Während sich Rapper um das ungewöhnlichste Extra in ihrer Deluxebox battlen und dafür viel zu viel Geld verlangen, gibt es den Kloß im Hals zu Dermot Kennedys Debütalbum „Without Fear“ gratis dazu.


Ein Artikel von Anna Fliege – Männer werden stereotypisch gerne als zurückhaltender, abgeklärter oder simpel emotionsärmer gezeichnet, Toxic Masculinity olé. Für den Ignoranten passt der Titel „Without Fear“ perfekt zu diesem Bild, doch steckt hinter dem Debütalbum des 27-Jährigen Iren eine ganz andere Intention: Keine Angst davor zu haben, Gefühle und Verletzlichkeit offen darzulegen.

Wenn man so will, legte Ed Sheeran vor einigen Jahren den Grundstein für den vor Emotionen nur so überlaufenden weißen Cis-Mann im Radio. Quasi der Gegenentwurf zur vorherrschenden, hyper-maskulinen Hip Hop- und R’n’B-Welt, in der (meist) Ruhm, Geld, physische wie psychische Stärke und Sexualität die Eckpfeiler bilden. Zuletzt eroberten Künstler wie Lewis Capaldi die Charts und Herzen – und eben Dermot Kennedy.



Schon mit seiner Debüt-EP „Doves & Ravens“ legte Kennedy 2017 sein enormes Potential offen, schaffte einen richtigen Durchbruch damals aber nicht. Vor ungefähr einem Jahr dann veröffentlichte er nach einer weiteren EP seine Single „Power Over Me“ – und besiegelte so sein Schicksal. Aus dem einstiegen Geheimtipp wurde plötzlich jemand, der im Mainstream-Musikprogramm hoch und runter lief.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Völlig verständlich. „Power Over Me“ ist ein Ausnahmestück zwischen Pop und Folk, das getragen wird von theatralischen, lauten Gefühlen und trotz all der Emotionalität in seinem Refrain so tanzbar ist, dass man nicht genug davon bekommen kann.



Dermot Kennedys Stimme vergisst man nicht mehr, wenn sie einen einmal mitten ins Herz getroffen hat. Stark, rau und voller Dramatik. Schübe von Gänsehaut, die sich breit machen, sobald Kennedy von seinen ruhigen Passagen in ein theatralisches Schrei-Singen übergeht, ausbricht.

Beflügelt vom „Power Over Me„-Erfolg, erscheint nun das richtige Debüt „Without Fear„, das so perfekt zu der begonnen nass-kalten Jahreszeit passt. Dabei ist es nicht nur die Schwere der gitarrenlastigen Melodien und Kennedys Stimme, sondern auch die Bilder, die er mit seinen Songs malt. Song um Song nutzt er starke Bildmotive, um Szenerien und Stimmungen in unseren Köpfen entstehen zu lassen. Er singt von Wintern und Nächten, von Kälte und Dunkelheit, wieder und wieder.


„Holding, waiting for something that will keep you from the cold
Feels like winter follows you around“


Nur noch allgegenwärtiger ist der Raum einnehmende Schmerz, den die Songs versprühen. Ein gebrochenes Herz, getragen von dunklem Folk, sowie von Pop und Hip Hop inspirierten elektronischen Elementen und Beats. Dermot Kennedy leidet so schön und unweigerlich leidet man mit ihm.

Without Fear“ ist das ideale Ventil für das eigene Herz, die perfekte Untermalung für dunkelgraue Regentage und der Soundtrack für’s Heizung anmachen. Mit Texten, die schmerzhaft akkurat sind und Musik, die den Herzschmerz erträglicher machen. Dermot Kennedy steigt mit seinem Debütalbum zum König der gebrochenen Herzen auf.



DERMOT KENNEDY live

08.11.2019: Stuttgart – Porsche Arena
10.11.2019: Berlin – Columbiahalle
12.11.2019: Leipzig – Werk2
14.11.2019: Hannover – Capitol
18.11.2019: Frankfurt – Jahrhunderthalle
19.11.2019: München – Zenith
21.11.2019: Köln – Palladium


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music