound der Power Popper gibt es mit „Under You“ zum Glück immer noch, und träumen lässt es sich wunderbar mit „Camera“ und „Young Enough“.

Charly Bliss haben sich mit ihrem zweiten Album enorm weiterentwickelt. Ob man das gut oder schlecht findet, ist jedem selbst überlassen. Fakt ist jedoch, dass sie sich den Herausforderungen des Lebens stellen, sie in ihrer Kunst verarbeiten und damit Anderen einen Soundtrack für trübe Tage schenken, der immer noch tanzbar ist. Denn es sind immer noch Charly Bliss.



Autorin: Maren Schüller / Photocredit: Ebru Yildiz