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Im Wortwechsel mit ALL DIESE GEWALT (MAX RIEGER)

Im Wortwechsel mit ALL DIESE GEWALT (MAX RIEGER)

Als all diese gewalt veröffentlicht Max Rieger nach langer Wartezeit sein zweites Album „ANDERE“. Im Wortwechsel spricht Anna mit dem Künstler über die lange Entstehungszeit, die Abwendung von Metaphern und Riegers Arbeitsweise.

Max Rieger. Das ist mehr als nur ein Typ. Das ist ein Drittel von Die Nerven. Das ist der Solokünstler mit dem Namen all diese gewalt, aber auch Obstler. Das ist ein Produzent, der hinter Alben von Ilgen-Nur, Mia Morgan, Drangsal und demnächst auch Casper steht – um nur eine Auswahl zu nennen. Das ist ein Sprachrohr der deutschen Musiklandschaft, wie man es sich viel öfter wünschen würde. Max Rieger ist für mich ein Phänomen.

Es klingelt zwei Mal, dann geht er ran. In meiner deutschen Höflichkeitsgefangenheit frage ich, wie es ihm geht. „Weißt du, dass jedes Interview original so beginnt? Ich beantworte die Frage nicht„. Was ein Start ins Gespräch. Aber wir lachen beide, ich aus einer kleinen Panik heraus, Max vermutlich, weil er sie spürt. Also kurz durchatmen und mitten rein in den Fragenhagel.

Du selbst sagst, du fändest dein neues Album „furchtbar“ – und veröffentlichst es trotzdem. Kannst du dich so besser davon distanzieren oder dich ganz im Gegenteil dem Album nähern?

Max Rieger: Ich finde den grundsätzlichen Gedanken, dass man davon ausgeht, dass Künstler ihre Musik immer gut finden, wenn sie sie rausbringen, total absurd. Ich glaube, dass es den Wenigsten so geht. Aber niemand sagt sowas, weil man natürlich auch immer unter Druck steht, man möchte es natürlich auch verkaufen. Und natürlich möchte man dann auch so tun, als wäre es das Beste, was man jemals gemacht hat.

Und nur, weil ich sage, dass ich das Album furchtbar finde, was übrigens gern polemisch zu verstehen ist, heißt es nicht, dass ich nicht trotzdem glaube, dass es das Beste ist, was ich jemals gemacht habe.

Also, ich muss sowas rausbringen, weil a.) ist das mein Beruf und b.) ist das ja genau der Unterschied zu Leuten, die ewig an was arbeiten und dann aber so lange dran arbeiten, bis nichts mehr übrig bleibt. Und bis man es auch nicht veröffentlicht. Das ist dann nämlich wertlos. Ich finde irgendwie, dass man eine Pflicht hat, so Sachen zu veröffentlichen.

Weil Scheitern tun ja alle. Aber dass man Scheitern sieht, oder man eventuell feststellt, dass es gar kein Scheitern ist. Bloß das Scheitern am eigenen Anspruch, was ja was ganz anderes ist. Weil dann Leute zu mir sagen „Max, du sagst, du findest das Album furchtbar, ich find’s aber gar nicht furchtbar. Deswegen verstehe ich es nicht.“ Das ist doch eigentlich das, was ich möchte. Ist ja auch egal, was ich davon halte.

Total. Ich finde es gut, wie offen du sagst, dass die wenigsten Künstler*innen etwas rausbringen und zu 100% feiern. Das kenne ich auch von mir selbst. Aber es ist ein Tabuthema, weil wir in dieser Leistungsdruckgesellschaft leben, in der immer alles toll sein muss. Das find ich sehr erfrischend, mal eine andere Meinung zu hören.

Max: Ja. Also wie gesagt, es ist polemisch. Aber ich finde, man muss ja auch an einen Punkt kommen, wo man sich anschaut, was man da gemacht hat und denkt: „krass, das fühlt sich seltsam ist„.

Ich möchte eigentlich schon heute damit fertig sein.

„ANDERE“ ist ja über einen sehr langen Zeitraum entstanden, was auf dieses Gefühl denke ich mal auch einspielt. Du hattest bei Instagram gepostet, dass es jetzt auch mal reichen würde. War das der Moment, an dem du gedacht hast „wenn ich es jetzt nicht veröffentliche, überarbeite ich es zu sehr und bringe es niemals raus“?

Max: Ne, die Sache ist ja die: Obwohl ich da jetzt vier Jahre dran arbeite, ist es tatsächlich ja eigentlich so, dass ich sehr zielorientiert arbeite. Ich setze mich hin und möchte eigentlich so schnell wie möglich fertig sein. Ich möchte eigentlich schon heute damit fertig sein. Aber dann ist es halt nicht fertig. Und ich bin ein Freund davon, Sachen so schnell es geht fertigzumachen. So schnell es irgendwie möglich ist.

Aber bei dem Album ging es einfach nicht. Und ich wollte es immer fertig machen, aber es war war einfach nicht fertig. Es wurde einfach nicht fertig. Und dann irgendwann gab es den einen Punkt, wo ich gemerkt habe: Jetzt bin ich nur noch am verschlimmbessern. Ich drehe mich seit ein paar Wochen im Kreis. Jetzt wird es wahrscheinlich das Zeichen dafür sein, dass es fertig ist.

Hast du über diese vier Jahre immer wieder die  Songs bzw. Texte bearbeitet? Vier Jahre sind schon arg lang, man entwickelt sich stark weiter. Oder hast du das quasi als Relikte bestimmter Zeiten so gelassen?

Max: Ich glaube die meisten Texte sind so geblieben. Es gibt mal so ein paar kleinere Sachen, bei denen ich mal nach einem Jahr festgestellt habe, dass es noch eine bessere, elegantere Lösung für etwas gibt, dann habe ich das so übernommen. Aber interessanterweise waren die Texte dann doch recht stringent und haben gut zueinander gepasst. Man musste nicht mehr so viel angleichen oder abändern über einen längeren Zeitraum.

Interessant, damit hätte ich nicht gerechnet! Du hast in einem Interview zu „Welt im Klammern“ mal gesagt, dass du für All Diese Gewalt 150 Songs geschrieben hattest. Hast du dafür auf „ANDERE“ noch Nutzen gefunden oder sind nochmal 150 dazu gekommen?

Max: Ich glaub es hat sich bei mir erstmal das Selbstverständnis dafür verändert, was denn eigentlich ein Song ist und was nicht. Und dadurch war es erstmal deutlich weniger. Da waren es nicht mehr 150, sondern lass es mal 40 oder sowas sein, wenn es hochkommt. Und Ideen habe ich ja immer mehr, ich würde nur nicht sagen, dass es ein Song ist. Von denen zehre ich immer. Ich hab inzwischen ein ordentliches Archiv an unfertigen Sachen und wenn ich keine Idee habe, kann ich da wie auf eine Ideendatenbank drauf zugreifen. Ideen, die ich schon einmal hatte, die ich aber nirgendwo genutzt habe.

Und ein kompletter Song ist auch auf dem Album gelandet, den ich eigentlich für „Welt im Klammern“ geschrieben hatte. Also in einem anderen Tempo, in einem anderen Key, mit neuem Text und sowas, aber den Song „Maske“ habe ich ursprünglich 2014 geschrieben.

Nun hast dich vom Konzeptalbum entfernt – hat es den Prozess einfacher gemacht? Oder auch erschwert? Ich arbeite selbst häufig in Konzepten und finde es eigentlich ganz angenehm, wie man sich dadurch einen Rahmen steckt. 

Max: Ja, das habe ich jetzt auch gelernt und gemerkt, wie gut es ist, von vorne rein einen roten Faden als Konzept zu haben. Weil dadurch, dass ich jetzt keins hatte, musste ich sozusagen diesen roten Faden immer wieder neu aushandeln. Da kam ein neues Stück dazu und plötzlich war das Konzept, das ich mir zurechtgelegt hatte für alle bisherigen Songs, wieder total für’n Arsch und man musste wieder von vorne anfangen. Also es war deutlich schwieriger ohne Konzept.

Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich es nicht mehr so richtig sexy finde, seine Aussagen hinter Metaphern zu verstecken.

Der größte Unterschied zum ersten all diese gewalt-Album, zumindest für mich, ist es, dass deine Texte schnörkelloser geworden sind. Auch im Vergleich zu den anderen Projekten, die du machst. Wie war das für dich, Gefühle und Tatsachen auf den Punkt zu bringen, ohne sie hinter Metaphern und großen Bildern zu verstecken?

Max: Das freut mich, dass du sagst. Und das war total befreiend, nicht um irgendetwas herumzureden. Sondern eher eine Einfachheit zu finden. Das hat mir sehr gut getan. Besonders, weil ich lange Angst davor hatte, dass ich sowas gar nicht kann. Und das sich sowas dann aufgesetzt oder falsch anfühlt. Ich glaube aber ich habe ein ganz gutes Workaround gefunden, dass es trotzdem weiterhin funktioniert. Darüber bin ich ziemlich froh. So sehr, dass ich mittlerweile den Wunsch habe, noch klarere Texte zu schreiben. Noch einfachere Texte.

War das denn eine bewusste Entscheidung, dich von dieser metaphernreichen Sprache zu entfernen? Du sagtest, du hattest Angst davor, dass du es gar nicht könntest.

Max: Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich es nicht mehr so richtig sexy finde, seine Aussagen hinter Metaphern zu verstecken. Weil sich das plötzlich nach so Verwischung anfühlt, nach einer Art mit Sprache umzugehen wie auch die Leute innerhalb der Gesellschaft, die ich weniger mag. Also irgendwelche rechten Gruppierungen, die mit so gefühligen Halbwahrheiten und offenen Sachen spielen und bewusst so mit Sprache umgehen.

Und dann hab ich festgestellt, dass ich ja eigentlich auch so texte. Natürlich aus einer ganz anderen Zielsetzung heraus, aber so weit weg war es dann doch nicht. Das fand ich ein bisschen abturnend. Deshalb will ich dem entgegensetzen, dass ich klarer Sachen formuliere. Das war einer der Gründe.

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Die Welt ist komplex, wird immer komplexer und nicht einfacher und dann irgendwie noch mit Sprache so umzugehen, dass sie noch mehr Sachen verwischt, fühlt sich für mich nicht richtig an.

Du sagtest, dass du mit DIE NERVEN angriffslustiger und weniger verletzlich sein kannst – inwieweit macht dich all diese gewalt verletzlich?

Max: Dadurch, dass nur ich dafür geradestehe. Also ich bin der Dreh- und Angelpunkt dieses Projekts und stehe für alles gerade, was dort passiert. Das bin dann halt ich und man die Verantwortung nicht wie bei Die Nerven durch drei teilen kann. Nur ich, und dadurch bin halt eine größere Angriffsfläche.

Setzt dich das unter Druck?

Max: Ne, eigentlich nicht. Ich übernehme gerne die Verantwortung.

Das zeigt sich für mich auch in dieser wahnsinnig vielen Arbeit, die du machst. ich beobachte das super gerne, was du da alles immer wieder aus dem Hut zauberst – mit Die Nerven, als Produzent –

Max: Ich mache es einfach gerne. Ich könnte das auch nicht machen, wenn das keinen Spaß machen würde.

Bleiben da deine Soloprojekte auf der Strecke?

Max: Ich arbeite jetzt schon seit ein paar Jahren einfach nur in zeitlichen Blocks. Natürlich war es vor ein paar Jahren noch einfacher, weil ich einfach nicht so viele Termine hatte. Da war mal ein Monat, wo überhaupt nichts in meinem Kalender stand, da konnte ich in sowas komplett eintauchen. Jetzt muss ich meine Zeit anders handhaben. Es kann sein, dass ich zwei Tage Pause habe und dann kann ich entscheiden, ob ich die zwei Tage im Bett verbringe oder ob ich in den zwei Tagen anfange, etwas anderes zu machen. Es ist natürlich schwieriger geworden mit der Zeit, aber dafür ist es konzentrierter.

Du bist also jemand, der Zeitmanagement voll im Griff hat?

Max: Poah, soweit würde ich jetzt nicht gehen! Aber ich weiß die Zeit zu nutzen. Ich kann nicht nichts machen.

Gehst du an deine eigene Musik genauso heran wie an die anderer Künstler*innen? Worin besteht der größte Unterschied?

Max: Im Idealfall gehe ich genauso ran – das ist aber immer nur ein Wunschdenken. Weil das ja sozusagen voraussetzt, dass das Ganze eine gewisse Distanz mitbringt. Und ich versuche, diese Distanz bewusst herzustellen, indem ich über einen längeren Zeitraum gar nicht reinhöre und an etwas anderem arbeite.

Als Beispiel: Ich produziere grad vier Alben gleichzeitig. Gleichzeitig bedeutet, die liegen alle auf meinem Tisch, aber ich arbeite immer nur an einem. Eine Woche lang. Und dann die andere Woche an einem anderen und so weiter. Und währenddessen höre ich mir nicht an, was bei dem anderen ist. Ich versuche komplett zu vergessen, was da passiert.

So funktioniert das im Idealfall ganz gut. Wenn ich das mit meiner eigenen Musik hinbekomme, sie alle paar Wochen anzuhören und einen vermeintlich objektiven Blick bekomme, dann ist es perfekt. Dann kann ich damit umgehen, als wäre es nicht mein eigenes. Und komme so auf andere Ideen, auf die vorher nicht gekommen bin oder auf die ich nur komme, wenn ich mit anderen Künstler*innen an deren arbeite. Der Idealfall ist, dass ich mich selbst mit meinem eigenen Zeug überrasche.

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