„Das war jetzt aber wirklich das letzte gute Deichkind-Album“ höre ich mich Nostradamus-esque prophezeihen. Diese Aussage ist nun ein paar Jahre ins Land gegangen, um Deichkind wurde es verdächtig ruhig. Vier Runden um die Sonne nach ihrem ersten #1 Album sind sie zurück und falsifizieren meine Vermutung ohne Wenn und Aber. Echt jetzt, Deichkind sind immer noch geil? „Wer Sagt Denn Das?“


Ein Artikel von Anna Fliege – Fast 20 Jahre ist es her, dass wir mit dem Kopf nicken und den Arsch bewegen sollten, weil das Deichkind am Mic war. Den Bandnamen hinterfragt schon seit Ewigkeiten niemand mehr, zu schnell machten sich Kryptik Joe und seine sich über die Jahre immer mal verändernde Entourage mit ihrer eigensinnigen Kunst einen Namen in der deutschen Musikwelt.

Ja, Deichkind waren sogar cool, als sich wirklich niemand mehr für deutsche Musik interessierte. Sie sind die Meister der Aufzählungen, der um die Ecke gedachten Vergleiche und Trendsetter für beflügelte Sätze: Arbeit nervt, leider geil, like mich am Arsch. Und „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“ steht wirklich kurz davor, deutsches Kulturerbe zu werden. Nie hinterher, sondern immer vorne an der Front lautet das deichkind’sche Motto.

Wo bleibt da die Halbwertszeit? Langsam sieht es so aus, als wären Deichkind einer dieser Konserven, auf die man in der Produktion nur alibimäßig ein Mindeshaltbarkeitsdatum druckt. Zumindest, wenn man sich darauf einigt, dass so ein Deichkind-Album von seinen Perlen lebt. Mit 18 Songs liefert „Wer Sagt Denn Das?“ Potential, einige davon bereitzuhalten. Wären sie eine Rockband, würden Artikel-Überschriften mit „Sie können es noch!“ um sich werfen. Sind sie zum Glück aber nicht! Aber zurück zu den Perlen:



„Wer Sagt Denn Das?“

Natürlich der titelgebende Track, der nicht nur durch sein ohrwurmförderndes, repetitives „Wer sagt denn das?“ in Kombi mit on point-Feststellungen brilliert, sondern ein wahnsinnig gutes Musikvideo obendrauf packt. In der PULS Musik Analyse hat Fridl das Spektakel analysiert (LINK). Eine Ode an die Filterbubble, die Fake News und Deichkinds Meisterhaftigkeit. „Wer sagt denn, dass impulsive Menschen keine Grenzen kennen?„.

„1000 Liter Bier“

Denke ich an die letzten Festivaljahre zurück und an beeindruckende Shows deutscher Acts, so kommen wir zwei Bands in den Sinn, die vermutlich nichts gemeinsam haben außer die Muttersprache. In „1000 Liter Bier“ aber verspürt man bereits in den ersten Sekunden den heftigen Drang, das Ganze zu verbinden mit Feuer zu untermalen. Nicht nur so ’ne kleine Flamme, sondern richtig fett, brachial, gewaltig. Und im Refrain dann, da stutzt man. Ist das nicht? Kann das wahr sein? IST DAS ETWA RAMMSTEIN-FRONTMANN TILL LINDEMANN AUF EINEM DEICHKIND-TRACK?!!!!



„Dinge“

Jetzt wird dem Materialismus der Kampf angesagt. Untermalt mit orientalisch anhauchten Beats zum Ausflippen vermitteln die Hamburger auf ihre Art und Weise das, was Marie Kondo seit Jahren predigt. Die Liebe liegt wie so oft im Detail der Wortwahl. Was sind Dinge, was tun und machen und lassen sie? Und das Video dazu (wieder) eine schöne Hommage an ihren größten Hit, ganz nach dem Motto: „Schmeiß die Möbel aus dem Fenster, wir brauchen Platz zum dancen„.

„Keine Party“

Schluss mit Remmidemmi, das hört jetzt hier sofort auf. Ey, Leute, aus dem Alter ist man doch mal langsam raus„. Mag man Kryptik Joe, Porky und Konsorten anhängen, im vergangenen Jahrzehnt ein bisschen zu poppig geworden zu sein, ist „Keine Party“ eine herrliche Erinnerung an die guten alten Zeiten. Feinster Elektropunk. „Warum muss man denn gleich feiern, wenn die Eltern mal nicht da sind? Möbel aus dem Fenster (hä?), das ist doch blanker Wahnsinn„. Lars Eidinger, Deichkind-Markenbotschafter dieser Album-Ära, liefert im Musikvideo den besten Tanztrend seit Jump Style und für ganz alte Fans gibt es neben Remmidemmi-Referenzen auch welche aus dem Debütalbum „Bitte ziehen sie durch„.



„Endlich Autonom“

Ob ein „Pferd aus Glas„, die „Luftbahn“ oder das „Hoverkraft„, Deichkind hatten schon immer ein Faible für außergewöhnliche Fortbewegungsmittel. Aber weil man mit der Zeit geht und seinem eigenen Motto „Selber machen lassen“ folgt, ist die Band nun „Endlich Autonom“ unterwegs. Was man beim ersten Durchlesen der Tracklist als politisch motivierten Song abstempeln könnte, entpuppt sich als Hymne für die Autobahn.

„Quasi“

Kann man ein Till Lindemann-Feature toppen? Ist das möglich? Ja, „Quasi“ schon. Nun, zumindest wenn man die Podcast-Koryphäen Jan Böhmermann und Olli Schulz liebt. Mit ihrem „Fest & Flauschig“-Esprit, ein bisschen passiv-aggressiv, bereichern sie das neue Deichkind-Album.


DEICHKIND live

11.02.2020 Kiel, Sparkassen-Arena
12.02.2020 Rostock, Stadthalle
13.02.2020 Erfurt, Messe
14.02.2020 Braunschweig, Volkswagen Halle
15.02.2020 Frankfurt, Festhalle
18.02.2020 Augsburg, Schwabenhalle
19.02.2020 Freiburg, SICK-Arena
20.02.2020 München, Zenith
21.02.2020 AT-Wien, Stadthalle
22.02.2020 Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung
25.02.2020 Münster, Halle Münsterland
26.02.2020 Trier, Arena
27.02.2020 CH-Zürich, Samsung Hall
28.02.2020 Stuttgart, Schleyer-Halle
29.02.2020 Köln, Lanxess Arena
03.03.2020 Bremen, ÖVB-Arena
04.03.2020 Dortmund, Westfalenhalle
05.03.2020 Leipzig, Arena
06.03.2020 Berlin, Max-Schmeling-Halle
07.03.2020 Hamburg, Barclaycard Arena
22.08.2020 Berlin, Wuhlheide


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Ben Jakon