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Drangsal & „Zores“: Hört doch auf, es Schlager zu nennen!

Drangsal & „Zores“: Hört doch auf, es Schlager zu nennen!

Zores, der (m.): Ärger, Wirrwarr, Durcheinander. Aber auch eine Gruppe Asozialer oder ein jähzorniger Mensch. Könnte es einen besseren, passenderen Titel für ein neues Drangsal-Album geben? Mitnichten! „Zores„, der langersehnte Nachfolger, ein neuer Beitrag zur Musikgeschichte, ein unkonventionelles Stück Kunst. So weit entfernt und hautnah am Erstlingswerk dran, wie es nur eben möglich ist.

„Mir geht es blendend, hab kapiert, es ist egal, was noch passiert, fasst euch den Mut, denn ab heute wird für niemand mehr pariert“

Max Gruber ist ein Mensch wie du und ich – und irgendwie auch nicht (hui, das hat sich gereimt!). Der Mitzwanziger aus dem pfälzischen Herxheim wird vom Musik-Feuilleton seit dem erscheinen seines Debütalbums „Harieschaim“ als wahrhaftiges Wunderkind betitelt. Zurecht. Auf ein gefeiertes erstes Album folgt nun dieses zweite Album, welches den Ruhm ebenfalls für sich gewinnen wird. Never change a winning team. Gesagt, getan. Wieder wurde Markus Ganter (der sich z.B. für die letzten beiden Casper-Alben, die Werke von Sizarr und Dagobert verantworten darf) der Produzent der neuen Platte. Als wäre dies nicht schon Genialität genug, holte sich Drangsal Freund, Produzent und (unter anderem) Die Nerven-Frontmann Max Rieger ins Boot. Das konnte ja nur gut werden, oder? Jap, tatsächlich.

Doch reden wir erstmal drei hartnäckige Gerüchte, die sich rund um das Album angesammelt haben. Und wieder ist „Zores“ so ein schön passender Begriff.

Nummer 1: Drangsal singt jetzt plötzlich auf Deutsch.
So „jetzt plötzlich“ und überraschend ist das eigentlich überhaupt gar nicht. „Will Ich Nur Dich“ stach als einziger deutscher Beitrag auf „Harieschaim“ klar heraus, war aber gewiss ein wahrer Hit. Dazu kommen einige andere Projekte, seien es Die Mausis oder das wahrscheinlich beste Feature 2017: „Keine Angst“ von Casper. In einem Interview verriet Max, dass ihn Produzent Markus Ganter dazu ermutigte, den Fokus des neuen Albums auf deutsche Tracks zu legen. Ein paar (sehr gute) englische gibts ja trotzdem noch.

Nummer 2: Drangsal klingt jetzt wie Farin Urlaub.
Nein. Ja. Jein. Ein bisschen vielleicht, aber nicht konstant. Am ehesten wohl in „Und du? Vol. II“ und auch eher wie der 80er-Farin und nicht der aktuelle. Woran das liegt? Klar, zum einen sind es die Eighties-Vibes, zum anderen die Art der Betonung. Im Endeffekt bleiben jedoch Farin Urlaub Farin Urlaub und Drangsal Drangsal.

Nummer 3: Drangsal macht jetzt Schlagermusik statt New Wave-Indie-Post-Punk.
Das S-Wort ist in unserem Kulturkreis und der jüngeren Generation mit Helenes und Michelles negativ behaftet und gar nicht cool. Doch macht Drangsal nun Schlager? Nur weil sich seine deutschsprachigen Songs nicht in glasklare Pop-Schubladen stecken lassen und auch von anderen akzeptieren Genres (Rap, Punk, etc.) eher weiter entfernt ist? Schwierige Aussage. Ebenso schwierig, da „Zores“ sehr wohl New Wave-Indie-Post-Punk-ige Stücke enthält, die sich den 2016er-Songs anschließen können, wenn auch weiterentwickelt. Und grenzt es nicht schon fast an Beleidung, Max Grubers Musik als Schlager, dessen Definition „ein populäres Musikstück mit eingängiger Melodie und einfachem Text“ ist, zu betiteln? Eingängige Melodien – hier und da. Triviale Texte – niemals.

Genug herumgestänkert, kommen wir zu den schönen Dingen. Schon mit „Turmbau zu Babel„, der ersten Single-Auskopplung, verdrehte Drangsal zu Beginn des Jahres reihenweise Köpfe und Herzen. So ohrwurmfähig wie selten, ungewöhnlich fröhlich und trotzdem voller Widerstand. Und so vermischen sich auf „Zores“ Schwarz mit Weiß, Für- und Widerspruch, Deutsch und Englisch, Bekanntes und Neues, Zärtlichkeit und Brutalität, Laut und Leise, Vertrautheit und Ungewissen (man beachte nur das Albumcover) – eine musikalisch-künstlerische Rebellion des Max Grubers.

Das wird schon gleich zu Beginn klargestellt: Opener „Eine Geschichte“ beginnt baladisch und endet in einer lauten Dramatik. Dieses Signal, diese verschwenderische Opulenz bekommen wir noch einmal zur Beendigung von „Zores„, wenn der Song „ACME“ in einem überdrehten Chaos endet. Das kennen wir schon von Produzent Markus Ganter, erinnern wir uns nur einmal an Caspers „Flackern, Flimmern.„, das in einem ähnlichen Tumult endet. Lähmendes, leises Ende? Weit gefehlt.

„Magst du mich? (Oder Magst Du Bloß Noch Dein Altes Bild Von Mir)“ hat nicht nur einen sehr langen Titel, sondern beweist einmal mehr, wie gut Drangsal mit deutschen Worten funktioniert. „Lieb mich oder lass mich in Ruh’…“ – see what you did there! „Weiter Nicht“ und „Laufen lernen“ können ebenso mit guten Texten als auch starken Gitarren brillieren. Nach dem Titel des Debütalbums gibt es mit „Gerd Riss“ eine weitere Anspielung auf die Herkunft des Sängers, während „Arche Gruber“ die Leute besänftigt, die so laut nach englischem New Wave-Indie gerufen haben.

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„Ich weiß es nicht und auch nicht weiter!“

Von seinem Griesgram-Image verabschiedet sich der 24-Jährige mit der „Zores„-Ära übrigens erstmal. Zum Glück, denn Max ist super sympathisch. Selbst davon überzeugen kann man sich seit neustem mit dem Podcast „Mit Verachtung„. Diesen führt Drangsal gemeinsam mit Kumpel-Musiker-Freund Casper, veröffentlicht wird er zweiwöchentlich am Sonntagnachmittag und sorgt dabei für ettliche Lachtränen und Nähkästchenplaudereien.



Festivals 2018
24.05.18: Neustrelitz – Immergut Festival
08.06.18 – 09.06.18: Kaltenberg – PULS Open Air
22.06.18 – 24.06.18: Scheeßel – Hurricane Festival
22.06.18 – 24.06.18: Neuhausen ob Eck – Southside Festival
29.06.18 – 30.06.18: Chemnitz – Kosmonaut Festival
08.08.18 – 12.08.18: Eschwege – Open Flair
08.08.18 – 12.08.18: Püttlingen – Rocco del Schlacko Festival
09.08.18 – 12.08.18: Rothenburg Ob Der Tauber – Taubertal Festival
15.08.18: Berlin – Pop-Kultur
25.08.18: Wiesbaden – Broilers City Riot Fest


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Thomas Hauser

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