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Der Musiker und Visual Artist Valentin Hansen veröffentlicht ein völlig wertloses Album

Der Musiker und Visual Artist Valentin Hansen veröffentlicht ein völlig wertloses Album

Der Aufstieg des Musik-Streamings sprengt Grenzen: Jeder Song ist nur ein Klick entfernt und die Arbeit von Künstler*innen damit für die ganze Welt verfügbar. Die Situation, die noch vor fünfzehn Jahren unvorstellbar gewesen wäre, ist so normal geworden wie absurd. Das Modell nämlich ist kaputt, es funktioniert nicht, wenn die Einnahmen für Musiker*innen pro Stream bei deutlich unter einem Cent bleiben. Immer mehr drängt sich also die große Frage auf: Wie viel ist Musik im Jahr 2021 eigentlich noch wert?

Genau die hat Valentin Hansen zu seinem neuen Album „Crisis (The Worthless Album)“ inspiriert. Kurzerhand hat der Musiker seine ursprünglich acht geplanten Songs in dreißig 29-sekündige Aufnahmen zerschnitten. Damit unterschreitet jeder dieser Tracks ganz bewusst die minimale Spielzeit von 30 Sekunden, die nötig ist, um überhaupt eine Zahlung zu generieren.

Wenn Musik 2021 tatsächlich fast nichts mehr wert zu sein scheint, entwertet Hansen seine Kunst einfach gleich selbst – und zwar komplett. Das Album ist so nämlich nicht nur im monetären Sinne wertlos: Spotify zählt Streams von Tracks, die die 30 Sekunden Mindestspielzeit unterschreiten, gar nicht erst. So nimmt der Musiker gleich einen doppelten Verlust in Kauf: Geld und kulturelles Kapital. Kein Dopaminrausch mehr, wenn die Streamingzahlen steigen.

„Ich habe viel mit anderen Künstler*innen darüber gesprochen, wie kaputt der Markt ist“, sagt Hansen. „Wir alle dürfen damit eigentlich kein Problem haben, weil das Machtverhältnis klar ist: Spotify hievt uns in Playlisten, wenn es gut läuft, und genau das muss uns dann auch reichen. Genug Streams gibt es dann vielleicht, aber nicht genug Geld.“

Sein bisher größter Track „Killing A Friend“ wurde auf Spotify 1,7 Millionen mal gehört. Geschätzte 2000 Euro hat er daran gerade mal verdient. Doch seine Kritik richtet sich nicht allein gegen den schwedischen Anbieter. Er will generell auf das krankende Abhängigkeitssystem zahlender Streaming-Plattformen aufmerksam machen.

Hansen geht es nicht etwa darum, Spotify und Co. durch eine Rückkehr zu Tonträgern zu ersetzen. Ihm geht es um die Frage, wie eine Welt aussehen könnte, in der Streaming-Plattformen die Bedürfnisse von Künstlern*innen und Fans gleichermaßen besser bedienen. Stand jetzt: „Selbst wenn jemand seine 10 Euro im Monat an eine Streaming-Plattform zahlt und sich ausschließlich mein Album anhören würde, würde ich nichts davon sehen.“

Die Bandcamp Friday Initiative ist für ihn ein positives Beispiel dafür, in welche Richtung es gehen kann. Fragen stellt er ohnehin viele in seiner Musik. Hansen versucht so, seine und auch unsere Welt immer wieder aufs Neue zu dekonstruieren. Die Systeme, Strukturen, in denen wir leben, im Kleinen wie Großen. So benennt er auch auf „Crisis (The Worthless Album)“ immer wieder Schieflagen und ungesunde Abhängigkeiten in der Gesellschaft, die dringend aufgelöst werden müssten.

Obwohl Hansen das Album als konventionelles (wenn auch kurzes) Album mit acht Songs geplant hatte, klingt auch jedes der 29-sekündigen Segmente erstaunlich vollständig. „Es fühlt sich an wie bei TikTok“, fügt er hinzu, „wo man längst dran gewöhnt ist, nur sehr kurze Teile von Songs zu hören, die an einer beliebigen Stelle einsetzen. Sie brauchen keinen klar markierten Anfang oder ein eindeutiges Ende.“

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Ein so ungewöhnliches Album zu promoten, stellt eine Herausforderung auf vielen Ebenen dar: Wie viel kostet eine Vinyl, wenn das Album wertlos ist? (0,00€, erhältlich ab August 2021) Wie lang ist ein Musikvideo? (29 Sekunden). Hansen scherzt: „Wenigstens müssen wir keine Radio-Edits machen.“

„Crisis (The Worthless Album)“ fühlt sich an wie die Fortsetzung einer Reihe von konzeptionellen Ideen, die das Musikgeschäft bereits hinterfragt haben: The KLF, die eine Million Pfund verbrannten oder Vulfpeck, die eine Tournee mit freiem Eintritt finanzierten, indem sie ihr stilles Album Sleepify auf Spotify streamten. Dass sein Album womöglich ungehört bleiben könnte, weil es unter dem Streaming-Radar läuft, ist eine krasse Entscheidung. Hansen aber kann sich mit der Tatsache trösten, dass Napalm Deaths Song „You Suffer“, der als kürzester Song der Geschichte zitiert wird, ebenfalls nie einen einzigen Stream offiziell registriert hat.

„Crisis (The Worthless Album)“ ist ein offiziell wertloses Album mit dem Potenzial, eine Wirkung zu entfalten, die über das hinausgeht, was in Zahlen gemessen werden kann.

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