Es ist ein kalter Dezembertag im Jahr 2007, als Ted Dwane, Ben Lovett, Winston Marshall und Marcus Mumford im Westen Londons beschließen, eine Band zu gründen. Zwei Jahre später erscheint ihr Debütalbum „Sigh No More“, welches die Indie-Folk-Rock-Szene wiederbelebt und revolutioniert.

Heute, fast 10 Jahre nach diesem Release und knapp eine Woche vor Veröffentlichung ihres vierten Albums „Delta„, sind Mumford & Sons eine der größten britischen Bands und meine unangefochtene Lieblingsband. Willkommen zu der etwas anderen „Im Fokus„-Ausgabe.

I don’t mind them. A lot of fucking people hate them in England. I think it’s the waistcoat and facial hair. “  – Noell Gallagher (NME, 2011)


BROKEN CROWN

Starten wir mit meinem absoluten Lieblingssong. Track 10 des Grammy-prämierten Albums „Babel“ ist ein wahrer Underdog und zählt zu dieser Art von Mumford & Sons-Songs, die leise beginnen und dann so richtig schön dramatisch, laut und brachial werden. Wenn ich diesen Song höre, fällt mir ein Tumblr-Eintrag von vor vielen Jahren ein, den ich für diesen Artikel wieder ausgegraben habe: „Every time Marcus Mumford sings fuck, life enters my very soul„.

THE WOLF

Die Diskussion um „Wilder Mind“ war enorm. Das so prägnante Banjo, welches sie einst aus seiner verstaubten Ecke retteten und in moderne, „folkige“ Songs verpackten, fand nichtmal eine Nebenrolle auf Album Nummer 3. Und auch der typische Akustik-Gitarrensound war größtenteils verschwunden, beide Instrumente durch E-Gitarren ersetzt, beim Bass das Kontra- weggelassen. Dass die Songs (nach einer kleinen Gewöhnungsphase) trotzdem großartig waren und sind, sollte deshalb noch einmal besonders betont werden.

DUST BOWL DANCE

Das (oder zumindest mein) Highlight jedes Mumford & Sons-Konzertes. Wenn Ben Lovett vom Keyboard zum Klavier wechselt und Marcus Mumford seine Gitarre gegen das zweite Drumset tauscht, ist es soweit. Kein Song ihrer Diskographie ist theatralischer als „Dust Bowl Dance„. Der zu Beginn noch gesäuselte Gesang Mumfords verwandelt sich innerhalb weniger Minuten in ein wunderschönes, inbrünstiges Schreien, bis der Song samt Bühne zu explodieren scheint.

HOPELESS WANDERER

Wem „Wilder Mind“ zu wenig Mumford & Sons war, dem könnte es bei „Hopeless Wanderer“ schon fast zu viel sein. Die volle Dröhnung Banjo, Keyboard Kontrabass und Gitarre – und passend dazu ein Musikvideo, bei welchem sich die Band selbst parodiert. Bei jedem Hören ist es immer wieder eine große Freude, wenn die Gitarre und kurze Zeit später das Banjo im Chorus einsetzen. „Hold me fast ‚cause I’m a hopeless wanderer„.

AWAKE MY SOUL

In all der Mumford’schen Dramatik darf in diesem „Im Fokus“ ein ruhiger Song, von denen es durchaus einige gibt, nicht fehlen. „Awake My Soul“ nahm dem Debütalbum seine teils düstere Note und ist stattdessen ein beinahe zarter, vorsichtiger Song. Besonders die Liveversionen drücken kräftig auf die Tränendrüsen. „Lend me your hand and we’ll conquer them all but lend me your heart and I’ll just let you fall„.

WONA (FEAT. BAABA MAAL, THE VERY BEST, BEATENBERG)

Im Zuge ihrer „Wilder Mind“-Tour besuchten Mumford & Sons unter anderem Südafrika im Frühjahr 2016. Als große Fans von Genreüberschreitungen arbeiten sie mit den senegalesischen Sänger Baaba Maal, der südafrikanischen Indiepop-Band Beatenberg und der malawisch-britischem Kombo The Very Best zusammen. In nur wenigen Stunden schufen sie gemeinsam die EP „Johannesburg„, die irgendwo zwischen Worldmusic, Folkrock und Indie zu verorten ist.

THE BLAME GAME (HVOB FEAT. WINSTON MARSHALL)

Im letzten Jahr legte Banjo-Boy Winston Marshall einen kreativen Spagat ein. Der Gitarrist arbeite mit dem Wiener Produzenten-Duo HVOB zusammen und produzierte die 7 Song-starke EP „Silk„. Auf diesen Songs steht hier seine Stimme im Vordergrund, dort seine Gitarrenriffs, die einem als die hard-M&S-Fan durchaus bekannt vorkommen, im Umfeld der elektronischen Musik jedoch neu sind. „The Blame Game“ verbindet beide Komponenten und ist mein Favorit. Das außergewöhnliche Trio ging mit ihrem Werk sogar auf Tour und spielten unter anderem in der Kölner Live Music Hall.

KANSAS CITY (THE NEW BASEMENT TAPES)

Auch Fronttraummann Marcus Mumford ging seiner Band projektbezogen im Jahr 2014 fremd. The New Basement Tapes, eine Supergroup bestehend aus namenhaften Mitgliedern wie Jim James (My Morning Jacket), Taylor Goldsmith (Dawes) u.a., verarbeiteten ungenutzte Bob Dylan-Lyrics zu einem vielfältigen Album. Im Song „Kansas City“ spielt Marcus‘ Stimme zwar eine tragende Rolle, die Gitarreneinlage von Hollywoodstar Johnny Depp sollte allerdings auch nicht unerwähnt bleiben.

TESSELATE (ALT-J COVER)

Mumford & Sons sind Meister der Coversongs. Häufig allein, oft doch auch in Begleitung der Originalbesetzung (wer kommt schon auf die Idee, dass die Band mal gemeinsam mit blink-182What’s My Age Again“ gespielt hat?). Die Auswahl ist schier unendlich. Und doch bleibe ich Jahr um Jahr wieder beim gleichen Cover hängen, habe es vermutlich schon einmal an anderer Stelle erwähnt und schäme mich nichtmal ansatzweise.

LITTLE LION MAN

Ein „den Song kennt jeder„-Song zum Schluss. Und ich gebe zu, dass ich nicht nur einmal zwischen den Klassikern „Little Lion Man„, „The Cave“ und „I Will Wait“ umhergesprungen bin. Die Entscheidung fällt mir nach wie vor nicht leicht, doch wird es am Ende der Song, mit dem alles einmal begonnen hat. Ein Lied, zu dem wir noch in 30 Jahren auf einer Ü50-Indieparty tanzen werden, vertraut mir.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Mumford & Sons