Prince Harry ist zurück auf dem Pop-Thron. Mit „Fine Line“ führt er nicht etwa weiter, was er mit seinem Solodebüt begonnen hatte. Er bricht aus Schubladen, Grenzen und Erwartungen aus, um bei sich selbst anzukommen. Offen und frei wie nie zuvor gibt sich Harry Styles auf seiner neuen Platte und trifft damit den Nerv seiner zahlreichen Zielgruppen. Oder, wie er es dem Rolling Stone Magazine sagte: “It’s all about having sex and feeling sad„. 


Ein Artikel von Anna Fliege – September 2011. Ich war gerade 17 und One Direction verkörperteten alles, was ich vehement ablehnte. Fünf milchbubige Jungs in meinem Alter, die generische Popmusik mit weltweitem Erfolg machten. Lieber ließ ich mir zu jener Zeit von tätowierten Deutschrappern meine Rebellion besingen – anti alles für immer.

Gestützt auf meiner selbstkalkulierten Coolness belächelte ich die kreischenden Directioners jahrelang nur und konnte Liam, Harry, Louis, Zayn und Niall eh nicht auseinanderhalten. Dass meine Zimmerwände nur wenige Jahre zuvor mit Jonas Brothers-Posters zutapeziert waren, vergaß ich natürlich. Ha, so ein Kinderquatsch!

Zum Glück kam es Mitte der Dekade zu allerhand Trennungen. One Direction trennten sich voneinander und ich mich von meiner einschränkenden „Coolheit„. Stattdessen Solokarrieren und mein Eingeständnis, eine große Vorliebe für Popmusik innezuhaben. Und so beginnt unsere Geschichte. Wir, das sind Harry Styles und ich.



Gucci-Gesicht, MET Gala-Initiator, Hollywood-Star, Muse, Sexsymbol

Dabei ist es heute fast obsolet, den 25-Jährigen erstrangig mit seinem einstigen Castingshow-Band-Megaerfolg in Verbindung zu bringen. Während seine ehemaligen Bandkollegen auch Jahre nach Ankündigung der sogenannten „Pause“ noch damit zu kämpfen haben, sich ein valides Soloartist-Image aufzubauen, blickt Styles bereits mit schelmischem Grinsen auf sein Imperium herunter.

Das selbstbetitelte Debütalbum aus dem Jahr 2017 war ein voller Erfolg, überraschte und verzauberte. Und sonst? Gucci-Gesicht, MET Gala-Initiator, Hollywood-Star, Muse, Sexsymbol. Die Liste ließe sich vermutlich ewig weiterführen, doch kämen wir dann niemals dazu, uns mit „Fine Line“ auseinanderzusetzen.

Während viele Künstler die Musikgesellschaft zu spalten drohen, bringt Harry sie zusammen. Die nimmermüden Directioners. Die Pop-Affinen. Die Radiomusik-Konsumenten. Aber auch die Indie-Fans. Die LGTBQI-Community. Die Musiklegenden. Die Reichen und Schönen. Die Cool Kids. Und ja, selbst jenen Rapper, den ich damals der Brit-Boyband vorzog (LINK).



I’m out of my head, and I know that you’re scared because hearts get broken

Liebe auf den ersten Blick? Schuldig. Aber Liebe auf den ersten Ton? Das passiert mir vergleichsweise selten. Es ist ziemlich genau Mitternacht, „Fine Line“ ist seit wenigen Sekunden verfügbar, als „Golden“ zum ersten Mal beginnt. Und da geschieht es: Zack, verliebt. Meine Euphorie lässt sich kaum bändigen und auch rede ich mir ein, noch 11 weitere Songs vor mir zu haben, doch insgeheim weiß ich es schon. „Golden“ wird mein Lieblingslied werden.

Es klingt nach den letzten Frühlingstagen, die auf Zehenspitzen Richtung Sommer tänzeln. „It feels so Malibu to me“ beschreibt Harry Styles das „Golden„-Gefühl im großen Interview mit Zane Lowe (LINK), das wenige Wochen zuvor erschienen ist. Hoffnungsvoller 70s-Soft-Rock, getränkt in aufkommenden Zweifeln – „I don’t wanna be alone„. Und dazu diese präsenten Gitarrenriffs. DIESE RIFFS!!!



Insgesamt lässt sich „Fine Line“ grob in drei Phasen einteilen. Wir stecken mitten in der Ersten. Die großen Up-Tempo-Hits, mutig und glamourös.

Die Herosingle „Watermelon Sugar„, die ebenso nach unendlichem Sommer wie nach Broadway klingt mit ihrer Trompeten und ihrer Präsenz. Der perfekte Song zum Tanzen unter der Dusche, DAS must have in meiner „Songs des Jahres„-Liste.

Adore You„, zu dessen Musikvideo, bzw. cineastischem Meisterwerk, eine der spektakulärsten Marketingkampagnen des Jahres aufgezogen wurde (Billboard berichtete darüber: LINK). Und „Lights Up“ – das erste musikalische Lebenszeichen der „Fine Line„-Ära. So oft gehört, dass ich kaum noch Worte dafür finde. Der furchtlose, riesige Sprung von „Harry Styles“ zum jetztigen Album. Das erste Exzerpt einer großen Platte, in die Styles bewusst reingewachsen ist.

Es ist seine Stimme, die auf jedem der Tracks energischer und fordernder klingt. Ungefilterter, echter, fragiler. Die sich immer wieder überschlägt. Die Instrumente, die noch einmal ausbrechen, wenn der Song eigentlich schon vorbei ist.


“When I listen to the first album now, I can hear all of the places where I feel like I was playing it safe, because I just didn’t want to get it wrong. […]  I kind of went into the second one feeling like I want to work out how to make all of this feel really fun.” – Harry Styles im Interview mit Zane Lowe (LINK)


I’m selfish so I’m hating it

Die immer größer werdenden Fragezeichen, die „Lights Up“ bereit hielt („Do you know who you are?„), werden im zweiten Part des Albums zur traurigen, schmerzhaften Gewissheit. „Fine Line“ entpuppt sich als großes Trennungsalbum, ohne dabei in eine dissonante Dramatisierung zu verfallen. Gemeinsam mit Harry durchlaufen wir im Fortgang des Albums unterschiedliche Trennungs- und Trauerphasen. Das Suchen nach dem Selbst und dem Sinn, der nach einer schmerzhaften Trennung noch bleibt.

Nur allzu gerne werfen sich Klatschzeitungen auf Styles Privatleben, schlachten es aus und biegen es für die nächstbeste Story zurecht. Er sei der neue Leo DiCaprio, ein Frauenheld, ein Sexsymbol. Doch dass hinter den Schlagzeilen und Gerüchten ein Mensch mit echten Gefühlen steckt, vergessen die Wissbegierigen allzu oft.

Dem Rolling Stone sagte Harry: „A lot of the time, when there’s tabloid stuff, for example, of people breaking up, I think people forget that there’s a person who’s also broken up with someone, which is sad. You get sad when you break up with someone.“

Und genau diese Traurigkeit steckt in Liedern wie „Cherry„. Starke Gefühle wie Neid, Wut und Verletzbarkeit, aussichtslose Verzweiflung – „I’m selfish so I’m hating it„. Dass die Gitarre dabei an einen Yann Tiersen-Soundtrack a lá „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnert, mag kein Zufall sein. Der französische Vibe ist auf Styles Ex-Freundin, dem Pariser Victoria’s Secret-Model Camille Rowe, zurückzuführen. Und weil das nicht alles schon herzzerreißend genug ist, endet der Song mit ihrer Stimme. Einer Sprachnachricht. Oh Harry.



Don’t blame me for falling

Der Höhepunkt des Albums markiert parallel den Tiefpunkt der Emotionen. „Falling“ quillt über vor lauter Trauer und Selbstzweifel: „What am I now? What am I now? What if I’m someone I don’t want around?„. Bevor wir kollektiv in bitterliche Tränen ausbrechen, ein kleiner Funfact zur Aufmunterung: Im Track-By-Track des Rolling Stone (LINK) lernen wir, dass Harry den Song schrieb, als er gerade aus der Dusche kam: „So I was completely naked when I wrote that song.”

Es geht bergauf. Irgendwie. „To Be So Lonely“ ist der Wendepunkt. Das Durchatmen. Die Einsicht und das Verzeihen eigener Verhaltensweisen in einer schwierigen Zeit. Dramatisch schön und dunkel ist der Song, zu dem man betrunken nach Hause laufen kann.

Wenn Styles in „She“ von seinem Kopfkino singt, springt auch beim Hörer die Phantasie an. Wabernde E-Gitarren umschlingen einen leidenschaftlichen Song, der so sexy und verrucht ist, dass „Woman“ vom ersten Album einpacken kann. Im Gegensatz zu seiner extrem tiefen Sprechstimme kommen wir mit „She“ in den Genuss seiner beeindruckenden Kopfstimme, mit welcher der Song auf eurer „sexy time“-Playlist landen sollte. Das lange Instrumental-Outro spricht seine eigenen Bände, schafft dabei aber auch Platz für Neues. Platz für eine dritte Phase.



I don’t wanna make you feel bad but I’ve been trying hard not to talk to you

Wir hatten die großen Nummern, mit denen Harry sein neues Image als Pop-Primus aufpolierte und zementierte. Und den großen Herzschmerz, der tiefe Einblick in das gebrochene Herz eines Mitzwanzigers, der sich von toxic masculinity nicht zurückhalten lässt. Und so kommen wir zu Part 3, die große Überraschung. Es ist der experimentelle Teil von „Fine Line„, der Vollzug seines Vorhabens, sich nicht selbst einzuschränken.

Eine Erinnerung daran, dass auf diesem Album kein Song dem anderen auch nur im Geringsten gleicht. Immer wieder zu Inspirationen, Ideen, Momentaufnahmen unterschiedlicher Gefilde. Aber nie kopiert, sondern immer neu, immer originell. Der Hauch von Nostalgie längst vergangener Zeiten, die 70s-Melancholie ohne Kitsch. Die Westcoast-Retro Vibes in „Sunflower, Vol. 6„, das Fleetwood Mac-esque „Canyon Moon“ und „Treat People With Kindness„, ein Song, der Freddie Mercury bestimmt gefallen hätte.

Nun lässt sich sicher streiten, ob jene Songs dem Hörers cup of tea sind. Die objektive Wahrnehmung aber beweist, dass aus dem einstigen X-Factor-Teilnehmer ein ernstzunehmendes Genie geworden ist.



We’ll be a fine line, we’ll be alright

Fine Line“ findet sein verdientes, episches Ende mit dem gleichnamigen Track. Im Verlauf erleben wir die Liebe in all ihren Facetten. In ihren Höhepunkten und Stolperfallen, in den dunkelsten Momenten und den ersten Sonnenstrahlen danach. Keine pathetische Achterbahnfahrt, aber erschreckend ehrliche Gefühle.

Der abschließende Song findet einen Mittelweg, findet sich ab mit dem unstetigen Weg, den Liebe innehält. „You’ve got my devotion but man, I can hate you sometimes“ – eine Zeile, die auf das Gegenüber genauso passt wie auf die Beziehung zu sich selbst.

Der Folktrack baut sich in seinen 6:18 Minuten immer weiter auf, Styles hohe Stimme darüber. Das große, trompetenbegleitete Outro, dabei überhaupt nicht vergleichbar mit „Watermelon Sugar“, ist der Befreiungsschlag. „We’ll be alright“ lauten die letzten Worte. Und irgendwie schenkt Harry Styles Glauben, dass er damit recht behält.



HARRY STYLES – LOVE ON TOUR 2020

29. April 2020: Berlin, Mercedes Benz Arena
08.Mai 2020: Hamburg, Barclaycard Arena
27. Mai 2020: Köln, Lanxess Arena
28. Mai 2020: München, Olympiahalle


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Samuel Bradley for The Guardian Weekend