Bis zum letzten Takt durchdachte, über etliche Metaebenen verflochtene Konzeptalben sind der Wahnsinn, wenn man erstmal hinter ihr Konzept kommt. Aber manchmal, da möchte ich gar nicht nach versteckten Referenzen suchen oder verfremdete Samples entlarven. So geht es zum Glück auch Heinz Strunk.


Ein Artikel von Anna Fliege – Ja, genau der Heinz Strunk. Der Unverkennbare. Der Einzigartige. Der hochgeschätze, oft bepreiste Literat Strunk, verantwortlich für Meisterwerke wie „Fleisch ist mein Gemüse„, „Der goldene Handschuh“ oder „Jürgen„. Nach seinem musikalischen Begleitalbum „Die gläserne Milf“ zu letzterem Buch, ist das neue Album „Aufstand der dünnen Hipsterärmchen“ ein autarkes Stück Musikgeschichte.

Nun geht es nicht nur um die Rebellion der Schanzen- und Mitte-Juppies, sondern vieles mehr. Ist ja auch kein Konzeptalbum, nech? Man könnte über die Sinnhaftigkeit oder den Mehrwert des neuen Strunk-Albums philosophieren. Aber wenn wir ehrlich sind, gab es vor „Braunes Gold (Coffee-Song)“ noch nie ein Stück, das Kaffeekreationen in solch einer Dichte auflisten konnte – oder? Nichtmal Silkes fetziges Wandtattoo in der in Modefarben der vorletzten Saison gehaltenen Einbauküche kann so viele Arten von Kaffee sammeln.

Haben Metallica je einen Song über abgelaufene Lebensmittel im Kühlschrank gemacht? Hat Nobelpreisträger Bob Dylan je an „Deutsches Laub“ gedacht? Ich würde mal behaupten, dass Heinz Strunk hier ein Vorreiter ist.



Wir bewegen uns irgendwo zwischen Hörspiel, Poetry Slam und Fraktus-Gedenkbeats. Mehr als nur Musik, ein wahres Erlebnis, eine Experience der Sonderklasse. Hier und da kommt selbstredend Strunks Querflötentalent zum Vorschein, es hätte mich enttäuscht, wäre es nicht der Fall gewesen. Denn die gehört zu dem Hamburger Entertainer genauso wie der eigenartige, infantile Humor oder der seichte Sprachfehler.

Theoretisch kann ich alles, von Abba bis Zappa, von Jazz bis reaktionäres Liedgut, aber aus falscher Bescheidenheit habe ich mich auf einfaches musikalisches Vokabular beschränkt“ sagt er. Ja, leichte Sprache ist unverkennbar vorhanden. Kein Fachidiotenhochdeutsch, keine kopfzerbrechenden Metaphern. Einfach gerade raus, mitten im Leben, mitten aus dem Herzen. Bisschen idiotisch, aber doch irgendwie auch genial. Mein Herz schlägt schon lange für die Kunst des Heinz Strunks.

Und dann denkst du gerade, die Liebe könnte nicht mehr gesteigert werden, da bringt er neben dem Song über Kaffeevarianten auch noch einen Song über Weinsorten. „Rebengold (Wine-Song)“ schließt ein außergewöhnliches Album ab, das vielleicht keine Leben verändern wird, dessen Zeilen nicht auf dünnen Hipsterärmchen tätowiert werden oder zu denen man auf seiner Hochzeit als erstes tanzen will – wobei…vielleicht ja doch? Ach Heinz!



HEINZ STRUNK live

25.08.19 Kassel – Kulturzelt
09.10.19 Osnabrück – Rosenhof
10.10.19 Köln – Gloria-Theater
19.10.19 Papenburg – Forum Alte Werft / Kesselschmiede
20.10.19 Bochum – Bahnhof Langendreer
21.10.19 Düsseldorf – zakk
31.10.19 Goslar – Weltkulturerbe Rammelsberg (ausverkauft)
03.11.19 Kiel – Theater Kiel
13.11.19 Berlin – Volksbühne
14.11.19 Dresden – Filmtheater Schauburg
15.11.19 Regensburg – Alte Mälzerei
17.11.19 München – Volkstheater
18.11.19 Heidelberg – Karlstorbahnhof
19.11.19 Erlangen – E-Werk
20.11.19 Stuttgart – Im Wizemann
21.11.19 Marburg – KFZ
22.11.19 Wolfsburg – Hallenbad
28.11.19 Hamburg – Deutsches Schauspielhaus
29.11.19 Bremen – Kulturzentrum Schlachthof
03.12.19 Buchholz – Empore
11.12.19 Elmshorn – Stadttheater
20.12.19 Hannover – Kulturzentrum Pavillon


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Dennis Dirksen