Die spanische Sonne, das glitzernde Mittelmeer und das beste Bouquet an zeitgenössischer Musik, das sich auf europäischem Boden auftreiben lässt: Das Primavera Sound Barcelona ist kein normales Festival. Es ist eine Institution. Ein Hoffnungsschimmer. Ein Fiebertraum. Zum Jubiläum brilliert Barcelonas schönstes Wochenende mit einem Line-Up, das seines Gleichen vergeblich suchen wird.


Ein Artikel von Anna Fliege – Kein Line-Up bringt meinen Puls in so schwindelerregende Höhen wie das des Primavera Sound Barcelona 2020. Das katalanische Musikfestival lässt sich zu seinem 20. Geburtstag nicht lumpen, die größte und beste Party der Geschichte zu feiern. Mit Namedrops, die jede MTV-„My Supersweet 16„-Party in den Schatten stellen würden.

Doch mit so viel Auswahl kommt sie unweigerlich: Die völlige Überforderung. Das erste Bauchgefühl, wenn man auf die Namen der 211 Künstler*innen blickt und bei jedem Blinzeln neue Namen entdeckt, die das Herz zum Rasen bringen. Wer Musik liebt, ist hier richtig aufgehoben. Dort, wo Genres im blauen Himmel verschwimmen und Überraschungen auf jeder Bühne lauern.

Ich habe mich der schirr unlösbaren Aufgabe gestellt, meine Favoriten rauszupicken. Einen Auszug zu erstellen – mit dem man ehrlicherweise selbst schon vollständige Line-Up-Plakate füllen könnte. Um den kläglichen Versuch zu starten, Ordnung in dieses Exzerpt zu bringen, entstanden im Prozess drei Kategorien: OBVIOUS – also jene Acts, die (meiner Meinung nach) in keinem Plan fehlen dürfen. TICK OF THE LIST – jene Künstler*innen, deren Wege sich außerhalb des Parc Del Fòrums eher nicht mit meinen kreuzen würden. NOT SO SECRET SECRETS – Namen jener, die man starstudded von den Großen leicht übersehen könnte oder solche, die mich beim Stöbern selber erstmals vom Hocker gehauen haben.

Genug Theorie, hier kommt die Praxis.


Donnerstag // 04. Juni 2020

  • OBVIOUS: Es grenzt an ein Naturgesetz, an dieser Stelle natürlich The National zu nennen. Die Wahl-New Yorker sind seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Instanz der internationalen Alternative Rock-Szene und einer der eindrucksvollsten Liveacts, die ich auf einem Festival je erleben durfe. Brittany Howard, Power-Frontfrau der Alabama Shakes, veröffentlichte Ende letzten Jahres mit „Jaime“ ihr Solodebüt und ist ein Must-See! Die Garage Rock-Band Black Lips passt mit ihrer Musik perfekt zur sanften Meeresbrise. Von Megastar Mark Ronson entdeckt erobert King Princess mit ihrem queeren Indie-Pop (zurecht) die Welt.
  • TICK OF THE LIST: Wer sich auch nur im geringsten mit der kontemporären Hip-Hop-Szene der Staaten auseinandergesetzt hat, wird an Young Thug nicht vorbeigekommen sein. Durch sein Mitwirken an Camilla Cabellos Überhit „Havana“ und Auftauchen auf Ed Sheerans neuster Collabo-Platte hat er es längst aus der Genre-Filterbubble geschafft. Ob sein Auftritt „So Much Fun“ wie sein 2019er-Album wird? In der Zeit zurückreisen lassen uns die Trip Hop-Legenden Massive Attack und Deutschlands Industrial-Ikonen Einstürzende Neubauten. Um die kuriose Runde dieser Kategorie auf die Spitze zu treiben, rundet ein Radio-Pop-Star die Mischung stilvoll ab: Mabel, Tochter von Neneh Cherry und Massive Attack-Producer Cameron McVey, kennt man insbesondere durch ihren Hit „Don’t Call Me Up“, der mindestens einmal am Tag in Funk & Fernsehn läuft.
  • NOT SO SECRET SECRETS: Dauergast in meinen Playlists ist seit Monaten die 20-Jährige Norwegerin Girl in Red, die zur neuen Generation der Bedroom-Pop-Garde gehört. Ebenso hoffnungsvolle Newcomer sind black midi, die mit ihrem Debütalbum „Schlagenheim“ im letzten Herbst bereits für den renomierten Mercury Prize nominiert waren. Sampa The Great setzt mit ihrem sambisch-australischen Wurzeln ihre Kultur und starkes Songwriting in den Mittelpunkt. Meine Entdeckung des Tages heißt Otoboke Beaver und ist eine Female-only Punkband aus Kyoto in Japan.




Freitag // 05. Juni 2020

  • OBVIOUS: Kaum eine Künstlerin hat die 2010er so geprägt wie Lana Del Rey. Mit ihrem neuen Meisterwerk „Norman Fucking Rockwell!“ wird es höchste Zeit, die Queen of Baroque Pop als Headlinerin beim Primavera Sound Barcelona zu feiern. Königlich geht es Kacey Musgraves weiter. Während sie in Europa größtenteils noch völlig unterschätzt wird, führt sie in den Staaten das Country-Genre schillernd an. Ihre seltenen Ausflüge auf das europäische Festland sind Grund genug, ihren Gig aus „Must See“ zu makieren. Die dritte im Bunde ist die 25-Jährige Maggie Rogers, die mit ihrem Debütalbum „Heard It In The Past Life“ im letzten Jahr alle in ihren Bann zog und mit einer Grammy-Nominierung belohnt wurde. Die Power, die Maggie auf die Bühne bringt, ist einmalig. Die kanadische-Electro-Legende Caribou lässt uns zu seinem neuen Album „Never Come Back“ tanzen. Und dann, ja dann feiern auch noch die The Strokes ihr großes Comeback. Indie-Fanatiker liegen sich weinend in den Armen, andere schreien vor lauter Freude. Ich gehöre definitiv dazu.
  • TICK OF THE LIST: Der Dopamin-Tagesbedarf wäre damit theoretisch schon abgedeckt. Aber es geht weiter, denn hier geben sich die Indie-Legenden die Klinke in die Hand: Beck bringt neuen Stoff und alte Klassiker wie „Loser“ mit nach Barcelona. Odd Future-Rapper Earl Sweatshirt wärmt uns für Samstag auf. Die gebürtige Deutsche und internationales Pop-Phänomen Kim Petras ist ebenso sehenswert wie die amerikanische Sängerin und Violinistin Sudan Archives. Nicht nur wegen ihres wunderschönen Bandnamens sollte man sich King Gizzard and The Lizard Wizard anschauen.
  • NOT SO SECRET SECRETS: Die ungewöhnlichste Boyband der Welt, BROCKHAMPTON, lassen mich mit ihrem Alternative Hip Hop zum Fangirl werden. Ein Date mit FONTAINS D.C., ihrem irisischen Akzent und dem gefeierten Debüt „Dogrel“ sollte man sich nicht entgehen lassen. Dass Little Simz bereits das zweite Jahr in Folge auf dem Line-Up zu finden ist, spricht Bände. Nationale Highlights bilden Akasha Kid, Chaqueta de Chándal und Le Nais.




Samstag // 06. Juni 2020

  • OBVIOUS: Der dritte Tag wird feierlich vom frischgebackenen Grammy-Gewinner Tyler, The Creator angeführt, der mit seinem Album „IGOR“ und der unvergleichlichen Perfomance neue Maßstäbe in der Musikwelt setzt. Disclosure auf die Hauptbühne zu holen ist für das Primavera Sound Barcelona eine große Geste an elektronische Tanzmusik und wir können es kaum erwarten, zu einem der vielen Hits des britischen Geschwister-Duos auszuflippen. Wunderkind King Krule gilt unter Experten nicht umsonst als einer der wichtigsten kontemporären Künstler. Mit „Man Alive!“ macht er die katalanische Hauptstadt unsicher.
  • TICK OF THE LIST: Zwei Acts, mit denen ihr eure Eltern entweder neidisch oder glücklich machen könnte, wenn ihr sie einfach mitbringt, sind Iggy Pop und Mavis Staples. Hier treffen Punk und R&B in ihrer traditionellsten Form aufeinander. Für Verwirrung im Elternhaus sorgt ihr stattdessen mit einem Besuch bei Bad Bunny, dem puerto-ricanischen Latin-Trap-Star, der zuletzt mit seinem Gastauftritt während Shakiras und Jennifer Lopez Superbowl-Halbzeitshow um die Welt ging.
  • NOT SO SECRET SECRETS: Noch Zeit im Timetable? Kein Problem. Chairlift-Sängerin Caroline Polachek veröffentlichte im letzten Herbst ihr Solodebüt, ihren Hit „So Hot Your Hurting My Feelings“ solltet ihr bis zum Sommer unbedingt auswendig lernen. Ein bemerkenswertes Comeback feierte die britische Pop-Sängerin Georgia mit ihrem zweiten Album „Seeking Thrills“ und wird jetzt schon aus heiße Anwärterin für die Bestenlisten gehandelt. Die Londoner Post-Punk-Newcomer Black Country, New Road haben Potential, das nächste große Ding zu werden. Ihre Nachbarn Shame haben das bereits geschafft. Wer den perfekten Soundtrack für strahlenden Sonnenschein und einen gemütlichen Nachmittag sucht, wird bei der spanischen Bedroom-Pop-Sängerin Núria Graham glücklich werden. Wem nach dem genauen Gegenteil zumute ist, kann sich vom New Yorker Noise-Rock-Duo Uniform beschallen lassen.




Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Alfons Taekema (Unsplash)