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Danger Dan & „Reflexionen aus dem Beschönigten Leben“: Auf der anderen Seite

Danger Dan & „Reflexionen aus dem Beschönigten Leben“: Auf der anderen Seite

Würde man den lokalen Medien und den Menschen hinter uns an der Supermarktkasse Glauben schenken, bestünde Deutschrap momentan einzig aus Gewaltverherrlichung, Drogenexzessen, zelebriertem Sexismus und offenen Antisemitismus. Zum Glück ist dies ein riesiger Trugschluss und zum Glück gibt es Künstler wie Danger Dan.

Mit „Reflexionen aus dem Beschönigten Leben“ veröffentlicht das Antilopen Gang-Mitglied sein erstes (richtiges) Soloalbum. Dies fand seine Anfänge, als Danger Dan lieber mit Songs texten prokrastinierte, als den ausführlichen Fragebogen seiner gerade begonnenen Psychotherapie auszufüllen. So entstand der Titel des Albums aus einer Erkenntnis heraus: „Im Rahmen der Anamnese sollte ich meine wichtigsten biographischen Eckpunkte benennen. Keine leichte Aufgabe. Ich hatte mittlerweile so viele Lebensläufe gefälscht und beschönigt, dass ich selbst nicht mehr sicher sagen konnte, welche Version denn am ehesten der Wahrheit entspricht.“

Eigenständig fing Daniel Pongratz an, das Album mit der Unterstützung von Bandkollege und Bruder Panik Panzer zu produzieren. Dabei rumgekommen sind 12 facettenreiche Titel, die mit Charme, Witz und ordentlich viel eiskalter Ehrlichkeit daherkommen.

Mit dem Blick auf die Tracklist höre ich schon so manchen den Rotstift zücken, um meine Einleitung zu kritisieren. Ja, „Einen aufs Maul“ und „Mein Heroin“ klingen wie astreine Bestätigungen der aktuellen Deutschrap-Diskussionen – doch Obacht! Wie immer gilt, Texte im Kontext wahrzunehmen, richtig zuzuhören und nicht zu vergessen, dass wir uns immer noch in der Kunst befinden und Kunst ungleich Realität ist.

Während es unter Gangster-Rappern eher uncool ist, Frauen normal und gleichwertig zu behandeln, hält Danger Dan nichts von diesem Chauvinismus. Mit der Singleauskopplung „Sand In die Augen“ präsentiert sich der Vater einer Tochter als überzeugter Feminist. Zum Song äußert er sich deutlich: „„Feministische Väter von Töchtern sind ein merkwürdiges Phänomen. Man fragt sich, warum die erst durch ihre väterlichen Schutzreflexe bemerken, dass wir in einer sexistisch aufgeladenen und frauenfeindlichen Welt leben.“

Bei „Reflexionen aus dem beschönigten Leben“ handelt es sich zwar um ein Soloalbum, um eine kurze Zusammenkunft der Antilopen Gang müssen wir dennoch nicht verzichten: auf „Drei gegen Einen“ holt Danger Dan sowohl Panik Panzer als auch Koljah in den Vordergrund. Ein schönes Feature, das jedoch von dem einen anderen Feature dieses Albums in den Schatten gestellt wird.

Stellt euch vor, ihr könntet mit euerm musikalischen Kindheitshelden zusammen einen Song aufnehmen. Tja, Danger Dan hat’s einfach getan. Sein Kindheitsheld heißt Sebastian Krumbiegel und ist Sänger in der Band Die Prinzen. Das klingt völlig abstrus und das ist es auch. Das Acapella-Duett „Die Prinzentragödie“ könnte glatt als Disstrack durchgehen – ein Disstrack im Prinzen-Stil. Hammer!

Am Ende des Albums steht der Track „Die Verwandlung„. Dank Reclam-gelbem Cover steigt nun natürlich die Hoffnung, dass es sich bei dem Song um eine Kafka-Anspielung handelt. Was soll ich sagen, wir werden nicht enttäuscht. Gregor Samsa, ähm, ich meine natürlich Danger Dan, ist auf der Suche nach dem richtigen Weg im Leben.

Dies spiegelt das Album tatsächlich sehr treffend wieder. Na klar, wer die Antilopen Gang liebt, wird „Reflexionen aus dem beschönigten Leben“ recht schnell ins Herz schließen können. Hier gibt es keine neue Selbsterfindung, keine wilden Experimente, keine Maskerade sondern einfach nur Danger Dan, wie wir ihn kennen.

Doch auch unabhängig von seinem doch sehr erfolgreichen Background (immerhin erklomm das letzte Antilopen-Album direkt man #1 der Albumcharts), präsentiert uns der Rapper aus Aachen ein intelligentes deutschsprachiges HipHop-Album. Allein durch den offenen Umgang mit seiner Therapie erreicht Daniel ein Respekt- und Vorbild-Level, von dem viele seiner Kollegen nur träumen oder plump rappen können.

See Also



DANGER DAN „Beschönigtes Leben“-Tour 2018

19.09.2018: Nürnberg – Desi
20.09.2018: München – Kranhalle im Feierwerk
21.09.2018: AT-Wien – Chelsea
22.09.2018: Dresden – GrooveStation
26.09.2018: Münster – Gleis 22
27.09.2018: Köln – Luxor
28.09.2018: Stuttgart – Schräglage
29.09.2018: Wiesbaden – Schlachthof
02.10.2018: Berlin – SO36
04.10.2018: Hamburg – Hafenklang
05.10.2018: Leipzig – Conne Island


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Jaro Suffner

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