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Eine neue Ära kommt da auf uns zu: AUSTRO RAP Vol. 1

Eine neue Ära kommt da auf uns zu: AUSTRO RAP Vol. 1

Wer die heimische Rapszene in den letzten Jahren im Blick und im Ohr hatte, merkte immer wieder: Viele der spannenden Impulse und die wirklich korrekten Playerinnen und Player kamen aus Österreich. Deshalb wird es Zeit, hier mal einige von ihnen zu versammeln, um geballt zu zeigen, was Austro-Rap so kann. Entstanden sind Sampler in Kollaboration mit Austrian Music Export und Trishes (ORF FM4), der die Szene seit Jahrzehnten im Blick hat und hier einen absolut lesenswerten Umriss inklusive Playlist präsentiert. In dem Sampler wird bewusst der Fokus auf die neue Generation junger RapperInnen gelegt, die zur Zeit dabei sind, sich einen Namen zu machen.

Nenda

Die in London lebende Schauspielerin und Musikerin Nenda kombiniert Raps auf Englisch und im Dialekt des Tiroler Ötztales, wo sie aufgewachsen ist. In Songs wie „Mixed Feelings“ reflektiert sie über die komplexen Gefühle der (Nicht)zugehörigkeit als dunkelhäutige Österreicherin in England. (Text: Trishes, FM4/ORF)

KeKe

Auch die Wiener Rapperin hat Jazz-Ausbildung und sang mehrere Jahre in einer Band, bevor sie sich dem Rap zuwandte und beim Universal-Sublabel Mom I Made It unterschrieb. Die sehr 808-lastigen Songs ihrer Debüt-EP „Donna“ und auch die Singles danach stellten weibliches Selbstbewusstsein, Body Positivity aber auch das Ringen mit der seelischen Gesundheit ins Zentrum. Nach hochkarätigen Gastauftritten auf den Alben von Trettmann oder Felix Kummer (Kraftklub) in Deutschland kann man auf das Debütalbum von KeKe gespannt sein. (Text: Trishes, FM4/ORF)

Crack Ignaz

2011 gründeten einige Freunde in Salzburg ein Blog namens Hanuschplatzflow, um ihre musikalischen Entdeckungen zu sammeln. Bald wurden dort aber immer mehr eigene Produktionen von etwa Young Krillin, DreXor, Däk Intellekt, Lex Lugner oder Crack Ignaz gepostet. Auffällig war dabei die Affinität zum texanischen Rap und der „Chopped & Screwed“ Technik, bei der die Musik zerhackt und verlangsamt abgespielt wird. Vor allem die Songs von Crack Ignaz trafen schnell einen Nerv und wurden auch in Deutschland sehr populär – obwohl der Rapper zusätzlich zu seinem Salzburger Dialekt noch Lehnwörter aus dem „Jenischen“ (der nahezu vergessenen Sprache eines fahrenden Volkes) in seine Texte einfließen ließ und diese somit selbst für Österreicher nicht leicht verständlich waren. Aber der Klang und der Swag waren so mitreißend, dass auch die vermeintliche Sprachgrenze nördlich von Bayern Crack Ignaz nicht aufhalten konnte. Die erste Vinyl-Single und die ersten zwei Alben erschienen bei Labels in Köln, auch danach orientierte sich der zeitweise in Wien lebende Rapper großteils in Richtung Deutschland. Das letzte Album „Sturm & Drang“ hat Crack Ignaz 2020 independent veröffentlicht. (Text: Trishes, FM4/ORF)

EBOW

EBOW trat erstmals in Guerilla-Shows in Wäschereien, Supermärkten und Straßenbahnen auf. Heute tritt die in Wien und Berlin lebende und arbeitende Künstlerin auf konventionelleren Bühnen auf. Ihre Botschaft bleibt jedoch provokativ und politisch und fordert eine solidarische und gleichberechtigte Gesellschaft. Solo, aber auch als Mitglied der Gaddafi Gals rappt EBOW gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie. 2013 erschien ihr Debütalbum „Ebow“ auf Disko B. 2017 folgte „Komplexität“, Ebows erstes Album bei Problembär Records/Seayou Entertainment und eine Platte, die der Vielfalt unserer Gesellschaft Rechnung trägt.

Ihr neuestes Album „K4L“ („Kanak 4 Life“, erschienen am 29. März 2019) widmet sich Gemeinschaften und den Dingen, die uns alle verbinden. Im Gegensatz zum Ego, das im Rap so oft überrepräsentiert ist, spricht K4L über Familie (K4L), Freunde (Slang), die queere Community (Butterflies) oder Migrationserfahrungen (AMK). Im Refrain des Titelsongs von „K4L“ verkündete Ebow stolz, „Kanak for life“ zu sein. Wer sich durch solch eine kühne Aussage provoziert fühlt, kann noch einmal aufhorchen. Was zunächst als eklatante Übertreibung abgetan werden könnte, trägt tatsächlich eine mehr als ernste Botschaft. Ihre Geschichten setzen sich in einer Weise mit kultureller und sexueller Identität auseinander, die vermeintlich unantastbare Normen im Hip-Hop in eine neue Perspektive rückt. Andersartigkeit und Vielfalt stehen zwischen den Zeilen, erhobene Zeigefinger bleiben weitestgehend unzeigbar. So funktioniert das Rezept der Wienerin mit türkisch-alevitischen Wurzeln. Das Endergebnis ist ein sehr leckeres Gericht auf „K4L“.

Eli Preiss

Auch die junge Wienerin gehört zur brodelnden jungen HipHop-Szene der Metropole. Eigentlich hat sie als Sängerin angefangen und von klassischem R&B inspiriert englische Songs geschrieben. Erst 2020 fand sie zur deutschen Sprache und war mit eingängigen Songs wie „Noch down?“ oder „Im Kreis“ schnell in aller Munde. In den vergangenen Monaten hat sich die Musikerin immer mehr dem Rappen zugewandt, was auf Singles wie „Danke Mami“ oder „Aba Warum“ zu hören ist. (Text: Trishes, FM4/ORF)

Hip Hop Joshy

Menschenfeind mit Hang zur Philanthropie. Selbstverliebt und unsicher. Ernst, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. HipHop Joshy ist all das und damit der wandelnde Widerspruch. Der Wiener Rapper fing bereits 2011 an Texte zu schreiben. Waren es damals noch ausschließlich BoomBap-Tracks, so ist sein heutiges musikalisches Repertoire viel breiter gefächert. Mit seiner Band Diskoromantik macht er Lovesongs auf Synthie-House-Beats. Als Solo-Artist ist mal ein Battlerap-Track dabei, dann wieder ein Trap-Banger mit Autotune-Hook. Inhaltlich geht es dem Heiße Luft Gründer immer darum, möglichst echte Bilder zu erzeugen und Geschichten zu erzählen. Dabei bleibt er unverblümt ehrlich und ist sich nicht zu schade, auch mal seine verletzliche Seite zu zeigen. Denn HipHop Joshy ist vor allem eines: einfach nur Mensch. Im Herbst 2021 erscheint sein neues Mixtape KONNEX auf dem einige befreundete Acts vertreten sind.

Dyin Ernst

Dyin Ernst ist das Alter Ego des Rappers JerMc. Sein Traum-Ich, das aufwacht wenn JerMceinschläft.Mit der „Paul Verlaine“ EP gabDyin Ernst2019 ein erstes Lebenszeichen von sichund meldete sich zum ersten Mal aus der Traumwelt, Trauma-Town.Wie derName schonsagt, lebt Dyin Ernst hier nicht nur unter den Hoffnungen und Träumen von JerMc (es zu„schaffen“, ohne Klarheit, was das überhaupt zu bedeuten hat),sondern auch seinenÄngsten (es nicht zu „schaffen“)und Traumata.Somit vermischen sich Gefühle vonBeklemmung und Euphorie zu einem abstrakten und düsteren Bild.Die melodische,teilspoppige Instrumentalisierung geparrt mit durchwegs hohem technischen Rap-Niveau machtdas Ganze zu einer seltenen Abwechslung zum vorherrschenden Mainstream-Rap.

Silk Mob

Die Supergroup traf zusammen, als die beiden Berliner Rapper Donvtello und Opti Mane um ein Wien-Konzert im Mai 2019 ein paar Tage mit den Produzenten Lex Lugner und Fid Mella sowie dem Rapper/Sänger Jamin verbrachten. Was zunächst als Studio-Sessions für einzelne gemeinsame Songs geplant war, wuchs sich zu einer ganzen Woche aus, an deren Ende das selbstbetitelte Album „Silk Mob“ fast fertig war. Die seidige, stark von den US-Südstaaten beeinflusste, Klangfarbe und die zurückgelehnten Raps über das Zuhause bleiben und ganze Tage im Bademantel verbringen, wirkten beim Erscheinen der Platte Ende März 2020 wie ein prophetischer Soundtrack zu den ersten Lockdown-Wochen. (Text: Trishes, FM4/ORF)

Skofi

Die Anfang 22 jährige wiener Produzentin und Musikerin Skofi experimentierte ursprünglich mit Indie und Jazz Musik.

Im Sommer 2018 beginnt sie eine Zusammenarbeit mit Skyfarmer, der in der Jazz / Future Bass / HipHop Szene seine musikalischen Wurzeln wachsen ließ. Durch deren Genre Diversität erschaffen sie ihr individuelles Klangbild. Nach ihrer ersten Single „Rosy Clouds“ die weltweit über 500 Tausend Streams erzielte, folgten zwei EPs: „Ascending Journey“ und “Throwback”.

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Nach einer kurzen Frühlingspause für etwaige Solo-Projekte starteten Skofi & Skyfarmer ihre Deutschrap EP-Trilogie: Angefangen mit der im Februar erschienenen EP “0.01”, folgte nur ca. ein Monat später die Single “WischWeg” (inkl. Musikvideo), die den Release der EP “0.02” wenige Wochen später einleitete. Am 21.05. kündigte sich mit der Single “Amy” das Ende der EP-Reihe an, die am 04.06. mit “0.03” (inkl. Musikvideo zu dem darin enthaltenen Track “Zähne & Blut”) vervollständigt wurde.

Doch das Ende der EP-Trilogie ist eher ein Anfang der Deutschrap-Diskografie von Skofi & Skyfarmer: Mit zahlreichen unreleasten Songs, die nur darauf warten veröffentlicht zu werden, wird es im Jahre 2021 keinesfalls ruhig um das MusikerInnen-Duo.

Bibiza

Nachdem seine Beats im Jugendzimmer zu laut für Nachbarn und Eltern waren, hat sich Bibiza schon in Teenager-Jahren ein Keller-Studio im sechsten Bezirk in Wien aufgebaut, das bis heute seine Basis ist. Die „Copypaste“ EP war 2019 das erste Lebenszeichen des Rappers und Produzenten, 2020 folgten in kurzen Abständen das „Bis Dato“ Mixtape sowie die EPs „Tourbus“ und „Cali“ – musikalisch immer mehr vom jungen Prodbypengg geprägt. Rund um Bibiza schart sich auch eine produktive Clique mit Rapper_innen wie Liebcozy oder Skofi, zuletzt gab es auch eine „Combo“ EP mit seinem Jugendfreund SLAV zu hören. (Text: Trishes, FM4/ORF)

Kerosin95

Eigentlich kommt Kathrin Kolleritsch aus dem Pop, hat schon bei der Band Kaiko gespielt und ist aktuell bei My Ugly Clementine an Schlagzeug und Gesangsstimme zu hören. Gleichzeitig war aber auch der Rhythmus des Rap immer eine Inspiration, was letztlich zum Start des Kerosin95-Projektes führte. Mit klassischen HipHop-Beats, Trap-Rhythmen oder auch akustischen Klängen im Hintergrund erzählt Kerosin tragische aber auch komische Geschichten aus dem Leben einer Person, die sich der traditionell binären Geschlechterordnung nicht unterwirft und deswegen auch immer wieder angefeindet wird. (Text: Trishes, FM4/ORF)

Fate

Fate ist ein österreichischer Musiker aus Graz. 2015 erschien seine Debut-EP „Der Teufel singt Schlager“ über das Wiener Independent-Label Honigdachs, als Digital Release und mit kleiner CD-Auflage, die nach kurzer Zeit vergriffen war. 2016 folgte die „Ungedopt“ EP digital, 2020 die EP „Passagen“. Neben seinen Releases konnte er vor allem durch zahlreiche Live-Auftritte u.a. in Graz, Wien, Berlin und München, Musikvideos (in Summe ca. 150.000 Aufrufe) sowie durch Teilnahmen an Freestyle- und Acapella-Rapbattles (ca. 140.000 Aufrufe) auf sich aufmerksam machen. Er ist Gewinner des Freestyle-Contests des österreichischen Musikmagazins The Message 2017, Zweitplatzierter des Jahres 2018 und ein Name im etablierten deutschen Battlerap-Format Don’t let the label label you. Sein Ruf als einer der vielversprechendsten österreichischen Newcomer der letzten Jahre drückt sich dabei auch in Feature-Beiträgen auf relevanten Veröffentlichungen aus . So war er unter anderem auf den Alben „Fensterlos“ (MochDaKopf, Honigdachs), „Lobotomie“ (Def Ill, DuzzDownSan) und der „DuzzDownSan Compilation 2020“ (mit P.tah, Kinetical und Def Ill, DuzzDownSan) vertreten, und wurde mit den Songs „Viel zu Graz“ (mit siebzig prozent), „Agathe“ (mit MochDaKopf) und „Mussorgsky“ (mit Spello und Al Pone) auf FM4 gespielt. Im April 2019 las er beim bekannten Veranstaltungsformat Rapper lesen Rapper im Literaturhaus Graz. Über das Musikalische hinaus war er 2017 mit einem eigenen Prosa-Text Finalist der PULS-Lesereihe des Bayerischen Rundfunks, sowie 2016 Kandidat der Bayerischen Meisterschaften im Poetry Slam. Er ist zweimaliger Herausgeber der literarischen Anthologie „fortississimo“ und hat zahlreiche Texte, Gedichte und Erzählungen in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

Sharktank

Vor rund zwei Jahren traf der ursprünglich aus Graz stammende Rapper MILE in Wien auf den Produzenten Marco Kleebauer. Ersterer hatte davor mit elektronischen, vom aktuellen US-Rap beeinflussten Songs von sich hören gemacht, zweiterer neben seiner Band Leyya auch als Produzent für etwa Bilderbuch gearbeitet und früher als Karma Art experimentelle Beats gebastelt. Die ersten Songs basierten noch auf klassischen Soul-Samples, mit der Zeit nahm die eigene Instrumentierung aber immer mehr Platz im Klanggemisch ein. Spätestens mit dem Neuzugang von Katrin Paucz an Gitarre und Gesang ist Sharktank zu einer organischen Band irgendwo zwischen HipHop und psychedelischem Pop geworden, die sich in noch größerer Besetzung auch live in Szene zu setzen weiß. (Text: Trishes, FM4/ORF)

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