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GZUZ in Köln: Brutal gut auf „Wolke 7“

GZUZ in Köln: Brutal gut auf „Wolke 7“

Dass Deutschrap in den vergangenen Jahren seinen zweiten Frühling erlebte, ist mitunter der Verdienst der Hamburger 187 Straßenbande. Vom Kiez an die Spitze der Charts formten sich die einzelenen Charaktere der Gangsta-Rap-Formation zu nicht ganz zweifelfreien Idolen tausender Jugendlicher und erwachsener Fans. Einer von ihnen ist der 30-Jährige Gzuz, ein muskelbepackter Hüne mit tiefer Stimme, der im Frühjahr 2018 sein zweites Album „Wolke 7“ veröffentlichte und, wie sollte es anders sein, direkt auf Platz 1 der deutschen Albumcharts landete. Kein Wunder also, dass auch seine erste Solotour ein Erfolg werden würde und Konzerte wie das in Köln am vergangenen Dienstag schon Wochen vorher ausverkauft war.

„Ein kleiner Bengel aus St. Pauli ist nun in seiner Stadt Legende“

Doch was erwartet den Besucher eines „Wolke 7„-Tourstopps? Zum einen das im Durchschnitt eher junge Publikum, welches Shirts und Hoodies der Straßenbande, den Merch von Gzuz oder den der nahestehenden Rap-Kollegen wie RAF Camora mit Stolz und Überzeugung trägt. Dass hinter der coolen Fasade ein weicher Kern steckt, beweist ein hängenbleibender Moment kurz vor Beginn des Konzertes. Der Raucherbereich des Kölner E-Werks ist gut gefüllt, am Zaun zum VIP-Parkplatz, auf welchem auch der kollosale Nightliner thront, steht eine schnell wachsende Menschentraube. Als ein teurer Sportwagen auf die Einfahrt wartet, bricht in Sekundenschnelle Euphorie aus. „Das ist LX!“ rufen mehrere gleichzeitig. LX, ebenfalls Teil der 187 Straßenbande, wird am heutigen Abend als Special Guest für einige Lieder mit seinem Kollegen Gzuz zusammen auf der Bühne stehen, dies ist keine Überraschung, die Freude der Anwesenden ist trotzdem riesig. Breit grinsend winkt der Rapper aus dem Beifahrerfenster und ehe man es wirklich realisieren kann, ist der Wagen hinter dem Tor verschwunden. Präsent bleibt die Freude, Hinzukommende werden mit „da war grad LX, du hast LX verpasst“ begrüßt.

Eröffnet wird der Abend dann musikalisch von Bozza und Dardan, schon jetzt ist der ausverkaufte Laden energiegeladen und, was sich komplett durchziehen soll, verdammt textsicher. Selbst als Nicht-eingefleischter Fan des 187-Universums kennt man den ein oder anderen Song, kann die Hook mitrappen und schaut sich das außergewöhnliche Spektakel gerne an. Die kollektiven Rufe wechseln zwischen „WOLKE 7“ und „EINS-ACHT-SIEBEN„, das Glück steht den eigentlich ernst dreinblickenden Leuten ins Gesicht geschrieben.

Ein weißer Vorhang, hinter dem sich nach Erlischen der Hallenlichter die stattliche Statue des heutigen Gastgebers abzeichnet, bildet den Startschuss für eine knapp 90-minütige Show, die entgegen anfänglicher Erwartungen positiv überrascht. Mit dem „Wolke 7“-Hit „Warum“ beginnt Gzuz sein brachiales Set, die Leute sind on fire, das E-Werk erlebt einen denkwürdigen Abend. Auch, wenn die Meute textsicher ist, ist es nachwirkend Gzuz selbst, der Eindruck hinterlässt. In der heutigen Zeit der Autotune-Rapper, die bei ihren Liveperfomances die eigenen Songs samt Stimme vom Band ablaufen lassen und mehr oder minder unbeholfen als ihr eigenes Back-Up hin und wieder Satzfetzen live in Mikro murmeln, ist der Hamburger ein starkes Gegenbeispiel. Von vorne bis hinten, scheinbar nie atemlos, mit einer knallharten Ausstrahlung, zieht er seine Liveperfomance ohne großartige Hilfestellungen durch. Oben erwähnter LX stattet den ein oder anderen Besuch ab, es gibt Kollabo-Songs und Soloperfomances. Ganz egal, welcher Song angespielt wird, die Masse tobt und rappt aus vollem Herzen mit.

Nun kann man von Gzuz und der 187 Straßenbande und sowieso Gangsta-Rap allgemein halten, was man mag. Vorbilder sind diese Männer sicherlich nicht und das wollen sie auch gar nicht sein. Doch konzentriert man sich einmal auf das reine Musikerlebnis und vergisst für die 90 Minuten das skandalöse Image, so realisiert man langsam aber sicher die Leidenschaft zwischen Act und Fangemeinde. Beinahe religiös schallt der „EINS-ACHT-SIEBEN“-Chor aus der Menge den Ansagen von der Bühne nach. Das 187 Straßenbande-Phänomen, das kein Ende nehmen will, hat für viele hier eine Art Gemeinschaft geschaffen. Hier sind heute alle aus dem selben Grund, aus der selben Liebe zur Musik. Eine komische Identifikation für den Unbeteiligten, doch für die Fans bestehen keine Zweifel. Und selbst, wenn der Umgangston nicht unbedingt als nett zu bezeichnen wäre, liegt auf dem Ganzen eine seltsame Friedlichkeit.



Autorin & Photocredit: Anna Fliege

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