Nach 10 Jahren und vier Alben braucht es eigene Herausforderungen, um aus seinen Tätigkeiten als Gewohnheitstier auszubrechen. Wieso also nicht den kompletten Entstehungsprozess des Kernelements – in diesem Fall Songwriting – komplett auf den Kopf stellen? Nach genau diesem Prinzip entstanden die 13 Songs auf „Rituals„: Erst der Titel, dann der Songtext und schließlich die musikalische Vollendung. Dazu eine knackige Deadline und fertig ist das Experiment.

Deaf Havana sind zurück und das beachtlich schnell, denn ihr bisher erfolgreichstes Album „All The Countless Night“ liegt gerade einmal 1 1/2 Jahre zurück. Nach einer Chartplatzierung auf Position 5 in den heiligen UK-Charts lag die Messlatte sowohl bei den Fans als auch bei Kritikern und der Band selbst hoch. Nur ob sie diese mit „Rituals“ überwunden haben, ist streitbar.

Die 5-köpfige Band aus Norfolk im Osten Englands durchlief, ähnlich wie wir alle, viele Phasen. Sie schlugen ihre Wurzeln im britischen Post-Hardcore, wechselten nach einem Album in die Sphären des damals durch Mumford & Sons geprägten Folk-Rocks, schafften erfolgreich den Sprung in die Alternative-Szene und…blieben dort leider nicht.

Begeistert vom neuen Sound der letzten Platte erwartete man eine Fortsetzung des Ganzen – vergebens. „Rituals“ markiert einen erneuten Genrewechsel. Die Band, die es nie lange in einer Schublade aushält, macht nun radiotaugliche Popmusik. Ist es dem aktuellen Zeitgeist geschuldet? Der abweichenden Arbeitstechnik? Dem Erfolgsdruck?

Rituals“ jedenfalls ist ein Konzeptalbum…irgendwie. Das Cover von Wolf James aus seiner „My Love Is Lethal„-Reihe, die durchweg sakralen Songtitel, die Zusammenarbeit mit dem London Contemporary Voice Choir, die normalerweise für ihr Wirken in bekannten Film-Sountracks bekannt sind. Auf dem Album soll es um Kampf und Erlösung gehen, die Songtexte sind (für Deaf Havana) ziemlich düster, für solch ein Konzept aber nicht düster genug.

Hinzu kommen die poplastigen Melodien, welche die religiöse Materie ins Absurde abdriften lässt. Man wollte aus seinen eigenen Regeln ausbrechen. Dass dies nicht immer zu einer erfolgreichen Rebellion führt, macht „Rituals“ zu einem Paradebeispiel. Wir sollten das neue Deaf Havana-Album als das annehmen, was es im Kern ist: ein Experiment. Mit der Hoffnung, dass wir das nächste Album wieder in der Rock-Abteilung finden können.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Wolf James