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Gus Dapperton & „Orca“: Unter der Verkleidung

Gus Dapperton & „Orca“: Unter der Verkleidung

In Quarantäne haben wir so einiges ausprobiert. Neue Hobbies, Rezepte, Sauerteigbrot und wir haben uns höchstwahrscheinlich TikTok heruntergeladen. Auf dieser App konnte man Mitte März einen Song schwer vermeiden: Supalonley von BENEE und Gus Dapperton. Der Song geht viral und steht heute irgendwie für diesen Wahnsinn am Anfang: von Quarantäne, TikTok und Sauerteigbrotstartern.

Ein Artikel von Carla Rosocha – Das sollte nicht nur für uns, sondern auch für Gus Dapperton ein einschneidender Moment gewesen sein, auch wenn er bereits seit 2017 unter Indie-Fans lange kein Geheimtipp mehr ist. Damals fiel der Amerikaner unter anderem durch seine ausgefallenen Klamotten und Haarschnitte auf, aber auch durch seine Musik und seine Stimme. Prune, You Talk Funny und I’m Just Snacking, durften auf keiner gut sortierten Indie-Pop-Playlist fehlen. 

Letzte Woche erschien sein zweites Album, Orca, das wenig mit Supalonley zu tun hat. (Der Song dürfte trotzdem sehr gutes Marketing gewesen sein). Nach eigenen Angaben handelt dieses Album nicht, wie Where Polly Goes to Read, das Debutalbum, von Herzschmerz und Liebeskummer, sondern von Depressionen.

Der erste Song, Bottle Opener, passt natürlicher als Opener (ha!)-Titel sehr und bringt den Hörer schnell in das Thema, um das es das gesamte Album geht: I don’t know if I’ll last until tomorrow, It’s such an arduous task to always bottle it up.

First Aid beginnt mit einer Entschuldigung. Für Dinge, für die man sich nicht entschuldigen muss. Der Song bringt die Verzweiflung, die Dapperton fühlt, genial dadurch rüber, dass seine Stimme immer lauter wird, am Ende fast schreit.

Post Humorous, auch schon vorher als eine der Singles erschienen, ist meiner Meinung einer der besten Songs des Albums, einer der besten Indie-Songs der letzten Monate, wenn nicht dieses Jahres: Die Gitarre, der poppige Refrain, eine mitreißende Bridge, gleichzeitig mit anspruchsvollen Text, ergibt einfach ein Gesamtbild.

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Mit Swan Song schließt er das Album ab. Es geht um Gott, Glaube, Religion; Themen die im Laufe des Albums immer wieder mal aufgegriffen werden. Im Zusammenhang mit der Darstellung des depressiven Gefühlslebens scheint das teilweise erzwungen und pseudointellektuell.

 

Gus Dapperton gelingt es, melancholische Songs hinter Pop-Fassaden zu verstecken. Beim genaueren Hinhören wird schnell klar, dass es eigentlich gar nicht so rosig vor sich geht. Das soll wahrscheinlich eine Metapher sein, genau wie der Albumtitel, laut Dapperton: “(…) derives from an Orca whale — a creature whose outward appearance may disguise its internal suffering.” Falls mir das jemand erklären kann, bin ich ganz Ohr. Bis dahin tue ich es mir schwer in dieser Aussage Sinn zu finden.

Orca ist ein interessantes Album, das sehr gut darlegt, dass Dapperton sich als Künstler weiterentwickeln will und nicht nur Herzschmerz-Pop-Songs kann, doch fehlt die Gelassenheit von Where Does Polly Go To Eat.

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