Deutschrap war seither eine Welt voller Illusionen. Dicke Karren, hübsche Frauenscharen und lila Scheine en masse. Das scheinbare Bilderbuchleben, mal halb wahr, mal das erträumte Luftschluss. Doch ein Element war stets allgegenwärtig: die Oberflächlichkeit. Danach sucht man bei Döll glücklicherweise vergebens.


Ein Artikel von Anna Fliege – Nur wenige Größen ließen hinter ihre Fassaden schauen, bauten zwar Dramatik auf, doch immer verpackt als leichte Kost und schnell gefolgt von einem weiteren Track über den neuen SL 500.

Nie oder jetzt.“ hingegen legt sich schwer in den Magen und verweilt dort auch Stunden nach dem Durchhören. Regt zum Nachdenken an. Nimmt die rosarote Brille und zerbricht sie zwischen zwei Beats. Es handelt von Süchten, vom Scheitern in jeder Lebenslage, von Trennungen, Depressionen und ihren bitteren Wahrheiten. All das verpackt Döll nicht in phantasievolle Fabeln, die vor der letzten Hook eine allgemeingültige Moral innehaben. Und dennoch hört man dem Rapper aufmerksam zu, lässt seine so weise gewählten Worte auf sich wirken.

„Liebe zu der Sache, die mich hält, Mann.
Niemand wird mir helfen,
wenn ich mir selber nicht helf‘, Mann.

Endlich glaub‘ ich selbst dran.
Ich bau‘ mich selber wieder auf,
auch wenn alles um mich zerfällt, Mann.“

In Begleitung von renommierten Szeneproduzenten, darunter Dexter, Nobody’s Face und Torky Tork, verbrachte Fabian Döll die letzten vier Jahr mit dem Niederschreiben seiner Geschichte. Die, die er mit seiner EP „Weit entfernt“ bereits angerissen und mit dem großen brüderlichen Kollabo-Album „Ich und mein Bruder“ mit Mädness vor 1 1/2 Jahren ausgeweitet hatte.

Nie oder jetzt.“ ist der dritte Akt, ein Rundumschlag. Die Beats untermalen seine Geschichten und Geständnisse so desillusioniert wie möglich. Auf kurze Sicht bestimmt unkonventionell, doch auf lange Sicht zeitlos. Keine Tracks, zu denen man auf Konzerten in ungestümen Moshpits untergeht, verzerrt von Autotune. Stattdessen mit dem Kopf nickend die Arme in die Luft hebt, auf- und abbouncen lässt, die man für sich selbst mitrappt.

Döll katapultiert sich und auch seine Hörer mit seinem Debütalbum (zurück) auf den Boden der Tatsachen. Und selbst, wenn es an der ein oder anderen Stelle nach einem Ende klingt, ist „Nie oder jetzt.“ erst ein Anfang, auf dem man aufbauen kann. Und wer sich die Frage stellt, wieso dieses Album denn erst jetzt erscheint, der sollte noch einmal in sich gehen. Versuchen nachzuvollziehen, wie es ist, so roh und ehrlich zu sein. Erst mit sich selbst und dann mit allen anderen.



DÖLL live
06.03.2019: Hamburg, Prinzenbar
07.03.2019: Hannover, Lux
08.03.2019: Dresden, Chemiefabrik
09.03.2019: Frankfurt/Main, Zoom
10.03.2019: Stuttgart, Keller Klub
12.03.2019: München, Strom
13.03.2019: Würzburg, B-Hof
14.03.2019: Köln, Veedel Club
15.03.2019: Berlin, Cassiopeia


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Landstreicher Booking