Es wäre eine verschenkte Chance gewesen, die EP „Das Grauen, das Grauen“ nicht an Halloween zu veröffentlichen. Es ist die altgewohnte Grim104-Manier. Plakative Fantasiebilder malen, um sie gleich niederzubrennen mit eiskalten Wahrheiten.


Ein Artikel von Anna Fliege – Denn das Grauen, das sind keine hirnfressenden Untoten, keine Umnächtigten mit spitzen Schneidezähnen oder Bürger, die vom Vollmond nicht nur wachgehalten, sondern verwandelt werden. Kein Splatter, kein Jump Cut, kein lächerlich humoristisches Ende – nein, die Brutalität der wahren Begebenheiten sind das Grauen.

Schon vor seiner selbstbetitelten Debüt-EP macht Grim104 seinen Künstlernamen in den frühen 2010ern voerst unvergesslich. Tracks wie „Crystal Meth in Brandenburg“ und „Frosch“ erwecken alsbald das Interesse deutscher HipHop-Journalisten und lassen das Verlangen nach mehr nicht abklingen. Seine Landstraßen-Kredibilität wird zurecht zelebriert. Mit Praktikums-Kumpel  Testo gründet er parallel das Rap-Duo Zugezogen Maskulin, veröffentlicht immer wieder in der Szene gefeierte Tracks.

Mit ihrem Album „Alles Brennt“ stehen sie 2014 plötzlich im Mittelpunkt der Musiklandschaft, landen auf Platz #20 der deutschen Albumcharts. Immer größer werdende Touren, eine wachsende Fanbase und Gigs bei allen Festivals der Republikum. Dann im Herbst 2017 „Alle gegen Alle„, das noch ein paar Plätze höher klettert als sein Vorgänger, #14. Die Nachfrage ist groß, der Hype so groß wie nie.

Und immer wieder die Frage: Wann wird es endlich wieder eine Grim104-Platte geben? Denn, auch wenn ZM-Alben überragend sind und man den Sarkasmus des Grim auf diesen Tonträgern feiern muss (weil er sososo gut ist), ist der Grim104 auf seinen Solotracks ein anderer. Ein mancher mag behaupten, sogar ein Besserer.

Aus letzterem Fenster möchte ich mich gar nicht lehnen, Punkt 1 hingegen stimme ich nickend zu. Nun wird es Zeit, Gemüter zu beruhigen, Rap-Fans ihr Kryptonit zu verabreichen. „Das Grauen, das Grauen“ ist da und es ist exzellent. Während die Titel sagenhafte Namen tragen, bergen die Texte dahinter die bittere Wahrheit. Traumatische Erlebnisse aus Kindheitstagen, die sich mit Sorgen nach der jugendlichen Sorgenlosigkeit mischen und in Altersexistenzängste münden.

Mal zeichnet er sich als Kunstfigur, ist „Graf Grim“ und gibt sich den Metaphern hin, wechselt dann wieder zu ungeschönen, realen Satzbauten. Dann spricht nicht Grim104, sondern der Moritz Wilken, der hinter diesem Alias steckt. Vom Umzug in die Großstadt, von der Schockstarre, die abseits der schillernden Klubkultur an jeder Ecke lauert. Dort ist die „Hölle“ keine rentable Erfindung der katholischen Kirche oder Dantes „Göttliche Komödie“, sondern die Tragödien jener, die auf Berlins Straßen leben, Tag um Nacht um Tag. Die horrenden Immobilienpreise, die Möchtegern-Schickeria in ihrem Quarterlife-Krisen.



Tja, nun könnte man Grim104 als gesellschaftskritisch betiteln, aber ist „gesellschaftskritisch“ nicht schon ein so ausgelutschtes Wort, dass sich jeder Otto ans Revers pinnt, weil man das gerade so macht? Mehr ist er messerscharfter Beobachter, der alltägliche Gegenwarten nicht mit Geplänkel übertüncht, sondern vehement in den Mittelpunkt rückt.

Macht die Augen auf!“ vermitteln seine Texte. Ernster, skurriler. Und damit so on point wie kaum ein Zweiter. Die blanke Wut und das offene Verzweifeln verleihen den Tracks Kraft, bleiben immer wieder als Gedanken hängen beim Hören.

Grim104s einzigartige Art zu texten und die so herausstechende Weise zu rappen und zu performen. Über Beats von Zugezogen Maskulin-Produzent Silkersoft, ZM-DJ Kenji451 und dem Produzenten-Shootingstar BLVTH, dessen wabernde Beats „Unter der Stadt“ bekräftigen.

Kunstvoll und unerwartet hat er seine Wahrnehmungen gesammelt und auf „Das Grauen, das Grauen“ zusammengetragen. Schnelle, wortgewaltige Trap-Tracks treffen auf düstere Instrumentale, die den scheinheiligen Gruselfilm-Charakter amateurhaft tragen. Hier fügt sich ein sanft vorgetragenes Gedicht über Gespenster als Skit ebenso gut ein wie das überragende Stück „Abel ’19„. Der Spoken Word-Track als Anlehnung an die Geschichte aus dem Alten Testament, in erster Person, mit kleinen, so wahnsinnig guten Details. Nicht zuletzt der Abbruch des letzten Satzes, der sich aufgrund seiner Reimstruktur von selbst vervollständigen lässt. Die Verbindung von Heilig und Hölle. Und dann, zum Schluss, noch ein Song über den ersten Menschen im Weltall, „Juri Gagarin„.

Das Warten, das Flehen, das Nerven hat sich gelohnt. Denn „Das Grauen, das Grauen“ ist ein Stück Kunst mit Langlebigkeitsgarantie. Kein geschliffenes, aalglatt-produziertes Album, kein dahingerotzes Mixtape, keine Portion von diesem Einheitsbrei, den Rap gerade löffelt. Er bleibt in diesem Falle lieber Außenseiter. „Du nennst dich Boss, oder Gott, oder King, doch mit Grim triffst du dann auf einen Graf„.



GRIM104 live

27.11.2019: Berlin – Berghain Kantine
09.01.2020: Hamburg – Uebel & Gefährlich
10.01.2020: Leipzig – Naumanns
11.01.2020: AT Wien – Flex Café
12.01.2020: Nürnberg – Desi


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Hotel Rocco