Ich habe meinen Weg zur „Orsons Island“ gefunden. Doch dieser barg einige Komplikationen, denn erst einmal Schande über mein Haupt. Mein schlechtes Gewissen verfolgt mich, legt mir immer wieder meine eigenen Worte ins Ohr: „Ich glaub‘ die Orsons und ich, wir haben uns auseinandergelebt„. Wie falsch ich lag!


Ein Artikel von Anna Fliege – Das war Pre-„Dear Mozart„, den ich im Nachhinein schambehaftet auch erst einige Wochen nach seinem Release gehört habe. Dort stellen Bartek, Tua, Maeckes und Kaas, die Helden meiner „Ich habe das Abi gerade in der Tasche„-Zeit, Wolfgang Amadeus Mozart die wichtige Frage: „Wie findest du Rap?

Auch, wenn sie sich dabei vorrangig an den bedeutenden Salzburger Komponisten wenden (wie famos ist Barteks Line „Bei Stress schick‘ ich Kugeln, Pistazie, Marzipan, Nougat“ bitte?) – ich habe mich angesprochen gefühlt. Und dann machte es plötzlich *klick*.



Das Reisetagebuch nach „Orsons Island“: Persönlicher Prolog

Um meinen Aha-Moment erklären zu können, muss ich etwas weiter ausholen. Die sagenumwobene „Orsons Island“ besang die Truppe bereits vor 11 Jahren auf ihrem Debütalbum „Das Album„. Kaas hieß uns damals willkommen auf der „Insel mit vier Schweinen, einer Farm, einer Scheune und ’ner schönen Schaukel„. Die textliche Genialität der vier so unterschiedlichen Rapper konnte man schon damals erahnen, mit der Ernsthaftigkeit hatten sie es aber weniger.

Zeitsprung: „Das Chaos und Die Ordnung“ strotzte 2012 nur so von chaotischer Kreativität, Ironie und philosophischen Feststellungen („Ich hab‘ endlich Zufriedenheit gefunden – im Duden„). Musik, die perfekt in die Epoche passte, welche von Acts wie 257ers, Marteria, Cro und Konsorten erobert wurde. Radiotauglicher Hiphop, der nicht von der Straße, sondern aus dem behüteten Zuhause kam. Etwaige Fehltritte aus dieser Zeit (erinnert ihr euch noch an „Horst & Monika“ beim BuViSoCo?) reflektieren die vier im Song „Die Ewigkeit im Loop„, der vor ein paar Monaten in der „O.I.„-Playlist erschien.

Schon hier hätte mir es mir bewusst werden sollen. Doch ehrlicherweise klinkte ich mich 2015 mit „What’s Goes?“ endgülzih aus. Ich hatte die Orsons immer noch in der Komiker-Kiste verstaut. Deutscher Rap wandelte sich, fand größtenteils seinen Weg zurück auf die Straße und rein in die „Modus Mio und Freunde„-Playlisten. Die Orsons und zeitgenössischer Rap? Das passte für mich gedanklich lange Zeit nicht zusammen. Und wollten die sich nicht auch eigentlich auflösen? Doch dann erzählten sie Mozart was von Auto-Tune, dem Krieg in Syrien und der Ibiza-Affäre.

Lange Rede, diskutabler Sinn: Es wurde Zeit, die vier aus dieser Blödeleien-Schublade zu retten. Und so begab ich mich auf den Weg nach „Orsons Island„, eine Reise in vier Kapiteln. Ein Trip, bei dem ich vielleicht nicht zu meinem Innersten, aber zumindest zurück zu Tua, Bartek, Maeckes und Kaas fand.

Das Reisetagebuch nach „Orsons Island“: Kapitel I „Virtuelle Realität“

Das Album beginnt mit jenem Song, der bei mir erstmal nichts als Fragezeichen auslöste. Während alle ihn schon feierten, wurden „Grille“ und ich einfach nicht warm. Doch als ich kürzlich laß, dass die besungene „Microparty“ und der „Microsuff“ Erfindungen der Orsons selbst sind und die Hintergründe kannte, dachte ich: geil, voll die gute Idee! Keine Zeit, aber trotzdem feiern. Und dann ging mir der Beat nicht mehr aus dem Kopf.

Beatverliebt geht es mit „Dear Mozart“ weiter. Ein Song so abstrus, dass er wirklich nur von dem Vierergespann kommen kann. 2019 ist, wenn „Eine kleine Nachtmusik“ und Deutschrap zusammenfinden. Für die Lines möchte man sie alle vier liebevoll küssen, zum Beispiel wenn Maeckes sagt: „Wir lesen keine, gehen nur auf Party Tour„.

Hin & Her“ gibt sich als Kapitelabschluss als Dauerohrwurm zu erkennen. Vielleicht textlich nicht so raffiniert wie sein Vorgänger, doch wird mir an dieser Stelle klar, dass die letzten Jahre musikalisch nicht an der Band vorbeigerauscht sind. Afrobeats auf Orsons-Art, die seit ein paar Jahren durch die Bundesrepublik spuken und von Künstlern wie Trettmann verantwortungsvoll verarbeitet werden.

Jetzt bin ich hooked – jetzt will ich verdammt nochmal wissen, ob da immer noch vier Schweine auf der Insel sind!



Das Reisetagebuch nach „Orsons Island“: Kapitel II „Der Morgen danach“

Uff, die Party ist vorbei. Die Akustikgitarre versetzt uns in die niedergeschlagene Katerstimmung, dann setzt der Beat ein. Könnte auch vom Tua-Soloalbum stammen, das im März erschien. Liegt vielleicht auch daran, dass Tua „Orsons Island“ produziert hat – Funfact. Jedenfalls klingt Maeckes in „Sog“ ziemlich traurig und das Gefühl, dass er hier beschreibt, kennen wir alle nur zur gut: „Das ist der Zauber des Vielleichts, ich schau mal, ob du schreibst.

Bedröppelt und emotional geht es weiter, Tua bringt mit „Feuer & Öl“ ein Herzschmerz-Liebeslied an den Start, bis Kaas mit „Schneeweiß“ schließlich das Kapitel schließt. Ein kurzes Räuspern, dann geht es bergab. Er singt aus der Perspektive Falcos. Es ist ziemlich deep und ziemlich gut. „Die Hölle ist hier, die Hölle in mir„. Der Bass wummert dazu im Refrain dramatisch in Dubstep-Facetten.



Das Reisetagebuch nach „Orsons Island“: Kapitel III „Der Aufbruch“

Jetzt aber mal wieder gute Laune, nicht? Naja, erstmal Gleichgültigkeit und wieder diese Afrobeats auf „Sowas von egal„, bis Tua sie mit seinem Können wegflext. Den wummernden Beat werden wir nicht mehr los und das ist völlig okay.

Sie bleiben sich treu mit der Mische aus Bandsongs und Solo-Paraden. „Nimm’s leicht“ ist wieder ein gemeinsamer Track, in denen die persönlichen Erlebnisse Revue passiert werden. Kaas spricht von seiner Traumfrau, Bartek hat mit dem Rauchen aufgehört (Respekt!) – „mach dich selber nicht verrückt“ – Maeckes wird Sieger im Markennamen droppen und Tua, ja, der ist erst gar nicht dabei. Sagt viel über ihn aus. „Bessa Bessa“ markiert schon wieder einen Liebessong. Samma Jungs, was’n da los? Das Serotonin berauscht zum entspannten Raggae-Beat.

Das Reisetagebuch nach „Orsons Island“: Kapitel IV „Die Ankunft“

Wo sind die Schweine? „Das Geschenk“ handelt leider nicht von ihnen sondern….von Liebe. Mit Heiraten und so. Ja, ich weiß, ich hab mich beschwert, dass mir die Orsons früher zu albern waren – aber so ernst? Daran muss ich mich noch gewöhnen. Und fordere schonmal, Heiratsanträge nur noch mit diesem Song zu vollziehen. Falls das mein Traummann, von dessen Existenz ich noch nichts weiß, lesen sollte: SO!

Es folgt ein euphorisches Aufschreien meinerseits: „Nummer warte mal“ ist ein Song voller Punchlines! „Was soll man zu deinem Album schreiben, außer Kondolenz?„. Das lässt mich meinen eigentlichen Plan kurz vergessen, so überrascht bin ich nach den endlosen Liebesschnulz-Rapsongs. „Wir haben 100 Leute gefragt: Nennen sie etwas, das man mit einem Euro bezahlen kann – JEDEN ZWEITEN DEUTSCHRAPPERS MUM!„. Ich seh mich schon, wie ich das sehr laut durch den Konzertsaal schreie.

Der ganze Weg„mit seinen Nineties-Vibes handelt scheinbar wieder von Liebe. Aber nach dem serienreifen Intro von „Dir Dir Dir“ geht es mal endlich nicht um den anderen, sondern handelt von mir. Oder dir. Oder den Orsons. Ankommen bei sich selbst ist die Message. Die „Orsons Island“ in sich selbst finden. Mit Streichern und mit einer kitschigen, aber schönen Message endet das Album. Hätte auch auf einem verpixelten Bildchen bei Facebook stehen können, das Menschen über 40 gerne mit allen WhatsApp-Kontakten teilen (sorry, Mama!).

Das Reisetagebuch nach „Orsons Island“: Persönlicher Epilog

Nachdem ich Anfangs falsch lag, liege ich jetzt mit Cocktail am Sandstrand der Insel. Scheinbar hat der Besitzer gewechselt und die Attraktionen, von denen Kaas mal sang, sind verschwunden. Schön ist es hier aber trotzdem. Wie man immer sagt „reizt mich gar nicht, dahin zu fahren„. Und  dann ist man erstmal da und ist hin & weg, ihr kennt das. Ich bin froh, diese Reise auf mich genommen zu haben. Zurück zu alten Freunden, aber in neuen Gewässern – oder so ähnlich. Packt die Badehose ein und gibt „Orsons Island“ eine Chance.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Monica Menez