Sie kam aus dem Nichts und wird hoffentlich nie wieder gehen: Alli Neumann revolutioniert gerade den Musikmarkt. Nach ihrer umjubelten Debüt-EP „Hohes Fieber“ veröffentlichte die junge Musikerin vor kurzem ihre zweite EP „Monster“ und brachte wieder einmal kurz, aber deutlich auf den Punkt, wieso Musik im Jahre 2019 nicht mehr in Schubladen passen sollte und Frauen in der Musikbranche essentiell und fabelhaft sind. 

Ein Artikel von Anna Fliege – Für ein paar Zeilen sind Alli und ich virtuelle Brieffreundinnen geworden, ich habe ihr meine Bewunderung, aber auch einige brennende Fragen entgegengebracht. Wie es mit einem Album aussieht, der Status Quo mit der Frauenquote in Line-Ups und Allis Girl Boss-Vorbilder. Ihre Antworten gibt es jetzt im Wortwechsel.


Liebe Alli, herzlichen Glückwunsch zu “Monster”! Nach „Hohes Fieber“ habe ich schon fest mit einem Album gerechnet. Lässt du dir damit lieber erstmal Zeit und tobst dich mit EPs aus?

Alli Neumann: Vor Hohes Fieber war ich fast 10 Jahre lang nur im Studio und ich hatte nach der EP überhaupt nicht das Bedürfnis, ein ganzes Album aufzunehmen. Ich wollte lieber live spielen. Jetzt wiederum fehlt mir die Studioarbeit langsam und ich freu mich, mich Wochen am Stück einzuschließen für ein Album.

Ein Album ist ein ganz anderer Schuh und ich werde mir mehr Freiheiten nehmen, experimentellere Tracks zu machen. Da kann ich mich ausleben und es muss nicht jeder Track ein konventionell strukturierter Song sein.

Wenn man die EP-Titel zum ersten Mal liest, entstehen Bilder im Kopf, die mit den Songs, den Zeilen und Melodien wieder verworfen werden. Wie kam es zu der „Monster“-Wahl und was war dein Gedanke dahinter?

Alli Neumann: Ich wollte mich tatsächlich einfach umfassend mit dem Monster in mir beschäftigten, das Teil von mir ist. Aber mein Monster ist nicht nur mein Feind, sondern auch mein Ego, das mich schützen will. Ich dachte, wenn ich mich damit auseinandersetze und reflektiere, kriege ich den Wolf in mir vielleicht in den Griff. Aber bis jetzt bleibt die erhoffte Wirkung aus.

Auf dem Cover trägst du deine Schwester als dein „Monster“ auf den Schultern – spiegelt das eure Beziehung gut wieder?

Alli Neumann: Die Pose nicht unbedingt, aber dass meine Schwester Maja sich für mein Cover nackt macht und sich grün anmalt und ihr Haare sogar blond gefärbt hat dafür.. das spiegelt unsere Beziehung zu 100% wieder. Ich lebe mit meinen 3 Schwestern zusammen und wir würden immer alles, ohne mit der Wimper zu zucken, füreinander tun.

Und zu dem Bild nochmal: Gerade würde es wohl besser passen, wenn meine kleine Schwester Maja mich trägt. Mein Leben ist gerade auf jeden Fall turbulent und Maja schenkt mir so viel Ruhe und Sicherheit.

Du wirst grad von allen Seiten als Pop-Hoffnung bezeichnet – siehst du dich denn auch selbst in dieser Rolle?

Alli Neumann: Wie viele Menschen meine Musik hören werden, wird sich zeigen, aber natürlich seh ich mich als Pop-Hoffnung, sonst gebe es keinen Point so viel Schweiß und Liebe darein zu stecken, wenn ich nicht an mich glauben würde.

Wie bist du denn eigentlich zu der Musik gekommen, die du gerade machst?

Alli Neumann: Die ist eher zu mir gekommen. Es ist eher die Summe meiner musikalischen Geschichte und meiner emotionalen Welt.

Mit einem Blick in die heimischen Festival-Line-Ups taucht dein Name immer wieder auf und auch andere junge, aufstrebende Künstlerinnen aus dem deutschsprachigen Raum. Die Ausrede vom Frauen-Mangel in der Musikbranche scheint sich grad (endlich) zu widerlegen. Wie siehst du das Ganze? Wie ist deine Meinung zur Frauenquote auf Festivals?

Es hat sich auf jeden Fall einiges zum Besseren geändert. Ich finde Quoten können eine sehr gute Übergangslösung, damit sich der unfaire Status Quo nicht nur schleppend verändert. Aber die Festivals, glaube ich, brauchen keine Quoten. Das hat sich ja selber ganz gut geklärt in Deutschland. Aber ich würde mich schon über mehr Kolleginnen freuen. Es ist schon noch überschaubar, wie viele deutsche weibliche Acts auf den Festivals spielen.

Glaubst du, man muss sich als Frau in der Kreativbranche mehr beweisen als die männlichen Kollegen, um ernst genommen zu werden?

Alli Neumann: Es ist so bitter, aber manchmal bringen Argumente nicht weiter und dann merke ich, es liegt n Geschlecht. Manche Männer glauben, sie können mit leeren Drohungen und erhobener Stimme Respekt einfordern. Ein paar mal hab ich dann andere Männer vorgeschickt und auf einmal klappt’s dann. Das mache ich aber nicht mehr. Ich hab gelernt, die Leute leisten sich mit dir nur, was du Ihnen erlaubst. Deshalb ist es wichtig, jungen Mädchen beizubringen, dass Sie ihren Wert verstehen 
und es nicht allen Recht machen müssen.

Mir hat Cardi B hören, sehr geholfen, die richtige Boss-Attitüde zu entwickeln, die man als Frau im Beruf braucht.

Abschließend zu diesem Thema: Du bist ein richtiger Girl Boss! Eine starke Frau und tolle Inspiration für uns alle. Wer sind denn deine Inspirationen, Vorbilder, starken Frauen in deinem Leben?

Alli Neumann: Große Inspiration für mich ist Madonna, die Musik um der Provokations Wiillen gemacht hat und mit Videos wie Like a Prayer, die ganze Welt zum nachdenken angeregt hat. Natürlich Gwen Stefani, als Badass Bandleaderin, die gegen die Labels gekämpft und als erste mit Ska-Crossover die Charts erobert hat und die Erwartungen an sie als Frau auf die Schippe genommen hat. Dann natürlich Nina Hagen, die in den 80ern ungefragt im Fernsehen, die Klitoris erklärt und zum weiblichen Orgasmus aufruft. Oder eine Vivienne Westwood, die mittlerweile mehr hat, als ein Mensch sich wünschen kann, aber sieht, dass andere es nicht haben und weiter kämpft und nicht gemütlich wird.

Und auch eine Jennifer Lawrence, die nicht zu cool ist, um aufgeregt zu sein, hinzufallen oder bei den Oscars zum kreischenden Fangirl wird.

Ich finde deine Ausstrahlung in Interviews und auf der Bühne bewundernswert –da kommen wir nochmal zum Thema Vorbild. Furchtlos, voller Lebensfreude. Warst du schon immer dieser Typ Mensch oder hast du dir das über die Jahre erarbeitet?

Alli Neumann: Erstmal danke. Das freut mich sehr. Ich war schon immer so im Herzen, aber hatte immer Angst, einen auf den Deckel zu kriegen und als verrückt abgestempelt zu werden. Und jetzt ist das irgendwie mein Stempel und ich verstehe nicht, warum ich so Angst davor hatte. Es ist sehr entspannt sich nicht verstellen zu müssen und ich bin sehr froh, über meine Managerin Misla, die mir immer sagt, dass es für mich keine Regeln gibt und ich bitte niemals anfangen soll, mich aus Angst oder Gemütlichkeit anzupassen.

Kommen wir noch einmal auf „Monster“ zu sprechen. Weil mich der Song sehr berührt hat: Wieso sind es von allen Blumen gerade „Orchideen“ geworden?

Alli Neumann: Weil jemand aus meiner Familie lange in der Psychiatrie war und dann zufällig zur Zeit der Entlassung, diese Orchideen angefangen haben, zu blühen, obwohl Sie bestimmt zwei Jahre tot waren. Ich dachte damals, es sei ein Zeichen.

Das ist übrigens das erste Lied, dass ich auf deutsch geschrieben habe.

Ich mag deine Art, wie du mit Sprache spielst, sehr. Kommt dieser „kokette“ Touch beim Schreiben automatisch oder gehst du zum Abschluss noch einmal drüber und überlegst, an welchen Stellen du noch ein Stückchen weitergehen könntest?

Alli Neumann: Das kommt eigentlich eher automatisch. Ich mache mir schon sehr viele Gedanken um Texte, aber habe keine bestimmte Bildsprache, an der ich mich versuche zu bedienen oder ein Schema, das ich verfolge.

Songs wie „Maybe Baby“ gibt es thematisch viel zu wenig auf der Welt! Wie kam es zu dem Lied?

Alli Neumann: Ich habe mit zwei Freundinnen geredet am selben Tag, die glückliche Singles sind und die sich alleine vollständig fühlen. Und mich hat das Narrativ gestört, dass alle Single-Frauen unglücklich sind und auf der Suche und wenn Sie lange niemanden finden, dann stimmt wohl was mit ihnen nicht. Ich arbeite im Kopf auch noch daran, mich von diesem Bild zu lösen, dass ich jemanden brauche. Das ist nämlich nur ein Bild, keine Realität. Soweit bin ich schon.

Darfst du deine Pläne für das restliche Jahr schon verraten?

Alli Neumann: Mein erster Festivalsommer steht an und meine erste Tour im Dezember und dann noch einen Kosmos kreieren in dem ich mein Album schreiben kann. Und dabei aufpassen, dass ich das alles genieße und nicht an mir vorbeiziehen lasse.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Clara Nebeling