Der rote Faden eines Albums ist nicht essentiell, doch nicht zu unterschätzen. Was aber, wenn man das Glück hat, in der Kreationsphase gleich zwei rote Fäden zu fabrizieren? Foals haben nicht lange gezögert und beschlossen, 2019 zwei Alben zu veröffentlichen. Und „Everything Not Saved Will Be Lost Part 2“ ist bei weitem keine schnöde Fortführung des ersten Teils.


Ein Artikel von Anna FliegeDramatische Orgelklänge, krachende Gitarrenriffe und eine inbrüstige Stimme. Als Foals ankündigten, dieses Album könnte ein bisschen heavier werden, haben sie nicht untertrieben. Seit ihrer Gründung 2005 tänzeln Yannis Philippakis & Co. zwischen grellem Indie und dreckigen Math Rock umher. Mit „Everything Not Saved Will Be Lost Part 2“ bekennen sie sich nun endlich mal auf ganzer Linie zu letzterem Genre.

Wenn uns Part 1 thematisch vor der Apokalypse warnte und mahnte, stecken wir stimmungsmäßig bei Part 2 mittendrin in der Postapokalyse, der Rock nach dem Sturm. Im direkten Vergleich klingt der erste Part fast schon leicht und verspielt, passt musikalisch in seine Veröffentlichungszeit im März, während der zweite Part nur so nach Herbst und Winter schreit. Dunkle, krachende Gitarrenriffs und Drumpassagen, die zum rhythmischen Klatschen einladen.

Foals präsentieren ihr kreatives Spektrum auf einer ganz neuen Ebene.



Ist „Everything Not Saved Will Be Lost Part 2“ denn nun die simple Fortsetzung? Keinesfalls! Einen klassischen, schnurgeraden Übergang zwischen beiden Alben gibt es nicht. Wenn man möchte, können sie für sich alleine stehen. Möchte man aber trotz dieses Angebots Parallelen ziehen, lohnt sich der genauere Blick. Part 1 endet mit dem übermelancholischen, ruhigen „I’m Done With The World (& It’s Done With Me)„. Das ausufernde Finale lässt sich von sanften Klaviertönen begleiten. Cut, Part 2. Mit für das normale Ohr dramatisch wirkende Orgelklänge eröffnet das Instrumental „Red Desert“ das Album. Ein Stilmittel, das wir zuletzt auf dem 2013er-Album „Holy Fire“ finden konnten, diesmal aber schon viel deutlicher als Kapiteltrenner erkennbar ist.

Die folgenden Songs entpuppen sich als wahre Rockhymnen. In meinem Interview im Rahmen ihres Berlin-Konzertes im Mai fragte ich die Band natürlich neugierig nach Infos zu Part 2. Keyboarder Edwin verriet damals: „Auf Part 1 hat man Songs wie „Exits“ und „In Degrees“ – auf Part 2 wird es keine Songs wie diese geben. Eher Songs wie „White Onions“ und „On The Luna“.“ Selbst riesiger Fan der letzten Songs kann ich sagen: Sie hatten Recht. Und befriedigen die nach härteren Sounds rufenden Anhänger mit ihrem neusten Werk.

Mit den Singleauskopplungen „The Runner“ und „Black Bull“ heizten Foals die Spannung bereits an, Tracks wie „Wash Off„, „Like Lightning“ und „Dreaming Of“ bringen das Euphoriebarometer zum Beben. Wer von früheren Platten Sachen wie „Inhaler“ geliebt hat „Snake Oil„, zählt diese hier bald zu seinen neuen Lieblingssongs.

Wer jetzt aber denkt, die ganze Platte würde in diese Richtung gehen – den kann ich beruhigen/muss ich enttäuschen. „Ikaria“ als zweites Instrumental auf dem Album bringt wieder einen Bruch mit sich. Ja, wenn Foals etwas fabrizieren, dann mit voller Leidenschaft und nie einfach, nie einspurig, nie einschläfernd.

Stimmungswechsel. „10,000 Feet“ ist die theatralisch krachende Ballade des Albums. Und dann, moment, kennen wir den Song nicht schon? „Into the Surf“ diente auf Part 1 noch als Sample für „Surf Pt. 1“ und entfaltet zu diesem Zeitpunkt endlich seine gesamte Schönheit. Mit „Neptune“ schließen Foals ihr neustes Album mit einem 10:18 Minuten langen Brecher ab.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: MWG