In der nächsten Woche könnten Marten Laciny und Benjamin Griffey, den meisten besser bekannt als Marteria und Casper, Musikgeschichte schreiben. Die seit Ewigkeiten befreundeten Rapper vollbringen mit „1982“ endlich das, worauf ihre riesige Fanscharr viele Jahre gewartet und schon fast nicht mehr daran geglaubt hatte: Ein gemeinsames Kollabo-Album.

Um dies gebührend zu feiern, werfen wir heute schonmal einen Blick in die Diskographie der Herren. Gemeinsame Features und Schätze aus den jeweils drei großen Majoralben, die die Karrieren der beiden zu Erfolgsgeschichten machten. Eine komplizierte, nervenaufreibende Angelegenheit, sich auf eine so kleine Auswahl zu beschränken, wenn es sich wie bei mir ausgerechnet um die beiden Lieblingsrapper handelt.


Marteria – Endboss

Wer den Rapper aus Mecklenburg-Vorpommern gerne einmal näher kennenlernen möchte, erhält dank des „Zum Glück in die Zukunft„-Hits einen kleinen aber allumfassenden Einblick in seine Vita. Obwohl sein Herz schon immer für Musik schlug, versuchte sich Marten in allerhand unkonventionellen Berufen: Fußballer bei Hansa Rostock, Fotomodell in New York, Schauspieler in Berlin. Zum hohen Informationsgehalt gesellt sich der bouncige Beat, der uns gleich mit von Level zu Level springen lässt.

Marteria – El Presidente

Dass Marteria ein Meister der Worte ist, wird keinem mehr ein Geheimnis sein, denn kaum einer hantiert in seiner Liga so clever und geschickt mit der deutschen Sprache. Du machst deinen Job, obwohl dafür keineswegs geeignet bist? „Werd‘ doch einfach Präsident„. Der 2017 im Rahmen von „Roswell“ veröffentlichte Song spielt ungeniert auf den derzeit regierenden Präsidenten der USA an und zeigt mit einfachen Beispiel auf, wie absurd die ganze Sache eigentlich ist.

Marteria – Bengalische Tiger

Weil man nie genug gesellschaftskritische Marteria-Songs haben kann, folgt hier direkt noch einer. Neben den unfassbar erfolgreichen Radiohits aus „Zum Glück in die Zukunft II“ geriet dieser ein wenig in Vergessenheit, dabei könnte es sich hier um den vielleicht besten Marteria-Song aller Zeiten handeln (zumindest meiner Meinung nach). „Bengalische Tiger“ bringt eine gewaltige, gefährliche Stimmung mit sich, die von Lines begleitet werden, auf die jeder andere Texter neidisch werden kann. „Evolution wird mit R geschrieben!

Marteria ft. Casper – Alles Verboten

Wummernde Beats, harte, schnelle Lines und eine Message, die schöner nicht sein könnte: „Alles verboten, trotzdem machen, das alles ist verboten, Mann, du musst es einfach machen!„. Seine zweite Kollabo mit Casper brachte Marteria neben weiteren hochkarätigen Freunde-Features auf seinem Major-Debüt „Zum Glück in die Zukunft“ unter und schenkte Fans der Rapper so allerhand zitierbarer Songzeilen für den Alltag.

Marteria ft. Casper – Supernova

Hands down: das beste Musikvideo des Jahres. Ein Highlight jagt das nächste, die Gastrollen hochkarätiger, bekannter Gesichter bilden eine lange Liste – der zweite Vorbote von „1982“ hat es in sich. Ungewöhnlich sicherlich Caspers stimmliche Ausflüge (Herr Griffey singt wieder und das sogar ziemlich hoch!) gepaart mit dem pop-lastigen The Krauts-Beat. Umso vertrauter dazu die Marteria-Parts. „Erzählen uns Geschichten von hässlicher Liebe und schlechten Tattoos„. Wohin die musikalische Reise des Albums führen wird, werden wir nächste Woche erfahren.

Casper ft. Marteria – Rock‘n‘Roll

Bereits 2009 war klar: die beiden sind das ideale Team. Casper, damals noch bei Selfmade Records gesigned, holte sich auf dem Labelsampler „Chronik II„, auf dem er gemeinsam mit Kollegah, Shiml und Favorite auftrat, seinen Rap-Buddy Marteria dazu. Die Texte damals noch provokanter und derber, die Harmonie so gut wie eh und je. Ein gemeinsames Album war schon zu diesem Zeitpunkt ein Gesprächsthema, sollte aber noch 9 Jahre und zwei Wahnsinnskarrieren, von denen zu diesem Zeitpunkt keiner der beiden geträumt hatte, auf sich warten lassen.

Casper ft. Marteria – So Perfekt

Ihren gemeinsamen Mainstream-Durchbruch konnten sie 2011 mit ihrer dritten Zusammenarbeit feiern, als „So Perfekt“ mit Marteria-Feature als erster Vorbote von „XOXO“ erschien und nach nur wenigen Tagen aus den Radiostationen des Landes nicht mehr wegzudenken war. Plötzlich war der so oft als Emo-Rapper betitelte Casper in aller Munde, die Single wurde zu einer feierlichen Hymne der Imperfektion, das Album wenig später zu einem Riesenerfolg mit Bestplatzierung in den Albumcharts.

Casper – 20 qm

Verkopfte Indiemusik meets intimen Rap. Das allgegenwärtige Trennungsmotiv, das „Hinterland“ 2013 mit sich brachte, findet in „20 qm“ wohlmöglich seinen Höhepunkt. Der oft so unterschätze Song beschreibt das bitterliche Ende einer Twentysomething-Beziehung so herzzerreißend ehrlich, dass sogar gestandene Punkrocker wie Feine Sahne Fischfilet-Frontmann Monchi während eines Casper-Konzertes einmal in hemmungslose Tränen ausbrach. Ein Lied, das man vielleicht erst Jahre nach der Veröffentlichung wirklich verstehen und fühlen kann, wenn man genau diese Situation selbst durchlebt hat.

Casper – Der Druck steigt / Blut sehen

Der epochale, brachiale „XOXO„-Doppelopener sorgt selbsr 7 Jahre nach Release noch für Gänsehaut. Mit dem Einstieg in das konzeptuelle Meisterwerk führte „Der Druck steigt“ Deutschrap 2011 auf ein bisher unbekanntes Terrain mit einer Soundkulisse, die es in sich hat. Die Dexter-Produktion „Blut sehen“ tritt als zweiter Teil dann alle Türen ein, die musikalische Rebellion beginnt, „Generation ‚Gott ist tot‘, die ständig vergessenen Kids„.

Casper – Flackern, Flimmern.

Mit „Flackern, Flimmern.“ bauten sich Casper und sein Produzent Markus Ganter 2017 ein eigenes, monströses Denkmal. Spektakuläre Soundwände, höher denn je, unzählige Einzelelemente zu einem bombastischen Kunstwerk zusammengesetzt. So ruhig und zerbrechlich der „Lang lebe der Tod„-Song beginnt, so explosiv ist er mit seinem Outro, das sich stilistisch reichlich in anderen Genres bedient hat und dem Hörer schon einmal gerne den Atmen raubt. Musik, die sich längst vom klassischen Schubladengedanken des Raps entfernt hat und dieses Album nicht besser abschließen könnte – weit weg vom ideenloses Alltagstrott der Branche.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Christian Hedel