Der Trailer zum Album weckte erste Zweifel in mir. Ist Justin jetzt zum Öko geworden? Vorbei die Zeiten wilder Partynächte, jetzt wo er Familienvater ist? Wozu wird die kommende Generation ausgelassen tanzen? Wird man Mr. Timberlake künftig nur noch als den ‚Man Of The Woods‘ kennen, der mit der Gitarre am Lagerfeuer sitzt?

Doch die erste Singleauskopplung des heute erschienen Albums gab Entwarnung. Statt „boniveresker Waldschrat“ (Zitat @ruepelpatrick | Twitter) bekamen wir mit ‚Filthy‚ eine Überdosis an hochmodernem Autotune. Zwar nicht unbedingt das, was man sich nach einer langen Durststrecke erhofft hat, aber immerhin kein Country.

Weiter in der Reihe der Ankündigungen ging es mit ‚Supplies‚, einem ähnlich elektronisch angehauchten Song, der für viele die Offenbarung darstellte und den alten Justin wiederauferstehen ließ.

Mein persönliches Highlight, in der schier nicht enden wollenden Flut an neuen Releases (Justin, Du musst nicht auf Krampf beweisen, dass Du‘s noch kannst!) ist jedoch ‚Say Something‘, ein Song mit einem Feature von Chris Stapleton. Deutlich reduzierter und harmonischer als die beiden vorangegangenen Titel von „Man Of The Woods“ erleben wir eine neue Facette. Stilistisch immer noch treu geblieben, gestaltet sich der Song jedoch erwachsener, reifer und öffnet die Tür zu einer neuen Epoche des Justin Timberlake. Gefühlt gab es bisher noch keinen vergleichbaren Song zu hören.


Und der Rest des Albums?

Man findet sich irgendwo zwischen Disko-Funk und pathetischem Lagerfeuer-Sound wieder und irgendwann taucht völlig unerwartet auch noch ein Song mit Alicia Keys auf. Dass Pharrell Williams seine Finger im Spiel hatte, ist ebenfalls auffällig oft rauszuhören, was den Songs aber eher unfreiwillig einen Stempel aufdrückt. Das titelgebende „Man Of The Woods“ ist dabei kein Track mit Hit-Potential, wenngleich es wohl eines der persönlichsten Stücke des Albums ist.

Immer wieder wurden wir mit Teasern, Making-Of‘s und neuen Video-Schnipseln darauf vorbereitet, was uns heute erwarten würde. Für die einen ein Zeichen von übertriebenem Stolz, für andere ein deutliches Signal, dass die Angst vor einem Flop im Raum steht. Doch müssen wir uns bei Justin wirklich Sorgen um ein Desaster machen?

Die Antwort ist ein klares JEIN! Ja, man kann darüber streiten wie klug es ist, die vielleicht drei besten Songs als Vorankündigung zu veröffentlichen. Ja, man kann auch darüber streiten, dass der ALTE Justin vielleicht nicht mehr existent ist und das Album eine komplett andere Richtung anschlägt und die Hörer verprellt. Aber man könnte auch einfach offen für neues sein, die hervorragend produzierten Titel genießen, und dem Album eine Chance geben. Wieso nicht mal verrückt sein?

Man Of The Woods‘ ist wie durch JT eigens angekündigt ein exzellenter Querschnitt zwischen „Elektro-Pop-Poet“ und „Heimat-Südstaaten-Folk“. Wer als Hörer nicht mindestens einen Song findet, zu dem mitgesungen wird, hat das Album nicht aufmerksam genug angehört. Timberlake erfindet das Rad nicht neu, geht aber definitiv neue und unkonventionelle Wege. Er wagt Schritte rechts und links des gewohnten und macht erfolgreiche Abstiche in neue Gefilde. Sound der gefällt, wenn auch erst nach mehrmaligem anhören.


 

Autor: Dominik Huttner Foto: Justin Timberlake Facebook

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