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Everything Everything & „Re-Animator“: Ein neues Kapitel für die Ausnahmeband

Everything Everything & „Re-Animator“: Ein neues Kapitel für die Ausnahmeband

Wie klingt es, wenn eine Band, die seit Jahren für ihre dystopischen und hochpolitischen Alben bekannt und geehrt worden sind, ausgerechnet 2020 eine Platte rausbringen, die damit so gut wie nichts am Hut hat? Everything Everything schaffen mit „Re-Animator“ den spannenden Spagat zwischen Endzeitstimmung und Rückbesinnung.

DIE BAND

Fünf Alben, zwei Mercury Prize-Nominierungen, fünf für den Ivor Novello Award – Everything Everything haben ihre Heimat Großbritannien längst um sämtliche kleine Finger gewickelt. In Deutschland bleibt man mit der Euphorie um die Art-Pop-Alternative-Rock-Electronica-Experimental-Band aus Manchester eher zurückhaltend… aber so viel sei gesagt: wenn ein Everything Everything-Fan mal auf einen anderen Everything Everything-Fan trifft, gibt es kein Halten mehr. Mein Herz eroberten sie vor über fünf Jahren, als sie als Support Act vor Mumford & Sons spielten.

DER SOUND

Beeindruckend finde ich immer wieder, wie Everything Everything auf all ihren Alben so unverwechselbar klingen, dabei gleichzeitig aber ein experimentelles Kaleidoskop aus Sounds so zusammenbringen, dass kein Song auch nur annähernd klingt wie der vorherige. Ersteres hängt natürlich mit der einzigartigen Falsetto-Stimme von Sänger Jonathan Higgs zusammen, doch es darauf zu beschränken, wäre lachhaft.

Nun reichen sie uns wieder einen hübschen Strauß an neuen Soundbasteleien. Nicht so in your face wie auf „Get To Heaven“ (2015), nicht grunddüster wie auf „A Fever Dream“ (2017). Auf „Re-Animator“ klingt meist erstaunlich erleichtert und warm, überrascht mit dem Bond Theme-esquen „It Was A Monstering„, dem Dark 80s-Disco-igen „Planets“ und dem Beatfeuerwerk auf „Black Hyena„.

DIE THEMEN

Re-Animator“ ist ein wichtiger Schritt des Erwachsenwerdens. Die erste Seite eines neuen Kapitels, dessen Überschrift schon so aufregend klingt, dass man das Buch keinesfalls jetzt zuschlagen darf. Bestachen Everything Everything in den vergangenen Jahren durch ihre laute Politisierung der Indie-Szene, treten sie hier einen Schritt zurück. Setzen sich hin. Atmen durch. Und finden dabei textlich zu sich selbst, zu den goldenen Momenten in einer Welt voller Scheiße.

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DER LIEBLINGSTRACK

Big Climb“ – hier kommt alles zusammen, was ich an Everything Everything besonders liebe. Jonathans Stimmlagen-Achterbahn, eine wilde Kombi aus Rap-artigen Parts und choralen Passagen. Generell ein Arrangement, bei dem dir ein bisschen schwindelig wird und du nicht weißt, ob es nun an dem spektakulären Zusammentreffen der Elemente, den euphorisierenden Drops oder der puren Freude liegt, die „Big Climb“ mitbringt.

DIE PERFEKTE ERGÄNZUNG FÜR…

Den guten Musikgeschmack. Deutschland, es kann wirklich nicht sein, dass wir uns hier eine der besondersten Indie-Bands aus UK so einfach entgehen lassen.

DAS FAZIT

Manchmal überkommt mich die Angst, dass die besten Jahre einer Band passiert sind, bevor ich mich damit wirklich abfinden konnte. Mit „Re-Animator“ zeigen Everything Everything allerdings, dass diese Angst (wie so viele andere auch) hier völlig unberechtigt ist. Nach einem Peak kommt nicht ausnahmslos die Abfahrt, sondern auch einfach mal der nächste Peak. „Re-Animator“ steckt voller Highlights abseits jeglichen Mainstreams. Wenn man mich später einmal fragen sollte, was am Jahr 2020 nicht schlecht war, wird „das Album von Everything Everything“ definitiv in meiner Aufzählung auftauchen.

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