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IDLES & „Ultra Mono“: Manche Helden tragen Bärte

IDLES & „Ultra Mono“: Manche Helden tragen Bärte

Post Punk feiert sein großes Revival und ist – suprise, suprise – in den vordersten Reihen immer noch belastend männlich besetzt. Dass das nicht gleich bedeutet, mit sexistischen, mysogynen, Testosteron-belasteten Songs übermannt (haha) zu werden, zeigen IDLES (mal wieder) mit Bravour.

Fünf bärtige Männer, ein düsterer, anschwellender, hin und wieder in eine Brutalität ausufernder Sound, hörbare Wut im feinsten Bristol-Akzent. Zugegebenermaßen wirken IDLES auf den ersten Blick nicht gerade wie die Truppe, der ich Nachts alleine über den Weg laufen wollen würde. Aber ein zweiter Blick und genaueres Hinhören lohnt sich. Versprochen.

Während sie mit ihrem Debütalbum „Brutalism“ 2017 noch als Geheimtipp gehandelt wurden, machte sie „Joy as an Act of Resistance“ vor zwei Jahren zum Kassenschlager. Lobeshymnen, unzählige Aufführungen in Jahresbestenlisten, Nominierungen für die Brit Awards und den Mercury Prize, quasi der post-moderne Ritterschlag der Branche.

Und nun? Mit so viel Rückenwind, Lorbeeren und Erwartungshaltungen waren alle selbstverständlich gespannt auf das, was auf den vorzeitigen Peak folgen würde. Ich möchte die Spannung hiermit auflösen und gebe bekannt: Noch ein richtig gutes Album, ja sogar ein nächster Peak, wenn wir weiter mit diesem Fachgesimple jonglieren wollen.

Ultra Mono“ brilliert auf gleich mehreren Ebenen. Ach Quatsch, es brilliert auf ALLEN Ebenen. Was einem ohne jegliche Anstrengung entgegenspringt ist das Musikalische. Da gibt es Tracks wie Opener „War“ mit seinen scheppernden, brachialen Gitarren und dem rasenden Schlagzeug, dazu aufbrausendes Singbrüllen zum Faust in die Luft stemmen.

Dann solche, die ich liebevoll „Festival-Songs“ nenne, weil sie unweigerlich die Gefühle und Erinnerungen sprudeln lassen. Die Sonne scheint, es bilden sich Circle Pits. Und wer wie ich total ungeschickt in Sachen Pogen ist, steht grinsend mit einem Bier in der Hand am Rand und wippt so euphorisch zum Takt mit, dass der Nacken am nächsten Tag wehtut. Wer sich danach sehnt, wird sich an „Mr. Motivator„, „Anxiety“ und „Danke“ höchstwahrscheinlich sehr erfreuen.

Melodisch so ansteckend, dass man schief mitsingt, gibt es mit „Model Village“ und „Ne Touche Pas Moi„. Und dann „The Hymn„, düster, immer kurz davor, zu explodieren und platt gesagt einer der besten Tracks des Jahres.

Musikalisch ist „Ultra Mono“ schon mal ein einwandfreies, vielseitiges, Spaß bringendes Album. Aber womit IDLES mich noch glücklicher machen, ist ihr Sinn für Songwriting. Schon mit „Joy as an Act of Resistance“ machten sie sich damit einen Namen, jetzt geht es nahtlos weiter. Die Briten stellen sich all dem Alltags-Horror: Sexismus. Toxic Masculinity. Britische Politik. Gesellschaftliche Kluft. Mental Health. Klimawandel.

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Und das auf eine Art, die wehtut, aber auf eine gute Art und Weise. Hier werden keine Fakten aufgehübscht und verschleiert, höchstens mal durch Sarkasmus und Zynismus untermalt. Und sonst gibt es von IDLES einfach mal die Wahrheit. So singt Joe Talbot auf dem Track „Anxiety„: „I’ve got anxiety / It has got the best of me / Satisfaction guaranteed /Anxiety„.

Gemeinsam mit Savages-Frontfrau Jehnny Beth heißt es in „Ne Touche Pas Moi„: „This is a sawn-off /  For the cat-callers / This is a pistol / For the wolf whistle / ‚Cause your body is your body / And it belongs to nobody but you / But you“ und treffen damit vor dem Hintergrund der immer häufiger bekanntwerdenden Sexualvergehen bekannter Musiker ins Schwarze.

IDLES erscheinen vielen im ersten Moment ziemlich rough, aber beschäftigt man sich intensiver mit der Kunst, die das Quintett Album für Album hinlegt, so entpuppt sich ihre Musik als Safe Space, ja es fühlt sich an wie eine herzliche, lange Umarmung. Und das brauchen wir beides momentan, nicht? Modern Day Heroes, von denen sich alle Kollegen mehrere Scheiben abschneiden können. Manche Helden tragen eben keine Capes, sondern Bärte.

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