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Hayley Williams & „Petals For Armor“: Die größte Stärke liegt in der Schwäche

Hayley Williams & „Petals For Armor“: Die größte Stärke liegt in der Schwäche

[…] I’m very afraid of it. I don’t prefer it. It’s more of a need.“ antwortet Hayley Williams dem Vulture Magazine auf die Frage, ob sie Angst davor habe, eine Solokünstlerin zu sein. Mit ihrer Band Paramore hat sie fast zwei Jahrzehnte Karriere hinter sich, wurde zur Ikone einer ganzen Subkultur-Generation, erntete Ruhm und stand nicht nur einmal im Kreuzfeuer der Medien. „Petals For Armor“ wollte Hayley niemals schreiben. Doch dann kam alles anders.


Ein Artikel von Anna Fliege – Ich habe nachgerechnet. Ziemlich genau mein halbes Leben lang schaue ich auf Fotos und Videos von Hayley Williams und so auch zu ihr auf. Alles begann 2007. Ich war 13 und mitten in der rebellischen Phase (zumindest bildete ich mir das damals ein) meiner Pubertät. Paramore veröffentlichten ihr zweites Album „Riot!“ und mir das Tor zu einem scheinbaren Paralleluniversum. Eine Frau als Mittelpunkt einer Band, die sich in der testosterondominierten Rock- & Emo-Sphäre bewegte. Ich wollte sein wie Hayley. Laut sein, knallbunt gefärbte Haare haben, mit den coolen Jungs abhängen, auf Festivals gehen. Ein weibliches Vorbild, abseits der aalglatten, perfekten Popsternchen.

Petals For Armor„. Blütenblätter als Schutzschild – ein Albumtitel, der so konträr scheint zu dem Bild, was die meisten Menschen haben, wenn sie an die Paramore-Frontfrau denken. Doch etliche Jahre voller persönlicher und Karriere-bedingter Auf und Abs in Hayleys Leben führen zu einem Erstlingswerk, das vor Persönlichkeit und Ehrlichkeit zu bärsten scheint.


“I came close to stifling my creative process because I didn’t want to live up to those expectations of what it looks like when a female leaves a band and makes a project on her own.” – Hayley Williams (NY TIMES, 03/2020)


Die Band wollte nach ihrem 2017er-Album „After Laughter“ eine Pause einlegen. Die Sängerin kam aus einer Trennung und Scheidung, zog in ihr erstes Haus ganz für sich ein und begab sich nach Jahren der Verdrängung in Therapie. Dort kam nicht ihr die Idee, ihre Gefühle und Gedanken niederzuschreiben, sondern ihrem Therapeuten.

Sie folgte der Idee und schrieb. Sie fing an, die Tracks aufzunehmen, nahm sich Live-Bassisten Joey Howard als kreativen Partner zur Seite, lies den Paramore-Gitarristen Taylor York die Songs in seinem Studio produzieren – und kam erst spät zu der Einsicht, dass sie ein Soloalbum kreierte.



Petals For Armor I: „I’m not lonely / I am free

Sie teilt ihr Album in drei Teile, veröffentlicht sie über den Zeitraum der letzten Monate. Schon mit ihrer Debütsingle „Simmer“ lässt die Hörer*innen sprachlos zurück. „Rage is a quiet thing“ beginnt der düstere, wabernde Song. Die Stimme unverkennbar, die sie umgebende Musik doch so ungewohnt. Sie singt von unterdrückter Wut, thematisiert die traumatischen Erlebnisse, die sie selbst und weitere weibliche Mitglieder ihrer Familie erlebt haben.

Dabei zeichnen Medien und Gesellschaft wütende Frauen* nur allzu gern als das Feindbild, entschuldigen so das Verhalten anderer. Williams selbst musste das oft genug spüren. Kämpfte damit, ihre Weiblichkeit und Feminismus als Stärke anzuerkennen.

Home is where I’m feminine / Smells like citrus and cinnamon“ heißt es in „Cinnamon„, ein tanzbarerer, doch immer noch dunkler Song des ersten Teils. Eine Zeile, die mir tagelang im Kopf herumschwirrte. Als Hayley schließlich Zane Lowe erzählte (LINK), dass der Song von ihrem Haus handle und sich damit beschäftige, das Alleinsein zu akzeptieren und zellebrieren, sah ich plötzlich so simple doch starke Parallelen, die ich mir als Teenager gewünscht, aber niemals verstanden hätte. „I’m not lonely / I am free“ besingt sie das Alleine leben.



Petals For Armor II: „I myself was a wilted woman / Drowsy in a dark room / Forgot my roots / Now watch me bloom“

Hayley Williams lässt uns auf „Petals For Armor“ an ihrem Erwachsenwerden teilhaben. An späten Einsichten und Selbstzweifeln. An ihrem heute offenen Umgang mit Mental Health. Leadsingle „Dead Horse„, eine große Pop-Nummer voller selbstzynischer Lyrics, bricht die schwere Stimmung des ersten Teils. Gemeinsam mit „Over Yet“ könnte man den Song wohl am ehesten mit den jüngsten Paramore-Alben vergleichen. Doch die nackte Offenbarung der eigenen Erlebnisse sind in einem solchen Ausmaße doch ganz neu.

Eine in die Brüche gegangene Beziehung, die als Affäre begann und mit einer solchen endete. Dazu Williams fast schon ikonischen Wasser-Metaphern: „Every morning I wake up / From a dream of you, holding me /  Underwater (Is that a dream or a memory?) /  Held my breath for a decade / Dyed my hair blue to match my lips / Cool of me to try (Pretty cool I’m still alive)„.

Neben ihrer Scheidung spielt spielt Weiblichkeit und die Realisierung, dass es sich dabei um eine Stärke, keine Schwäche handelt, eine zentrale Rolle. Das Paradebeispiel dafür, „Roses/Lotus/Violet/Iris„, nimmt sie gemeinsam mit boygenius (Julien Baker, Lucy Dacus und Phoebe Bridgers) auf. Am Weltfrauentag veröffentlicht, lässt sich der Song als späte Antwort auf Paramores Hit „Misery Business“ („Once a whore, you’re nothing more, I’m sorry, that’ll never change„) spekulieren, den Hayley irgendwann von den Setlists strich, weil sie das toxische Bild zwischen Frauen nicht weiter reproduzieren wollte. Nun singt sie: „And I will not compare / Other beauty to mine / And I will not become / A thorn in my own side„.



Petals For Armor III: „I give a little, you give a little / We get a little sentimental“

Sugar On The Rim“ ist der wohl experimentellste Song des Albums, der Parallelen zu Eighties-Größen wie Madonna und New Order zieht. „There was no pressure to sound like I’ve always sounded or to be recognized“ sagt Williams dem Vulture Magazine. Eine Freiheit, die der dritte Teil so schamlos zelebriert wie die beiden vorherigen. Namen wie Radiohead, Björk und Spice Girls fallen und nehmen uns sanft die Alternative Rock-Brille, mit der wir Hayley Williams lange betrachtet haben, ab.

Pure Love“ und „Taken“ repräsentieren ihre Liebe zu Artists wie SZA und Contemporary R&B. „How lucky I feel / To be in my body again / How lovely I feel / Not to have to pretend“ singt uns die Künstlerin auf „Watch Me While I Bloom“ entgegen, bevor der Track zu einer so gut ins aktuelle Bild der Musik passende Disco-Nummer übergeht, die unbekümmert die Liebe zu sich selbst und das eigene Bewusstsein feiert.

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Mit „Crystal Clear„, dem 15. Track, kommt das Album zu seinem gelungenen Ende. Denn eigentlich ist es ein Anfang. „Crystal clear / I won’t give in to the fear„, dazu ein hoffnungsvoller Sound, der die anfängliche, weitgreifende Wut des Albums so weit entfernt scheinen lässt. Und weil 99% Emotionalität nicht reichen, beendet Hayley Williams ihr Debütalbum mit einem Sample des Songs „Friends or Lovers„, der von ihrem Großvater Rusty Williams geschrieben und gesungen wurde.



Heute erst begreife ich, wie trivial meine Glorifizierung um Hayley Williams damals war. Erzogen mit dem „Good Girl/Bad Bitch„-Mythos, mit dem uns Hollywood-Filme und Teenie-Dramen wie „Mean Girls“ infiltrierten, war die Sängerin ebenso ein Opfer von internalized misogyny wie ich. Sich gegenseitig ausstechen, profilieren, als „ich kann eh viel besser mit Jungs“ identifizieren, als wäre es etwas so Löbliches wie die Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen.

Petals For Armor“ ist nicht nur das Album, welches Hayley Williams niemals schreiben wollte. Es ist auch das Album, von dem ich nicht wusste, dass ich es jemals brauchen würde. Es schließt Frieden. Mit dem eigenen Elternhaus, den frühen Erlebnissen und langanhaltenden Traumata. Frieden mit der Projektion dieser Erfahrungen auf eigene Beziehungen und den daraus entstehenden Folgen und Dramen. Es schließt Frieden mit der Vergangenheit, doch noch viel mehr mit der Gegenwart.

Hayley Williams Debütalbum schafft nicht nur eine ehrliche, einsichtige Basis für die Akzeptanz und Zelebrierung der eigenen Weiblichkeit, sondern auch der anderer. Und gibt mir die Möglichkeit, die Künstlerin in einem ganz anderen, besserem Licht zu sehen. Dabei meinen Respekt und ihre von mir geschaffene Vorbild-Funktion zu fundieren und für mein 2020-Bewusstsein zu aktualisieren.

Auch, wenn man nicht weiß, ob dies das einzige Soloalbum bleiben wird, so kann man doch behaupten, dass es ein äußerst gelungenes ist. Sich von den musikalischen Grenzen der Bandhistorie befreien, ohne dabei übermütig oder unauthentisch zu klingen, gelingt Williams auf „Petals For Armor“ hervorragend. Wir dürfen gespannt sein, was Paramore nach ihrer wohlverdienten Pause auf diesem Soloalbum aufbauen werden.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Lindsey Byrnes

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