Deutschrap-Deutschland ist in Aufruhr. Charts werden regiert von Kurztrack-Künstlern, von denen man bis gestern noch nie gehört hatte, den Streaming-Zahlen wird die Credibility mit erschütternden Internetdokus aberkannt und ehemalige Helden greifen zum Aluhut. Es wird Zeit, dass jemand mal auf den Tisch haut, um die Aufmerksamkeit wieder auf die wirklich wichtigen Dinge und weg vom CL 500 zu lenken. Fatoni bringt dem Genre mit „Andorra“ die Validität zurück.

Ein Artikel von Anna Fliege – Bei Bekanntgabe des Albumtitels lief es mir kalt den Rücken herunter. Flashback 8. Klasse, Deutsch-Unterricht, unsere Lektüre spendiert vom Schweizer Autor Max Frisch. „Andorra“ mit seinem klassischem Dramen-Aufbau bereitet mir Kopfschmerzen und keinen Spaß, denn statt als Fließtext, ist die tragische Geschichte des jungen Andri in Akte und Szenen aufgeteilt, das stört meinen Lesefluss enorm. Ob Szenen im Drama oder Drama in der Szene…manche Dinge ändern sich scheinbar nie.

Nach dem gemeinsamen „Yo, Picasso„-Album mit Dexter 2015 und dem großen Fatoni-Jahr 2017, in dem sowohl das „Im Modus„-Mixtape und das wahnsinnig gute Mine-Kollaboalbum „Alle Liebe nachträglich“ erschien, ist „Andorra“ Fatonis erstes richtiges Soloalbum seit „Die Zeit heilt alle Hypes“ 2014. Die Welt ist seither grausamer, die Fanbase größer, und der beste deutsche Rapper der Welt noch viel reflektierter geworden.


„Kein Führerschein, aber ab und an lass ich mich navigieren zu einem viel zu nahen Ziel, nur damit mir jemand sagt ich hab mein Ziel erreicht.“


Fragte sich Fatoni gemeinsam mit Mine und Bustla vor ein paar Jahren noch „Ziehst du mit?„, kommt jetzt, gleich zu Beginn von „Andorra„, die entzaubernde Erkenntnis: „Alles zieht vorbei„. Der nachdenkliche Opener verbindet persönliche Geschichtsschnipsel mit Universellem, bei dem wir uns alle angesprochen fühlen. Lebenskrisen als Premien in unserer perfektionistischen Workaholic-Welt, in der man eigentlich gar nicht so recht weiß, was man will und was nicht. Hier wird nicht mal mit Metaphern geschönt, sondern ehrlich und bedrückend die Wahrheit erzählt.

Nach über 3 1/2 Minuten, noch bevor der Song zu Ende ist, folgt nicht unbedingt ein Stimmungs-, aber immerhin ein Stimmwechsel. Tocotronic-Frontmann-Legende Dirk von Lowtzow flüstert uns mit seiner tiefen Baritonstimme ins Ohr. Aber als was fungiert er hier eigentlich? Ist er bloß der auktoriale Erzähler, eine weise Vorbildfigur, Antons innere Stimme, mein schlechtes Gewissen oder gar Gott?



Dirk gibt zum Abschluss seines Monologes den Startschuss für Track 2. Grad noch in Melancholie und gesundem Selbstmitleid gebadet, bricht „Die Anderen“ die Stimmung augenblicklich. Der geliebte Fatoni-Humor verpackt in fetten Lines und dicken Beats. Für Letzteres ist, wie schon bei „Yo, Picasso„, Lieblingsproduzent Dexter verantwortlich. Der Arzt, dem die Rapper vertrauen, fusioniert mit Fatoni und seiner Vision grandios. Dexi und Fatoni – name a more iconic duo!

Wo wir schon bei dem Thema Zusammenarbeit sind: Ja, „Edgar, Juse, Toni, beste Kombination“ ist unbestreitbar, doch blickt man einmal zurück auf das „Im Modus„-Mixtape, wo es beinahe an eine Edgar Wasser/Juse Ju-Reizüberflutung grenzt, tut „Andorra“ der frische Featurewind ziemlich gut.

Mit Dirk von Lowtzow arrangieren sich Rap und Indie mal wieder zu etwas Großartigem, während Casper auf „Burj Kalifa“ gekonnt locker (als momentan überaus beliebter Featuregast) über den Dexter-Beat flext. Damit macht Fatoni die Alteingesessenen vielleicht nicht glücklich, aber mich! Ist das schon Rebellion?


„Ey, meine Rebellion besteht darin, dass ich in die falsche Richtung geh‘ wenn ich bei Ikea bin.“


Fatoni ist ein hervorragender Kritiker. Das wird für Fans des Müncheners keine weltbewegende Neuigkeit sein, darf aber mit Blick auf „Andorra“ nicht ungenannt bleiben. Hier werden keine Zeigefinger plump auf Leute gerichtet, höchstens erhoben und auf Dinge hingewiesen, die du und ich lieber ignorieren: Zum Beispiel hassen alle Frei.Wild und wir sind uns alle einig, doch wenn Rapper dumme Faschos sind, dann sind wir nicht so kleinlich.“

Rap selbst und seine Protagonisten kriegen ihr Fett auf eine sehr angenehme Art und Weise weg. Mal ist Fatoni Adressant wie in „Clint Eastwood“ und entschuldigt sich sogar für seine Haltung gegenüber der neuen Rap-Generation, mal dient er als ihr Spiegelbild („Burj Kalifa„). Und das immer mit einer guten Portion Selbstverständnis, Selbstironie und Selbstachtung statt belangloser, ellenlanger Disstracks.



Anton Schneider, so sein bürgerlicher Name, ist anders als seine Kollegen, zum Glück. Während Capital Bra mit seinem fragwürdigen „Cherry Lady„-Modern Talking-Cover vermutlich auch noch stolz für Deutschland beim ESC aufgetreten wäre, bringt uns Fatoni den gruseligen, braungebrannten Onkel aus dem RTL-Abendprogramm auf seine eigene Weise wieder ins Gedächtnis. „D.I.E.T.E.R.“ mag auf dem ersten Blick wie eine klitzekleine Liebeserklärung an Herrn Bohlen klingen, ist es aber gar nicht. Ja, auch hier steckt sie natürlich wieder drin, die Kritik. Umrahmt von persönlichen Anekdoten, Unsicherheiten und dem alltäglichen, unaufhörlichen Vergleichen mit anderen, die ihr Leben scheinbar besser, aber auch seltsamer leben.


„Es gibt so Tage, an denen wäre ich lieber Dieter Bohlen, hätte ein Rezept und würd‘ es immer wieder wiederholen. Ich wär‘ nie mehr pleite denn ich könnte Geld scheißen. Ich würd‘ jeden Promi kennen, dafür keine Selbstzweifel.“


Nicht zu verachten auch der Song „Nein Nein Nein Nein Nein Nein„, auf dem Fatoni beweist, dass man Trap mit Hitler kombinieren kann (also zum Glück nur den Film-Hitler aus „Inglorious Basterds„). Ich könnte stundenlang über die närrischen Wortspiele philosophieren und das Feuerwerk an Stilmitteln analysieren –  daran hätte ich in der 8. Klasse sicherlich auch größere Freude gefunden – aber dann würde diese Review nie ein Ende finden und in eine pseudowissenschaftliche Arbeit ausarten.

Aber wieso heißt das Album denn nun eigentlich „Andorra„? Eine Drama ist das Album nicht, dafür ist es viel zu gut. Ein Reiseführer für das sechstkleinste europäische Land ist es ebenfalls nicht. Bezug zu Max Frisch und seinem berühmten Werk gibt es aber! Danach wurde nämlich der „Andorra-Effekt“ benannt, den Wikipedia folgendermaßen beschreibt: „Er besagt, dass sich Menschen oft an die Beurteilungen und Einschätzungen durch die Gesellschaft anpassen und dies unabhängig davon, ob diese ursprünglich korrekt gewesen sind oder nicht.„. Den finden wir sowohl in unserem Alltag, als auch auf Fatonis neuer Platte an vielen Ecken wieder. Gesellschaftsdruck, Vorurteile (dabei hat Fatoni selbst ja keine, das wissen wir schon seit 2011), kurzum: „‚Hör nur auf dich selbst‘, haben die Anderen gesagt!„.

Andorra“ steckt voller Weisheiten, Unsicherheiten und Denkanstöße. Die Liebe zum Detail, sei es in oder zwischen den Zeilen, wird mehr und mehr zu Fatonis Markenzeichen. Er verleiht Deutschrap wieder Vielfalt und Niveau, macht es zu etwas Greifbarem mit Mehrwert und verlängert seine Halbwertszeit auf eine unbestimmte Länge. Und wer 2019 in einem ernsten Raptext das Wort „Mumpitz“ unterbringen kann, dem gebührt eh Respekt. Fatoni, ich ziehe meinen imaginären Hut vor dir!



FATONI live

16.10. Erlangen, E-Werk
17.10. Wien, Grelle Forelle
18.10. Jena, Kassablanca
19.10. Dresden, Beatpol
31.10. Göttingen, Musa
01.11. Bochum, Bahnhof Langendreer
02.11. Münster, Sputnikhalle
20.11. Düsseldorf, Zakk
21.11. Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus
22.11. Kiel, Die Pumpe e.V.
23.11. Osnabrück, Kleine Freiheit
03.12. Rostock, Helgas Stadtpalast
04.12. Hamburg, Gruenspan
06.12. Leipzig, Conne Island
07.12. Marburg, KFZ
09.12. Konstanz, Kulturladen
10.12. Freiburg, Jazzhaus Freiburg
12.12. Zürich, Exil
13.12. Bern, ISC
14.12. Stuttgart, Jugendhaus Hallschlag
16.12. Würzburg, Maschinenhaus
17.12. Wiesbaden, Kulturzentrum Schlachthof
19.12. Köln, Gloria
21.12. Magdeburg, Feuerwache
22.12. Berlin, SO36
26.12. Heidelberg, Halle02
27.12. München, Technikum
13.03. Hannover, Musikzentrum


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Jan Philip Welchering