Um alle blöden Wortspiele gleich zu eliminieren: Nein, das Konzert am gestrigen Abend im Rahmen der „The Grand Horrorshow“ war keine Horrorvorstellung – ganz im Gegenteil. Aber von vorn!

Unweit des Doms sammelt sich eine von außen betrachtet eigenartige Truppe im großen Foyer der Kölner Philharmonie an. Viele der Gäste haben sich herausgeputzt, tragen Hemden und schicke Kleider, fügen sich perfekt in das Setting der Lokalität ein. Neben ihnen stehen jüngere und ältere Gäste in Bandshirts und auch das obligatorische Rock am Ring-Shirt darf auf einem Konzert natürlich nicht fehlen. Diese kleinen Dinge verleihen der Situation gleich eine angenehmere Stimmung, wenn man wie ich nicht allzu häufig Gast in einer Philharmonie ist, sondern auch lieber in kleinen Klubs und auf großen Festivals tanzt. Für einen Abend lassen wir dennoch die Tanzschuhe daheim, nehmen in den nummerierten Reihen Platz und lassen uns auf das besondere Spektakel ein.

Denn ob Stilettos oder Jutebeutel, der Grund für die Zusammenkunft ist die selbe: Get Well Soon laden zur „The Grand Horrorshow“ ein, begleitet von einer Bigband, ganz dekandent im Konzertsaal der Domstadt. Schon bei der Veröffentlichung des neusten Albums „The Horror“ vor ein paar Monaten fiel der orchestrale Charakter der Konzeptplatte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Und nun bringt Konstantin Gropper, seines Zeichens Kopf des Musikprojekts Get Well Soon, seine Albträume live auf die Bühne. Mit Beginn des 90-minütigen Konzertes breitet sich ein überwältigendes Gefühl im gut gefüllten Konzertsaal aus. Mit seiner dunklen Croonerstimme fesselt uns Gropper an die bequemen Sitze, verzaubert mit dem Setting sicherlich nicht nur mich. Alles scheint so mondän und wie aus einem längst vergangenen Jahrzehnt, die Zeitreise ist wunderschön.

Selbst für den begeisterten Stehplatz-Konzertgänger ist dieser Abend ein wahrer Genuss (selbst, wenn man sich mit dem laut mitsingen zurückhalten muss), denn seien wir mal ehrlich, wann kann man schon einmal eine solche Kulisse ungestört genießen?

Neben vielen neuen Stücken greift Gropper auch gerne zur Akustikgitarre und spielt ältere Stücke. Die Musikwelten, die das Musikgenie aus dem Hut zaubert, sind so schön dramatisch, die Gänsehaut ist am heutigen Abend ein Dauerbegleiter.

Dem aufmerksamen Beobachter wird aufgefallen sein, dass einer der Big Band-Mitglieder bereits einige Zeit zuvor selbst im Mittelpunkt der Bühne stand. Denn Konstantin Gropper hat es sich nicht nehmen lassen, seinen Freund und Schützling Sam Vance-Law, dessen Debütalbum „Homotopia“ er produzierte, gleich doppelt einzuspannen: als Supportact und eben als Streicher für den restlichen Abend. Wer noch nicht genug vom kanadischen Jungtalent hatte, wird im Verlaufe des Get Well Soon-Konzerts mit einem Gropper-Vance-Law-Duett beglückt.

Gleich zwei Mal gibt es an diesem Abend Standing Ovations und ginge es nach vielen der Anwesenden, hätten diese Standing Ovations auch gut und gerne die ganze Länge des Konzertes anhalten können. Dennoch bleibt die „The Grand Horrorshow“ als ein herausstechender, einzigartiger Abend in Erinnerung.

Als ich um kurz vor 23 Uhr aus der Tür des Foyers rein in die laue Kölner Nachtluft trete, wird es endgültig Zeit, wieder im Hier und Jetzt einzukommen, die Zeitreise ist vorbei und was soll ich sagen: ich würde sie jeder Zeit wieder antreten.



GET WELL SOON live

28.10.18: Stuttgart, Theaterhaus


Autorin & Photocredit: Anna Fliege