Langer Titel, langes Warten, lange Freude – so ließe sich das neue FOALS-Album „Everything Not Saved Will Be Lost Part 1“ in wenigen Worten zusammenfassen. Doch das würde dem fünften Album der Indie-Rock-Band aus Großbritanniens Elite-Stadt Oxford bei Weitem nicht gerecht werden. So deutlich wie noch nie ist die kreative Finesse hörbar, welche FOALS auf ein meisterliches Level hebt.


Ein Artikel von Anna Fliege – Nach einer ersten Runde mit der Neuveröffentlichung bleibt man euphorisch zurück. Und nicht nur der Hörer ist euphorisiert, auch die Band hat sich wieder anstecken lassen. War „What Went Down“ gereift und bodenständiger, so klingen FOALS nun, vier Jahre später, wieder verspielter. Mag es auch nicht mehr die wilde „Antidotes„-Attitüde sein, mit der sie 2008 für Furore sorgten. Trotzdem ist es vielschichtiger, feinmaschiger, kleinteiliger geworden. Ein DIY-Charakter in der Königsklasse.

„We hide out ‚cause they watch us in sleep
The language that we speak and the secrets that we keep“


Und thematisch? Nun, „Everything Not Saved Will Be Lost Part 1“ (ein Hoch auf die copy+paste-Funktion) ist die hübsch verpackte Erzählung einer Apokalypse. Dabei muss es nicht einmal zwingend um das Ende des Planeten Erde gehen, sondern fängt schon bei den kleinsten, eigenen, alltäglichen Weltuntergängen in unseren Köpfen an. Hinzu kommt jede Menge Gesellschaftskritik. Uff, schwere Kost denkt man sich da. Naja, aber FOALS wären ja nicht FOALS, wenn sie das Ganze nicht in ekstatischen Tanzstücken verstecken würden.

Mit „Moonlight“ beginnt es athmosphärisch. Mit „Exits„, der ersten Singleauskopplung, folgt dem ein richtiges Brett. Starker Sound zum rhythmischen Headbangen mit diesem unverkennbaren Vibe, diesen unbeschwerten Synthie-Elementen zu furchtlosen Gitarren-Riffs. „White Onions“ greift die musikalische Stimmung weiter auf und sorgt für eine Runde Nostalgie, so stark erinnert der Sound an die frühen Werke der Indie-Rocker.



Wer bereits in den Genuss kam, einmal ein Konzert der FOALS zu erleben, sich in Ektase zu tanzen, der wird bei „In Degrees“ ein aufregendes Kribbeln in der Magengegend verspüren. Und wenn der Song schon auf dem Album so spektakulär klingt, wie wird es dann erst in den kommenden Monaten auf den Bühnen dieser Welt?

Dem psycheledischen Song „Syrups“ mit den post-apokalyptischen Visionen folgt einer der besten Tracks, die die Band jemals veröffentlichte: „On the Luna„. Das Synthie-Feuerwerk ist ein ansteckender Hit mit Hand und Fuß. Gerade hier sticht bei genauerem Hinhören die Bassline besonders hervor. „Everything Not Saved Will Be Lost Part 1“ ist das erste musikalische Werk nach dem Ausstieg von Bassist Walter Gervers, der FOALS nach 10 Jahren im letzten Jahr verließ. Die Kunst, eine so zentrale Rolle in irgendeiner Form zu ersetzen, ist der Band zum Glück gelungen. Auf der kommenden Welttournee wird ihnen Freund und Everything Everything-Bassist Jeremy Pritchard Gesellschaft leisten.

Café D’Athens“ zeichnet sich als der wohl experimentellste Song des Albums aus. Instrumente wie Marimba, Xylophon und Vibraphon treffen auf computergenierte Loops und Beats, Frontmann Yannis‘ Stimme darüber verträumt. Der kurze instrumentelle Interlude „Surf, Pt. 1“ wird uns laut Band noch einmal in einem anderen Gewand auf dem zweiten Album begegnen.

„The birds are all singing, ‚It’s end of the world'“


Melancholisch und so schön dramatisch ist „Sunday„. Yannis Philippakis erzählte Zane Lowe bei der Beat 1-Weltpremiere, der Song fühle sich an „like a sunset at Glastonbury„, aber fungiere als “a Trojan Horse to get in thought-provoking and at times melancholic„. Und wenn man gerade denkt, der Song sei vorbei, legt sich ein Schalter um, dann wird das ruhige Stück zur elektronischen Hymne, der wummernde Bass das maßgebliche Stilelement.

Schließlich endet Part 1 mit „I’m Done with the World (& It’s Done with Me)„, überraschend ruhig. Die Vorfreude auf Part 2, welcher im September diesen Jahres erscheinen soll, mindert das starke Album allerdings gar nicht. Ganz im Gegenteil: es macht Lust auf noch viel mehr. Gerade mit diesem offenen Ende, diesem Cliffhanger. Man darf gespannt sein, inwieweit sich die Prophezeiung des Frontmannes Yannis realisieren wird: Sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie können einzeln angehört und gewürdigt werden, grundsätzlich jedoch bildet eines das Gegenstück zum anderen.“



FOALS live

20.05.19: Berlin, Huxley’s Neue Welt
05.06.19: Hamburg, Große Freiheit 36
07.-09.06.19: Rock am Ring und Rock im Park


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Alex Knowles