Nostalgischer, weh- und wohltuender Pop der realitätsnah und musikalisch hervorstechend ist: Haim bringen mit „Women in Music Part III“ das Sommer Album des Jahres raus.

Ein Artikel von Yasmine M’Barek – Mit dem Bonus Track „Now I’m in it“, welcher in Nostalgie an die Hitsingle „Want You Back“ aus dem zweiten Studio Album erinnerte, kündigten die Schwestern zu Beginn des Jahres ihr Comeback an. Wie eine kurze Miniserie erzählt das Album aus dem Leben von Danielle, Alana und Este Haim, und bietet sich nicht nur zum Binge-Hören an, sondern zum Wiederfinden in der nicht endenden Wirre des Lebens in Endlosschleife. Toxische Männer, Einsamkeit, sich Geborgen fühlen wollen, all diese Themen behandelt die neue Platte.

Es gibt nur drei Schwestern, die lange Strecken in Musik Videos zurücklegen, und Haim lässt es nicht nur visuell als Fortsetzung ihres Weges wirken, sondern auch textlich. Mit bissiger Satire innerhalb des Titels des Albums „Women in Music Part III“ wirkt das Album nicht nur wie eine Abrechnung mit den eigenen Problemen , sondern auch mit der wortwörtlichen Welt. „Man from The Magazine“ äußert offen den Kampf, weiblich zu sein, nicht nur als Musikerinnen. Aber auch mit Journalisten, die schon danach fragten, ob „Sie das gleiche Gesicht im Bett auch machen?“ wird abgerechnet.

„Man from the magazine what did you say?
Do you make the same faces in bed?
Hey, man, what kind of question is that?
What did you really want me to say back?“


Haim produzierte erneut gemeinsam mit Ariel Rechtshaid und Rostam Batmanglij. Der ähnliche Sound zu „Something to Tell You“ lässt sich nicht leugnen, es fühlt sich jedoch wie die selbstreflektierte Fortsetzung an, die vor allem eins zugibt: Es kann und muss sich manchmal selbst widersprochen werden. Wie in „I Know Alone“: Der dritte Track von WIMPIII, beschäftigt sich mit der Schwere, die zur Last fällt, wenn die Einsamkeit einen einholt, wenn sich kein Abschluss finden lässt und keine Kraft vorhanden ist um weiter zu machen. Musikalisch simpel, textlich tiefgehend gehört dieser Track definitiv zu den stärksten.

„That turn to grey
Keep turning over
Some things never grow
I know alone like no one else does“


Wird in „The Steps“ die toxische Männlichkeit adressiert, beschreibt „3am“ in welchem Teufelskreis man sich befindet, in dem man, egal welche Entscheidung man trifft, man sowieso verlieren wird. Der leicht monotone Sound und die Dominanz von wiederkehrenden elektronischen Tönen unterstreichen dieses Gefühl des Endlosen.

„All I keep thinking is have I lost my mind?
But I’m picking up for the last time
Either way I’m gonna lose
But I just wanna give
I just can’t stop staring at it
I just can’t resist‘ Cause nights turn into days“


Instrumentiert wird vorrangig und gleichauf mit dem Gesang, Die Ekstase vieler Songs beginnt mit Gitarren und endet mit ihnen. Das gehört definitiv zu den Stärken Haims, mit ganz wenig viel auszuarbeiten, wie unter anderem „Up from A Dream“ zeigt. Ebenfalls stärker vertreten ist der Country-Retro Charme, der unter anderem „Leaning On You“ zu dem perfekten Sommerabend Hit erhebt. Mit externen Sounds wie Möwen, Weckern und sprechenden Stimmen spielt „WIMPIII“ ganz besonders, was dem Album einen noch zugänglicherem Vibe verschafft. Die Kunst von Danielle, Alana und Este, es wie 70er-90er Jahre Musik klingen zu lassen, aber zur gefeierten Rock Pop Sparte des Business zu zugehören beweisen die 16 neuen Tracks ebenfalls.

WIMPIII ist theatralisch, unter anderem weil sich Danielle Haim insbesondere von Andre3000 Album „The Love Below“ beeinflussen lassen hat und der klassische Sound von Produzent Rostam durchscheint. Danielles „Fuck No“ in „All That Ever Mattered“ oder die Voicemail „You Up“ in „3am“ vollenden es dann zu einem stets wechselnden gefühlsgesteuerten Sommer Album. Haims Lyrics sind bissig, kontrovers, emotional und ehrlich, aber stets wage genug um sie sich als Hörer selbst zuschreiben zu können.

„I’ve been Down“ lässt sich zum neuen Anthem der Millennials und der Gen-Z küren, nicht nur wegen Lyrics wie „I’m waking up at night, TikTok, killing time“ oder „And I’ve been watching too much TV“ sondern dem musikalischem Sound der Belanglosigkeit, des Unwichtig-Seins und des Vertrödeln.

„You say there’s no stupid questions
Only stupid people
Well I’ve been feeling pretty foolish
Trying to get myself through this
And I’ve been watching too much TV
Looking up at the ceiling
It’s been making me feel creepy
I’m just trying to shake this feeling“


Besonders verletzlich machen sich die drei Schwestern mit ihrem Umgang mit dem Thema Depressionen. Die melancholische Sensibilität von „I Know Alone“, oder Trauer und Angst in „Hallelujah“, Haim bietet Geborgenheit sowie Verständnis beim Hören.

Das Album beginnt mit dem saften Pop-Hit „Los Angeles“, der mit starken Trompeten Einflüssen entspannt in die Geschichte von WIMPIII eintaucht, und ebenfalls endet die Odyssey mit dem trompetenlastigen Song „Summer Girl“, welcher musikalisch leicht, inhaltlich schwerer, die erlebte Geschichte des Albums abrundet. Besonders hervorstechend ist die schwesterliche Liebe, die das Ende in „Summer Girl „unterstreicht. Der Eindruck des wohltuenden Verdrängen durch ihr ikonisches „doot-do-do” in beiden Songs öffnet und schließt damit perfekt.

„You’re there when I close my eyes, so hard to reach
Your smiley turn into cryin’, it’s the same release
And you always know, and you always know“


Gleichbleibend, traurig, aber leicht geben die Schwestern Einblick in ihr Leben. Besonders Danielle, dessen Partner an Krebs erkrankte während einer Tournee. Den Kopf hochhalten, weiter machen („Now I’m In It“), selber überleben. Haim spielen sich mit WIMPIII also alles von der Seele, was im Leben wirklich schlecht läuft. Und es ist ihnen gelungen, vielleicht sogar so weit, als dass sich „Women In Music Part III“ als ein noch besseres Album als ihr Zweites bewerten lässt.


Autorin: Yasmine M’Barek Foto: Reto Schmid