K.I.Z waren nie die stereotypischen Deutschrap-Delegierten. Ihre Texte nichts für schwache Nerven, ihr Humor nicht geeignet für eindimensional Denkende. Dass gerade Maxim, Tarek und Nico die Vorreiter in Sachen Sexismus-Bekämpfung sind, ist der breiten Masse dabei vermutlich gar nicht bewusst.


Ein Artikel von Anna Fliege – Dortmund ist seit jeher eine durch vorherrschende Männlichkeit geprägte Stadt. Ich bin hier geboren. Im Bier-Imperium. In der Heimat eines Fußballvereins mit einer der bekanntesten Herren-Mannschaften der Sportwelt. An einem Sonntagabend die Westfalenhalle 1 zu betreten und diese komplett gefüllt mit jungen, euphorischen Frauen zu sehen, die gerade leidenschaftlich zum Pausensong „My Humps“ von den Black Eyed Peas mitsingen, löst bei mir eine wohlige Welle der Gänsehaut aus.

Seit einigen Jahren ist es für K.I.Z eine liebgewonnene Tradition, am 08. März, dem Frauenkampftag oder milde ausgedrückt „Weltfrauentag„, ein Konzert exklusiv für ihre weiblichen Fans zu spielen. Mit allem drum und dran, „Maniküre, Pediküre, Gurkenmaske„. Und einer Crew mit schlecht-sitzenden Perrücken, die man einfach nur lieb haben kann. Was in ihrer Heimat Berlin begann, weitete sich vor zwei Jahren kurzzeitig mal auf eine ganze Deutschland-Tour aus, bei welcher sie unter anderem im Kölner E-Werk spielten. Seit letztem Jahr steht dieser Tag als gesetzlicher Feiertag in Berliner Kalendern.

Arbeit getan, denken sich K.I.Z – und wollen mit ihrem Konzert in der Ruhrmetropole zeigen, dass sie ihr Vorhaben nicht auf Landesebene halten wollen.

Als Support begleitet sie diesmal Mia Morgan. Ein Name, den man seit letztem Jahr in jedem guten nationalen Festival Line-Up findet. Eine der hoffnungsvollsten deutschen Künstlerinnen der Gegenwart. Mit ihrer „Gruftpop“-EP begeisterte sie im letzten Sommer die Szene, heute tritt sie zum allerersten Mal mit ihrer neu-formierten Band auf. „Ich komm‘ nicht auf deinen Rave, Boy / Ich laufe kopflos durch die Nacht mit meinem Waveboy...“.



Kurz nach 9. Der Vorhang fällt. Die Titelmusik zum Anime-Klassiker „Sailor Moon“ ertönt. „Sag das Zauberwort / Und du hast die Macht / Halt den Mondstein fest / Und spür die Kraft / Du kannst es tun / OOOOH SAILORMOON„. Maxim, Tarek und Nico tragen Superheldinnen-Kostüme. Alle gröhlen mindestens die „Oh Sailormoon„-Stelle mit, es ist jetzt schon der völlige Wahnsinn.

Was darauf folgt, ist ein zweistündiges Feuerwerk aus älteren und noch älteren K.I.Z-Evergreens. Textsicherheit bei allen Beteiligten? Ohnegleichen. Ein Hit jagt den nächsten, nur, um von einem Klassiker überholt zu werden.

Zwischen den Songs buht man gemeinsam alte weiße Männer aus und feiert sich selbst. Liebevoll sprechen die drei ihre Fans immer wieder mit „Schwestern“ an. Es wird sich massig Sekt auf der Bühne reingestellt. Ich kann meinen Blick kaum von Nicos Kurven lassen, die er sich am heutigen Tage stehen lässt. Und wenn man nicht dabei gewesen ist, hören sich diese Zeilen allesamt ziemlich absurd an.



Zu den harten Beats, geliefert von Drunken Masters-Mastermind Joe, werden Kreise gebildet. Nicht, um sich reihum die Haare zu flechten, wie es manch stumpfsinniger Mann im Internet vermutet, der sich zu Unrecht behandelt und ausgeschlossen fühlt („mimimi, und das soll Gleichberechtigung sein, mimimi“). Nein man(n), hier werden Moshpits geformt und gefeiert.

Neben besagten All Time Favorites gibt es aber auch Neues. Nicht unerwähnt darf selbstverständlich Tarek K.I.Z’s Solodebüt „Golem“ bleiben, welches Anfang des Jahres völlig zurecht auf Platz 1 der deutschen Albumcharts einstieg. Loyalität zeigt sich bei den Frauen, die freudig bei Songs wie „Kaputt wie Ich“ und „Nach wie vor“ mitsingen, denn es ist wahr, Tarek ist „nach wie vor der Boss„.



Und dann, ja dann passiert etwas, mit dem fast niemand mehr gerechnet hat. EIN NEUES K.I.Z-LIED !!! Das ist keine Übung, das ist der Ernstfall. Ein halbes Jahrzehnt nach dem Erscheinen ihres Kommerz-Kassenschlager „Hurra die Welt geht unter“ geben uns die Berliner wieder Hoffnung, zeigen uns das Licht am Ende des dunklen Tunnels. „V.I.P. in der Psychatrie“ brilliert wie so gut wie jeder Track der Truppe mit fragwürdig-genialen Texten und Beats, von denen andere Rapper Nachts nur träumen können.



War der „sich dabei in den Armen liegen„-Track „Hurra die Welt geht unter“ je passender als jetzt? Gut, das denke ich seit fünf Jahren bei jedem der Konzerte, aber diesmal bin ich mir ziemlich sicher. Wenn uns die Epedemie schon hinrafft, dann wenigstens mit dem passenden Soundtrack.

Aber Corona-Sarkasmus beiseite: K.I.Z zeigen mit ihren „Nur für Frauen“-Konzerten Jahr um Jahr, dass Rap kein misogyner Bullshit sein muss. Wer mir in dieses Statement mit Zitaten aus K.I.Z-Songs kommen möchte, hat K.I.Z ganz einfach überhaupt nicht verstanden. „Es liegt an eurem geistigen Fassungsvermögen / Wenn ihr bei K.I.Z Nicht lacht, ihr Amöben„.

Gerade jetzt, wo die Sexismus-Debatte im Rap-Bizz wieder Fahrt aufnimmt und im Mittelpunkt der Berichterstattung steht, ist ein Konzert wie dieses besonders wichtig. Die große und doch simple Wertschätzung der weiblichen Fangemeinde, das Zurückstellen der eigenen Privilegien, der humorvoll und nicht-albernde Umgang mit der Thematik.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Lisa Schulz