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Giant Rooks & „ROOKERY“: Gegen Strom, bis ganz nach oben und noch viel weiter

Giant Rooks & „ROOKERY“: Gegen Strom, bis ganz nach oben und noch viel weiter

Giant Rooks sind die beste Band des Landes. Ich liebe euch. Punkt. Aus. Review fertig. Schönen Tag noch!

Ein bisschen mehr habe ich dann aber doch noch zu sagen.

Die Review zur „Wild Stare„-EP betitelte ich im April 2019 mit der unverfroren Frage „Wo soll das noch hinführen?„. Kurze Zeit später spielte das Fünfer-Gespann aus Hamm eine Monate im Voraus ausverkaufte Tour, spielte in Läden, die längst zu klein waren für das Aufsehen, das sie erregten, für die Fanmassen, die sie erschaffen hatten.

Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht im Radio laufen. Die Festivalsaison ist lang und lohnenswert. Wieder spielen sie Slots, aus denen sie seit Bekanntgabe des Line-Ups lange rausgewachsen sind, füllen Flächen vor der Bühne, soweit das Auge reicht. Gitarrist Finn erzählt mir in unserem Interview:

…da war ein riesiges Menschenmeer, das war unglaublich. Man konnte das Ende gar nicht sehen. Das war für uns bisher die größte Festivalerfahrung. Das war überwältigend.

Im Herbst 2019 kündigen sie eine neue Tour für 2020 an. Höher, größer, weiter. Tourdates in New York und Los Angeles. „Wenn die einmal da drüben gespielt haben, sehen wir die hier nie wieder„, höre ich mich mit einer Mischung aus Freude und egoistischer Angst sagen. Ende Januar veröffentlichen sie mit „Watershed“ die erste Single seit ihrer EP, die Spekulationen um ein Debütalbum werden größer, die Tour so gut wie ausverkauft.

Und dann schließlich: „ROOKERY„. Ende August. Jetzt!

Giant Rooks sind so erfolgreich, weil sie Trendprognosen zufolge von Beginn ihrer Bandgeschichte an zum Scheitern verurteilt waren. Indie ist tot, niemand hört mehr Bands, wieso singen die nicht wenigstens auf Deutsch und brauchen wir im Jahr 2020 wirklich noch Gitarrenmusik von Musikern, die mit ihrem verschmitzten Lächeln selbst Fans in der letzten Reihe um den kleinen Finger wickeln?

Die Antwort auf die letzte Frage lautet JA, für den Rest habe ich folgende, an mir selbst beobachtete Feststellung: Die Band füllt ein Vakuum. Befriedigt eine musikalische Sehnsucht. Und das bringen sie auf ihrem Debütalbum „ROOKERY“ (kaum zu glauben, dass es wirklich erst das Debütalbum ist) so gezielt und doch divers auf den Punkt. Da ist für jede*n etwas dabei, das das Herz höher schlagen lässt.

Ich zum Beispiel mag Songs, die binnen der ersten Minute ungeniert vermitteln: „Hey, ich bins, dein neuer Lieblingssong. Ich weiß, dass da noch acht tolle Songs auf dich warten, aber der Drops ist gelutscht„. Für mich ist das „Very Soon You’ll See„. Und das Allerschönste an „ROOKERY“ ist, dass es für dich ein komplett anderer Track der zwölf zur Auswahl stehenden sein kann.

Mit ihrem neuen Repertoire an Songs schwimmen Giant Rooks gegen den Strom, klingen wie keine andere Band auf dem Markt, bedienen sich an keinem totgefeierten Trend und interpretieren einzelne Elemente auf ihre ganz eigene Art. Wann gab es zuletzt eine Band mit ganz eigenem Signature Sound, bei der beim zweiten Hinhören nicht doch jeder Track irgendwie ziemlich gleich klingt?

Da gibt es den wirklich epischen Opener „The Birth Of Worlds„. Die großen Pophymnen wie „Watershed“ und „Heat Up„, super radiotauglich und doch nicht kleinzukriegen.

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Mit „Rainfalls“ und „Misinterpretations“ vielschichtige, euphorisch-melancholische Balladen à la Bon Iver und Ben Howard. „Head By Head“ eine Hommage an die freiheitssuchende Folk-Energie. Das darüber hinauswachsende „Very Soon You’ll See„.

All I Know I All Quicksand“ und der jetzt-schon-Klassiker „Wild Stare„, Song mit der unverkennbar euphorischen, überschwänglichen Giant Rooks-DNA. Auch „All We Are„, bei dem man, wenn man gut genug hinhört, eine musikalische Liebeserklärung an Amy Winehouses „Rehab“ entdeckt. Up-Beat-Track „Silence„, die die Leidenschaft für Hip Hop mancher Bandmitglieder mit Gitarren, Bass-Lines und elektronischen Sounds mischt.

Und schließlich „Into Your Arms„. Das phänomenale Ende, das alle Ideen der vorherigen Tracks noch einmal verwirft und neu aufbaut. Das mit seinen AutoTune-Effekten irgendwo zwischen „22, A Million„, Drake und den Zeiten liegt, in denen ich Kanye West noch feiern konnte. Wie es von hier an weitergeht, steht in den Sternen und den fünf Freunden völlig offen. Das ist mal ein ordentliches Ass, das hier aus dem Ärmel gezogen wird.

Giant Rooks sind kein einfacher Hype. Kein One Hit Wonder. Keine Band, die man einfach so ignorieren kann. Giant Rooks sind eine nachhaltige Investition für die Zukunft – egal, auf welchem Wege.

Ob man sie nun mit seiner Fanliebe überschüttet, ihren Merchandise trägt. Tickets für die Konzerte und ROOKERY-Platten für das Wohnzimmer kauft. Sie auch zum 100. Mal auf dem nächsten Festival sieht und beim morgendlichen Radiohören mitsingt. Über sie schreibt oder die eigenen Freund*innen so lange nervt, bis sie selbst zu Fans werden.

Es ist die Band, die das Verlangen nach Indie-Musik stillt, dabei aber mutig genug ist, über Stränge zu schlagen, Tellerränder zu blicken und eigene Schatten zu springen. Sie sind die Band, bei der man noch richtig stolz sein kann, Fan zu sein und ihnen beim Wachsen und über sich Hinauswachsen zuschauen zu dürfen.

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