Sonntagabend, halb 10 in Deutschland: den meisten graut es schon vor dem verhassten Montagmorgen. Doch circa 1500 Menschen stehen im E-Werk in Köln und wissen sich sehr gut davon abzulenken. OK KID sind mit ihrem neuen Album „Sensation“ auf Tour – könnte eine Woche schöner enden?


Ein Artikel von Maren Schüller – Für die Tour ihres dritten Albums haben OK KID für verschiedene Orte verschiedene Voracts dabei. In ihrer Wahlheimat Köln wird das Konzert durch die aus Köln stammende Band Sohnemann und den in Köln lebenden Rapper Goldroger zu einem abgestimmten Einblick in die lokale Musikszene.

„So finster die Nacht / So hell danach der Tag“

Überpünktlich begrüßt der OK KID Frontsänger Jonas das Publikum, um den ersten Voract Sohnemann anzukündigen. Vier coole Typen kommen auf die Bühne und lassen die Halle in ihre melancholische Welt eintauchen. Sie klingen nach Trümmern und der Einsamkeit inzwischen von Menschen, die sie selbst oft genug nicht verstehen. Bei den verträumten Gitarrenmelodien von Sohnemann ist die Menge aus bunten Haaren und OK KID Shirts schon nach wenigen Minuten größtenteils überzeugt. Die Texte sind simpel und voller Jugendlichkeit. Es ist vielleicht noch nicht die höchste lyrische Kunst, aber genau hier scheint durch, dass es eher um Authentizität als um große ästhetische Phrasen geht.

Nach einer wirklich kurzen Umbaupause geht es weiter: Moritz, der Keyboarder von OK KID, übernimmt die Anmoderation von Goldroger, die sehr persönlich ausfällt. Er erzählt von gemeinsamen Studiosessions und schwärmt vom bald erscheinenden Album des Rappers.
Alle hier kennen sich, alle hier mögen sich, alle hier helfen sich – dass eine solche Musikszene in Deutschland jetzt wieder existiert und wächst, ist irgendwie einfach wunderschön.

Goldroger kommt gemeinsam mit dem Producer Duo Dienst & Schulter auf der Bühne und präsentiert sein letztes Album „Avrakadavra“. Abgesehen von ein paar Fans gewinnt er die Menge nicht so richtig für sich: teilweise, weil seine Lyrics einfach zu schnell sind, um sie zu verstehen, ohne die Lieder vorher schon zu kennen. Teilweise aber auch, weil die Fanbase von OK KID tendenziell eher nicht mehr so viel mit Rap am Hut hat. Trotzdem beweist sich Goldroger mit seinen tiefsinnigen Texten und spannender E-Gitarrenbegleitung, die man so übrigens auch nur bei seinen Live-Auftritten erlebt. Am Ende sammelt er beim Publikum doch noch Pluspunkte: Als es in seinem Song „Unter Nelken“ darum geht, ein Statement gegen die Band Frei.Wild abzugeben, ist auch die skeptische Fanbase überzeugt.

Gemeinsam gegen Fremdenhass!

Und dann ist das Warten vorbei. Sonntagabend, halb 10, OK KID eröffnen das Konzert mit „Warten auf den starken Mann“ und zeigen damit direkt eine starke Haltung. Auf der Bühne stehen weiße Pappstatuen, dazwischen steht die Band.
Mit Songs wie „Lügenhits“, „Kaffee warm“ und „Ich kann alles“ liefern sie als Einstieg eine bunte Mischung aus alten und neuen Songs. Von Sekunde eins an gibt es die Grenze zwischen Band und Publikum nicht mehr, denn die Fans sind so textsicher, dass sie jedes Wort mitsingen können und das auch lautstark tun. Kein Song wird nur von OK KID gespielt, nein, es ist eine riesengroße gemeinsame Performance, bei der die ganze Halle mitmacht. Obwohl das neue Album „Sensation“ gerade mal einen Monat alt ist, kennen die Fans auch bei den neuen Songs schon jedes Wort.

Eine Improvisation mit dreistimmigem Autotune-Effekt und Keyboard à la Cloudrap beweist die Experimentierfreudigkeit der drei Wahlkölner. Früher eher dem Hip Hop zugewendet, sind auf dem neuen Album auch Ausflüge in 80s Pop mit Funk-Elementen vertreten. Der Song „Reparieren“ ist laut Sänger Jonas ein Shoutout an Michael Jackson – eine gewagte Referenz, die sich OK KID aber leisten kann.
Als der Sänger bei „Grundlos“ von der Bühne in die Menge springt und dann mitten in der Halle auf dem Technikerpult weitersingt, ist die Menge danach bei „Bombay Calling“ erst recht nicht mehr zu halten. Obwohl wirklich niemand in der Halle mehr überzeugt werden muss, zeigen OK KID immer wieder noch eine andere Facette ihrer Musik: Eine short version von „5. Rad am Wagen“ und der Song „Euforia“ erinnern an ihren Ursprung im Hip Hop. Sie bauen traplastige Beats mit sinnvollen Texten zusammen und toppen das Ganze mit Melodien, die man auch bei majestic casual oder Mura Masa finden könnte.

Eine Stimme für den Zweifel

Songs wie „Zuerst war da ein Beat“, „Ich kann alles“, und „Blüte dieser Zeit“ zeigen, dass die Essenz von OK KID in lyrisch beeindruckenden Texten über das Leben aus der Perspektive des Außenseiters liegt. Es ist eine Band aus genau dieser heutigen Zeit, eine Band für die Jugendvon jetzt. Sie finden den Soundtrack für eine Generation, deren Welt immer wieder sinnlos erscheint und die Bedeutung der Musik für das Publikum im E-Werk ist fast greifbar.
Bedrohliche Beats mit viel Bass und die hemmungslose, ungeschminkte Stimme des Sängers funktionieren einfach immer zusammen, um gesellschaftliche Tatsachen schon fast herzzerreißend darzustellen. Die Drums allein klingen oft genug nach Aufbruch und Veränderung. So schafft es die Band bei „Wolke“ zwischen Herumspringen und Mitsingen auch einem tragischen Drumsolo ein Gehör zu verschaffen.

„Wir hören nicht auf diesen Song zu spielen, bis die AFD null Prozent hat!“

Nach dem vermeintlichen Ende des Konzerts und endlosen Zugaberufen kommen OK KID nochmal auf die Bühne, um den Saal mit dem Titelsong des neuen Albums und dem meiner Meinung nach bisher wichtigsten Song der Band, „Gute Menschen“, endgültig abzureißen.

Es war ein sehr emotionales Konzert. Überraschend. Überzeugend. Übertrieben gut. Ich glaube, wir kommen alle wieder. Und dann singen wir noch lauter mit, bis es nicht mehr lauter geht.



OK KID live

20.11.2018 Hannover, Capitol
21.11.2018 Hamburg, Docks
22.11.2018 München, Muffathalle
23.11.2018 Berlin, C-Halle
24.11.2018 Leipzig, Täubchenthal
06.03.19 – Bremen, Schlachthof
07.03.19 – Rostock, Mau
08.03.19 – Kiel, Die Pumpe
09.03.19 – Münster, Skaters Palace
10.03.19 – Kassel, 130bpm
12.03.19 – Magdeburg, Altes Theater
13.03.19 – Dresden, Schlachthof
14.03.19 – Dortmund, FZW
15.03.19 – Wiesbaden, Schlachthof
16.03.19 – Heidelberg, Halle 02
18.03.19 – Augsburg, Kantine
19.03.19 – Nürnberg, Z-Bau
20.03.19 – Würzburg, Posthalle
21.03.19 – Graz, Orpheum
23.03.19 – Linz, Posthof


Autorin & Photocredit: Maren Schüller