To still be doing this is something I’m very proud of” erzählt Frontmann Tom Smith im Rahmen der Promophase zu „Black Gold : Best of Editors“. Aber wie schreibt man eigentlich eine Review zu einem Best Of-Album? Zu einer Platte, deren Neuheitsgehalt unter 20% liegt? Nun, hier ist Nostalgie wohl das Zauberwort.


Ein Artikel von Anna Fliege – Denn Best Of-Alben sind in den wenigsten Fällen dafür gedacht, neue Fans zu generieren. Eher dafür, langjährige Wegbegleitern einen musikalisch kuratierten Dank auszusprechen, die bisherige Karriere Revue passieren zu lassen und das anhaltende Bestehen zu zelebrieren. “These days longevity might not be seen as cool, but I think it is.“ sagt Smith. Und wenn man wie ich Fan der Editors ist, kann man dem nur zustimmen.

Nostalgie also. Auch, wenn die Band sich gegen eine chronologische Sortierung entschieden hat – ich kann es nicht lassen, in der zeitlichen Abfolge ihrer Erfolge zu schwelgen. Mehr Guide als Rezension. Alles beginnt 2002, als sich die damalige Bandformation während des Musikproduktions-Studiums in Birmingham kennenlernt. Sie gründen eine Band, taufen sich Pilot, spielen in den umliegenden coolen Locations. Zwei Jahre später unterschreiben sie ihren ersten Plattenvertrag und bennenen sich in Editors um.

2005 – THE BACK ROOM

Es sollte einige Monate dauern, bis die Menschen begreifen, welches Potential in den Newcomern aus Birmingham steckt. Nach ihrem ersten Charteinstieg im Juli 2005 auf #13, finden sich die Editors einige Monate später, im Januar 2006, plötzlich auf  #2 wieder. Eine Nominierung für den in UK hochangesehenen Mercury Prize folgt. Von der Musikpresse häufig mit dem heißgeliebten Interpol-Debütalbum „Turn On the Bright Lights“ aus dem Jahre 2002 verglichen, springen die Editors mit „The Back Room“ zum perfekten Zeitpunkt auf denZug des Post-Punk Revivals auf.

People are fragile things, you should know by now“ ist mit Sicherheit die Textstelle, die einem direkt ins Ohr geht, sobald man an „The Back Room“ denkt. „Munich“ ist heute einer der größten Editors-Hits und einer der ersten auf „Black Gold„. Die tanzbaren Gitarrenriffs ziehen alle in ihren Bann.

BBC Collective schreibt dazu damals: „The introduction of ‘Munich’ will hit you like a cricket ball at about 90mph, however, rather than result in pain and potential concussion, you will be brainwashed into the dark yet charming planet of indie-goth, a whole new (or re-hashed) sub-genre that’ll dominate your iPod for months. A crunching, even slightly chilling, guitar riff held up by sharp drums entwined around the soft, tidy tones of Tom Smith flow immediately over one other, thus one of the best tunes to hit the airwaves this year.“

Als zweiten Vertreter entschied sich die Band für das euphorische „Bullets„, ihre ursprüngliche Debütsingle des Albums. Dass mein Lieblingssong des Albums, nein eigentlich mein Lieblingssong der Band, es nicht in die reguläre Best Of-Sammlung geschafft hat, ärgert mich hingegen. Aber was wäre ein Best Of ohne „wieso ist Song X statt Song Y drauf?„-Denken? Ganz verzichten muss ich dann aber doch nicht auf „Blood„, aber dazu am Ende des Artikels mehr.



2007 – AN END HAS A START

Zwei Jahre später. „An End Has a Start“ feiert seine Veröffentlichung am 25. Juli 2007 und erreicht noch am selben Tag den Platin-Status in Großbritannien. Die Editors erreichen erstmals #1 der UK Album-Charts, auch ihr Erfolg in benachbarten Ländern wie Belgien (#7) den Niederlanden (#2) nimmt langsam Fahrt auf.

Die Alternativesparte erlebt dieser Tage seinen vorläufigen Höhepunkt, die Band steckt mittendrin. Der 10 Song-starke Longplayer klingt weniger düster als sein Vorgänger, lebt von melodischen Akkorden. Für die Quintessenz dieses Erfolgsgaranten wählten die Editors drei Songs aus.

So gibt sich „Smokers Outside the Hospital Doors“ den eben genannten melodischen Klängen vollends hin und wird in der letzten Bridge obendrein von choralen Einlagen begleitet. Der hoffnungslose Text in Verbindung mit der so positiv wirkenden Melodie untermalt den Editors-Stil schon frühzeitig.

Titeltrack „An End Has a Start“ verbindet die sich manifestierenden E-Gitarren-Riffs mit einer exzentrischen Euphorie und ist nicht umsonst ein weiterverbreiteter Lieblingssong in der Fangemeinde. „You came on your own, that’s how you’ll leave. With hope in your hands and air to breathe„.

The Racing Rats“ vervollständigt die Runde. Zu diesem Zeitpunkt werden die Editors neben den Arctic Monkeys als größte britische Band der Dekade gehandelt.



2010 – IN THIS LIGHT AND ON THIS EVENING

Nach zwei Alben im Glanze des Post-Punk-Revivals und einer Brit Awards-Nominierung war es 2010 an der Zeit, andere Wege einzuschlagen. Um sich kreativ weiterzuentwickeln, um nicht auf dem zu Sinken drohenden Schiff zu bleiben. „In This Light And On This Evening“ zelebriert Dark-Wave und Synthesizerklänge, wie man sie zwei Jahrzehnte zuvor von Depeche Mode und Joy Division zu hören bekam. Prompt landet das Album wieder auf der #1, trotz durchwachsener Meinungen zum neuen Sound.

Und obwohl es sich nicht um das kommerziell erfolgreichste Editors-Album handelt, wird „Papillon“ zu einem Aushängeschild der Engländer. Die Editors werden plötzlich diskotauglich, beatgetrieben.

Eigenschaften, die sie auf den kommenden Alben beibehalten würden, den Ur-Editors-Sound aber nicht noch einmal aus den Augen verlieren würden. Wieso es jedoch „The Boxer„, ein Tourklassiker, nicht in die Reihen des „Best of Editors“ geschafft hat, bleibt ein Rätsel. Für mich ist es das Album, mit dem ich die Band ein wenig aus dem Blick verliere.



2013 – THE WEIGHT OF YOUR LOVE

Die Band tourt unermüdlich, arbeitet währenddessen schon an Album Nummer 4 – noch heute so etwas wie ein Markenzeichen. Keine allzu einfache Zeit, wie man in Interviews immer wieder nachlesen kann. Kreative Krisen führend schlussendlich zu einer internen Tragödie: Nach 10 Jahren verlässt Gitarrist Chris Urbanowicz die Band.

Mit der Wiederaufnahme von Mut und neuen Gesichtern in Form von Gitarrist Justin Lockey und Pianist Elliott Williams erscheint 2013 schlussendlich „The Weight Of Your Love„. Es spaltet Meinungen, gewinnt neue Fans hinzu, verliert dafür alteingesessene.

Sugar“ klammert sich an die Vergangenheit, der wabernde Bass verleiht dem Song das gewisse Editors-Appeal. „A Ton Of Love“ hingegen klingt modern, runder, konventioneller. Zu diesem Zeitpunkt ist die Band um Tom Smith so radiotauglich wie nie zuvor.



2015 – IN DREAM

Eine Prise Traurigkeit gehörte schon immer zu ihrem Repertoire, doch „In Dream“ treibt es auf die Spitze. Zumindest speicherte ich das 5. Album schnell so ab. Außergewöhnlich ruhig, klavierschwer und wie „In This Light And On This Evening“ von Dark Wave- und Synthie-Motiven durchzogen. Sie wenden den Klangmotiven des Vorgängeralbums (zum Glück) den Rücken zu, werden wieder experimenteller. So ist „No Harm“ ein monumentaler Opener, ohne sich dabei in Rage spielen zu müssen.

Ocean of Night“ klingt dagegen federleicht, stellt die sonst so prägnanten Gitarren in die zweite Reihe. Es ist das erste Mal, dass sich die Band externe Unterstützung dazuholt. Die zweite, weibliche Stimme gehört Slowdive-Sängerin Rachel Goswell.

Vermutlich geht es bei der Auswahl um das Aufzeigen des Bandspektrums, für meinen persönlichen Geschmack hätten sich „Salvation“ und „Forgiveness“ gerne in die Best Of-Liste gesellen können.



2018 – VIOLENCE

Es ist die Veröffentlichung der ersten Single „Magazine„, die mich aufhorchen lässt. Ich höre sie einmal und nochmal und finde mich in einer Dauerschleife wieder. Die Editors klingen modern. Aber da ist etwas, das nach „Früher“ klingt. Die Mischung aus ungebändigter Euphorie und dunklen, brutalen Elementen, die diese scheinbare Leichtigkeit perfekt durchbrechen.

Das britische Q Magazine schreibt: „There’s a lightness of touch here lost since An End Has a Start a decade ago„, und liefert mir so die simple Erklärung dafür, wieso ein Editors-Album wieder meinen Herzschlag beschleunigen kann.

Mit „Hallelujah (So Low)“ als zweite Auskopplung haben sie mich dann komplett. Nie zuvor ist es der Band so einfach gefallen, Post-Punk und New Wave unter einen Hut zu bringe, ohne dabei ihren signifikanten Eigensound schleifen zu lassen. „Violence“ hat die Ecken und Kanten, nach denen man sich so lange gesehnt hatte.

Die Sahnehaube bildet „No Sound But The Wind“ – ein Song, der soundtechnisch eigentlich gar nicht auf dieses Album passt und doch so sinnig ist. Acht Jahre zuvor wurde der Song Teil des Twilight-Soundtracks, wurde schnell zu einem fan favourite. Eine schwere Klavierballade, die auf den vorherigen Alben so gut gepasst hätte, dass sie wohlmöglich untergangen wäre.



2019 – BLACK GOLD:

Willkommen in der Gegenwart. Neben 13 Editors-Klassikern hält „Black Gold“ drei brandneue Songs bereit. Erst vor wenigen Monaten erschien pünktlich zum Record Store DayThe Blanck Mass Session„, seine Neuinszenierung ihres Albums „Violence„. Ihren elektronischen, roten Faden spinnen die Engländer auf den neuen Kostproben fröhlich weiter.

Frankenstein“ ist ein abgedrehter Disko-Song, der jegliche Grenzen sprengt und deshalb so gut ins Repertoire der Band passt. Live ein besonderes Erlebnis. Tom Smith beschreibt ihn als „a song of joy and escapism – a cartoon song for the freaks, the different and for the night„.

Mit dem Release des Best Of-Albums dürfen wir zum ersten Mal „Upside Down“ lauschen und unweigerlich dazu tanzen. Wabernde Indie-Synthesizer und ein Mitsing-Refrain, auf den man sich jetzt schon freut, wenn man an die kommende Tour denkt.

Den Abschluss bildet „Black Gold„, die perfekte Kompression aller Editors-Elemente. Das Düstere, das Euphoriegeladene, das Gitarrengeleitete, das Elektronische, das Alte und das Neue.




2019 – DISTANCE: THE ACOUSTIC RECORDINGS

Wer sich jetzt wie ich am Anfang dieses Artikels (zurecht) fragt: „Und wo ist nun mein Lieblingssong?„, bekommt mit der Deluxe-Version des Albums eine zweite Chance. Hier finden sich ausgewählte Stücke, quer durch die Diskografie, als ergreifende Akustikversionen wieder. Mit Tom Smiths starker Stimme, mit sanften Klavier- und ungewöhnlichen Streicherelementen. „Distance: The Acoustic Recordings“ bildet den perfekten Gegenpol zu „The Blanck Mass Session„.

Smokers Outside The Hospital Doors“ ist ein so guter Song, dass man ihn gleich zwei Mal bringen kann. Titeltrack des letzten Studioalbums, „Violence“, klingt ohne seine Beats bedrohlich.

Mein eigenes Glückserlebnis jedoch birgt sich in der Entdeckung von „Blood„. Immernoch so kraftvoll wie das Original, dabei aber weniger straight forward, durch die Auswahl der Instrumente und das Verlangsamen des Tempos. Tom Smith bändigt den im Refrain ausbrechenden Song in dieser Version eindrucksvoll – auch, wenn es beim Mitsingen irritiert.



EDITORS live
31.01.20: Düsseldorf – Mitsubishi Electric Halle
03.02.20: Berlin – Velodrom
22.06.20: Hamburg – Stadtpark


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Nadav Kander