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Glass Animals & „Dreamland“: Ein Kaleidoskop aus Genres, Gefühlen und Geschichten

Glass Animals & „Dreamland“: Ein Kaleidoskop aus Genres, Gefühlen und Geschichten

In einem Jahr der Unsicherheiten ist die Gewissheit, ein neues Glass Animals-Album in den Händen halten zu dürfen, ein Segen. Denn vor zwei Sommern hatte man sich fast schon damit abgefunden, auf neue Musik der Oxforder Ausnahmeband schweren Herzens verzichten zu müssen. Doch am Ende wird alles gut.

DIE BAND

Im Juli 2018 veröffentlichen Glass Animals ein Statement, dass Drummer Joe Seaward bei einem schweren Fahrradunfall lebensgefährlich verletzt wurde und sich mehreren komplizierten Operationen unterziehen muss. Ob er aufwachen, sich an etwas erinnern, je wieder bewegen kann oder gar wieder auf einer Bühne spielen kann, ist zu diesem Zeitpunkt ein großes Fragezeichen. „Ich war mir damals überhaupt nicht sicher, ob er jemals wieder körperlich in der Lage sein könnte, Schlagzeug zu spielen“ erzählt mit Frontsänger Dave Bayley in unserem Gespräch über seinen besten Freund und Bandkollegen.

Doch die Hoffnung bleibt. Und so lassen Glass Animals ihre Fans am langsamen Genesungsprozess ihres Drummers teilhaben, statt sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Und wie durch ein Wunder wird Joe wieder gesund, lernt grundlegende Fähigkeiten wie Sprechen und Laufen neu, übt schon bald wieder Schlagzeug. Die Erfolgsgeschichte einer außergewöhnlichen Band kann fortgeführt werden.

Throwback: 2014 veröffentlichen sie ihr mit Paul Epsworth produziertes Debütalbum „ZABA“ und bauen mit ihrem Psychedelic-Indie-Pop-Sound schnell eine große und treue Fanbase auf, „Gooey“ steigt zur Hymne auf. 2016 folgt mit „How To Be A Human Being“ eine massive Weiterentwicklung  und Ausbreitung des Glass Animals-Sounds, eines der besten Indie-Alben des Jahrzehnts und eine Nominierung beim Mercury Prize im darauffolgenden Jahr.

DER SOUND

Es bleibt abenteuerlich. Oft aus Bequemlichkeit als Indie-Band abgestempelt, sind Glass Animals so viel mehr, platzen nach drei Takten schon aus allen Nähten dieser Beschreibung. Verträumte Produktionen („Dreamland„, „Hot Sugar“ und „Helium„) treffen auf verspielte Pop-Hits („Tangerine„, „Heatwaves„).

Um ihre Liebe zu HipHop und Rap machte die Band nie große Geheimnisse, grandiose Cover (Kanye West, Drake) und die Zusammenarbeit mit Joey Bada$$ (Lose Control„) sind dabei exzellente Beispiele. Mit Denzel Curry holten sich Glass Animals Ende letzten Jahres ein vielversprechendes US-Talent auf „Tokyo Drifting“ und liefern nun weitere Trip Hop-Banger („Space Ghost Coast To Coast„, das Drake-esque „Melon And the Coconut„, „Waterfalls Coming Out Your Mouth“ sowie die Vorabsingle „Your Love (Déjà Vu)„) nach.

Vollendet wird „Dreamland“ mit House-Vibes durch „Domestic Bliss“ und „It’s All So Incredibly Loud„, die man schon fast als Hommage an die britische Klubszene bezeichnen darf.

DIE THEMEN

Aus Angst vor einer ungewissen Zukunft zog sich Frontmann Dave in den Wochen nach dem Unfall in seine eigene Nostalgie zurück. Die wiederkehrenden Kindheitserinnerungen, mal mehr oder weniger rosig, verarbeitete er in neuentstehenden Songs. Sie erzählen von seinen frühsten Erinnerungen, Kindheitsfreundschaften und das erste Mal verliebt sein. Untermalt wird diese Zeitreise durch die liebevoll ausgewählten ((home-movie))-Skits.

Immer und immer wieder stolpert man während „Dreamland“ auf Erwähnungen von Essen und Getränken. Auf die Frage, wieso dieses Motiv seit jeher ein so fester Bestandteil der Glass Animals-Erzählweise ist, verrät mir Dave in unserem Interview: „Ja, ich liebe Essen. Und finde, dass es viele Dinge kontextualisiert. Ein Geschmack oder ein Geruch erinnern dich an bestimmte Situationen.“

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DER LIEBLINGSTRACK

Es ist unmöglich, sich auf einen Song zu beschränken. Wie sein Vorgänger ist auch „Dreamland“ ein Album, das für jede Stimmung einen Song bereithält. „Hot Sugar“ ist unaufdringlich sexy, „Space Ghost Coast To Coast“ ist mit seinen bouncigen, fetten Old-School-HipHop-Beats so herrlich tanzbar (wer bringt mir bis zur Tour breakdancen bei?), „It’s All So Incredibly Loud“ bringt altbekannte Glass Animals-Elemente in ein Boiler Room-Feeling.

DIE PERFEKTE ERGÄNZUNG FÜR…

Die besten Alben des Jahres 2020. Menschen wie mich, die sich zwischen etlichen Genres tummeln und auf „Dreamland“ traumhafte Symbiosen erleben will. Die Erkenntnis, dass man Hoffnung und seine Liebe für Glass Animals zuletzt (oder noch besser nie) aufgeben sollte.

DAS FAZIT

Mit „Dreamland“ liefern Glass Animals ein monumentales Comeback. In einem Zeitalter, in dem Genres keine Rolle mehr spielen, sind die Briten schon fast alte Hasen. Ein Kaleidoskop aus Gefühlen, Musikrichtungen und Erinnerungsfetzen. Die Genialität von Bayley und seiner Band ist überwältigend. Als es hieß „Wavey Davey’s on fire„, war das nicht gelogen!

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