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Im Wortwechsel mit BEAR’S DEN & PAUL FRITH

Im Wortwechsel mit BEAR’S DEN & PAUL FRITH

Mit „Fragments“ spielten Bear’s Den vor rund zwei Jahren außergewöhnliche, sofort ausverkaufte Shows. Aus dem Erfolg und der Liebe zum Projekt ist nun ein gleichnamiges Album in Zusammenarbeit mit Freund, Komponist und Arranger Paul Frith entstanden. Anna hat im Wortwechsel mit Bear’s Den-Frontmann Davie und Paul mehr über die besondere Zusammenarbeit erfahren.

Seit sich Bear’s Den vor über fünf Jahren als Support-Act in mein Herz spielten, zähle ich sie zu jenen Lieblingsacts, die sowohl auf Platte als auch live ein so wohlig-warmes Gefühl mit sich bringen, dass man immer wieder danach greifen will. Dass das keine Fassade ist, sondern hinter der Band auch überaus liebe Menschen stecken, durfte ich bereits letztes Jahr im frühsten Interview meines Lebens (Montagmorgens um halb 9) erfahren.

Rund 1 1/2 Jahre später und allesamt ausgeschlafener treffen wir uns, wie gerade üblich, in einem Zoom-Meeting wieder. Zuerst kommt Frontmann Andrew Davie, den alle nur mit seinem Nachnamen ansprechen, hinzu. Und trotz hunderten Kilometern und zwei Bildschirmen Entfernung entfacht dieses Wohlfühl-Gefühl wieder.

Wir stecken gerade in der Begrüßung, als sich auch Paul Frith hinzuschaltet. Vielleicht kein Name, den man plakativ überall liest, aber ein Mastermind im Hintergrund, der schon Arrangements für Bands wie The xx und Radiohead komponierte, und auch immer wieder an Bear’s Den-Produktionen beteiligt war.

Schnell entsteht ein dynamisches Gespräch zwischen uns dreien, es wird herzlich gelacht. Hin und wieder brauche ich selbst gar keine Frage stellen, weil sich die beiden Freunde und Kollegen gegenseitig interviewen und, wie es scheint, über manche Dinge zum ersten Mal bewusst gemeinsam reden.

Alles hat mit den Live-Shows angefangen – aber wie kam es überhaupt zu der Idee?

Paul: Ursprünglich kam uns die Idee für das Reeperbahn Festival. Für die Elbphilharmonie sollte es etwas anderes, besonderes sein. Und so haben wir angefangen, zu überlegen, was das Besondere sein könnte. Wir haben so viel über verschiedene Instrumente gesprochen, über Ergänzungen und Veränderungen. Schlussendlich haben wir uns auf Streicher und Piano geeinigt. Besonders, weil wir bisher nie Streicher auf einer Bear’s Den-Tracks hatten – somit hatten wir eine ganz andere Auswahl. Es wahnsinnig spannend, diese rhythmischen Elemente zusammenzubringen.

Dann habt ihr euch gesagt: „Okay, lass uns eine Show machen“ und am Ende ist daraus eine kleine Serie von Konzerten geworden, wofür die Tickets immer super schnell ausverkauft waren. Habt ihr mit so einem Erfolg in irgendeiner Weise gerechnet?

Paul: Aus meiner Sicht war das, was mich von den ersten paar Shows völlig umgehauen hat, dass Hackney EartH innerhalb von drei Minuten ausverkauft war. Für mich ist das überwältigend. Für Davie ist das sicherlich ein Kinderspiel, oder?

[Davie versucht, ernst zu bleiben, antwortet trocken: „Das ist mein Alltag!„, bevor erst er, und dann auch Paul und ich in schallendes Lachen ausbrechen.]

Davie: Nein, ganz und gar nicht! Das war eine riesige Überraschung. Ich werde mich wahrscheinlich nie daran gewöhnen. Das war eine sehr besondere Show für uns. Überhaupt nicht das, was wir normalerweise machen. Es war dank Pauls Arragements eine ziemlich einzigartige Show. Es war eine große Ehre, ein Teil davon zu sein und ich werde mich niemals daran gewöhnen, dass Shows ausverkaufen, schon gar nicht, wenn man bedenkt, wie groß die teilweise sind. Das ist ganz schön überwältigend. Deshalb versuche ich mich, so gut es geht, auf die Musik zu konzentrieren, das ist abstrakter.

Davie, eine Frage an dich: Wie fühlt es sich an, seine eigene Musik loszulassen und jemand anderem zu überlassen?

Davie: Es fühlt sich sehr bereichernd an. Ich denke, es ist etwas, womit ich mich ehrlich gesagt schwergetan habe. Wenn man in einer Band ist, wird man bei dem, was man tut, ziemlich beschützerisch, so auch Kev und ich. Zwischen uns beiden kann es in so viele verschiedene Richtungen gehen, und man muss diesen Korridor durchqueren und entscheiden, welche Türen man öffnet und welche nicht.

Und ich denke, Paul ist für uns beide ein so enger Freund und ein Musiker und Komponist, den wir so sehr bewundern und dem wir so sehr vertrauen. Und so eng zusammengearbeitet haben. Ich glaube nicht, dass wir es einfach mit irgendjemandem hätten machen können. Am Anfang des Projekts gab es einen Moment, an dem Paul erste Ideen rüberschicke und Kev und ich uns darüber unterhielten, wie wir uns intensiver in die Kollaboration einbringen könnten.

Aber dann kamen wir schnell zu dem Entschluss, dass wir Paul seine Vision für diese Lieder vollständig zum Ausdruck bringen lassen wollen. Wir haben bereits an diesen Liedern gearbeitet – einige von ihnen to death. Jetzt war es an der Zeit, sie von jemand anderem auffrischen zu lassen, damit sie sich wieder neu anfühlen. Und es hat sich wirklich sehr, sehr gelohnt. Aber ich würde sagen, dass es etwas ist, das ich unbedingt lernen möchte, mit vielen verschiedenen Leuten in allen möglichen Bereichen tun zu können. Und auch mehr mit Paul an Dingen zu arbeiten.

Paul, jetzt interessiert mich natürlich auch die andere Seite. Wie gehst du an solche Songs heran?

Paul: Ich denke, das Interessante daran ist: Wenn man ein Lied zum ersten Mal hört, erkennt man, dass es Dinge gibt, die massiv wichtig oder das Herz, das Rückgrat des Liedes sind. Das sind die Elemente, die du nicht verändern oder bewegen willst.

Und dann ist da noch all das andere Zeug, das an bestimmten Stellen irgendwie zusätzliche Akzente setzt oder auf bestimmte Dinge hinweist. Ich glaube, das ist das Zeug, dessen Veränderung Spaß macht, wenn man verschiedene Elemente des Liedes neu positioniert oder hervorhebt.

Manchmal sind es Dinge, bei denen die Dynamik sehr laut wird, und wenn man sie richtig zurücknimmt und es zu einem recht intimen Moment macht und sich den Text vor diesem Hintergrund anhört, dann fühlt sich das ganz anders an. Es ist immer noch wahr, und es ist fast so, als ob man die gleiche Stimmung haben kann, aber mit einem anderen Gefühl.

Für mich ist Musik im Allgemeinen eine echte Motiv-Sache. Und ich finde, dass es Spaß macht, mit diesen Emotionen zu spielen.

Sagt mal, ich war jetzt schon auf einigen Bear’s Den-Konzerten und ich muss sagen, dass mich die Tracklist doch sehr überrascht hat. Nicht das Bear’s Den-Standard-Repertoire, oder? Wie kam es zu dieser speziellen Auswahl?

Paul: Ich glaube, ich habe einfach ein paar meiner Lieblingssongs ausgesucht. Und alle waren damit einverstanden. An ein paar Stellen haben wir gemeinsam abgewogen, was passt, aber ja, im Grunde war es so. Ich liebe die Auswahl als Tracklist. Es macht viel Spaß und durchquert mehrere Äras. Davie, was sagst du dazu?

Davie: Es war tatsächlich sehr interessant, welche Songs sich Paul ausgesucht hat und ich war auch sehr überrascht. Ich erinnere mich, als wir im Studio an Napoleon arbeiteten und Kev diese Melodie spielte – es war eigentlich ein Zufall. Wir beendeten ein anderes Lied, und dann begann Kev, dieses da-da-da [Davie singt die Anfangsmelodie des Songs] zu spielen und wiederholte es immer und immer wieder. Es war wirklich wunderschön, und ich fing an, einige von mir geschriebene Cords zu spielen, und daraus ist schließlich das Lied entstanden.

Aber am Ende hatten wir immer das Gefühl, dass es etwas war, das einen solchen Weg gehen könnte. Wir haben nie wirklich darüber nachgedacht, aber es fühlte sich irgendwie mehr nach Orchester an. Und dieser Song war vielleicht derjenige, von dem es mich nicht allzu sehr überraschte, dass Paul sich zu ihm hingezogen fühlte. Aber bei den meisten anderen war es wirklich faszinierend.

Ich kann mir vorstellen, dass sich bestimmte Lieder mehr als andere anbieten, oder Paul? Worauf achtest du, wenn du Songs auswählst?

Paul: Ich habe mich an „Dew On The Vine“ versucht, aber irgendwie…ich habe verschiedene Sachen damit ausprobiert, aber es hat sich nie richtig eingependelt. Ab da habe ich anfangen, komplett umzudenken und an diesem Interlude zu arbeiten. Wie heißt das noch mal, Davie?

Davie: Oh Gott, ja, „Lightning Trying To Put Out A Spark„, ein ziemlich langer Titel.

Paul: Genau. Da habe ich all die Ideen untergebracht, die an anderen Stellen nicht passten, und es ist das mit Abstand andersartigste Stück geworden. Aber so richtig kann ich deine Frage nicht beantworten, Davie. Mit jedem Song macht es Spaß, rumzuspielen.

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[…] wenn wir an Musik arbeiten, ist das übergeordnete Ziel, dass es dich in irgendeiner Weise berühren sollte. Egal wie, ob es dich dazu bewegt, zu weinen, zu tanzen, zu lachen.

Paul, du hast vorhin schon einmal darüber gesprochen, dass du Songs immer mit Emotionen und Gefühlen verbindest. So geht es mir auch. Jetzt interessiert mich: Davie, fühlen sich bestimmte Songs nach Pauls Re-Arrangement auch für dich anders an?

Davie: Absolut. Und ich hätte eigentlich gedacht, dass das nicht in diesem Ausmaß passieren würde. Aber das ist wirklich ermutigend. Ich glaube – und frage mich wieder, ob das auch auf Paul zutrifft – wenn wir an Musik arbeiten, ist das übergeordnete Ziel, dass es dich in irgendeiner Weise berühren sollte. Egal wie, ob es dich dazu bewegt, zu weinen, zu tanzen, zu lachen – was auch immer es ist, es sollte etwas sein, dass dich einnimmt und an einen anderen Ort bringt.

Ich kann ehrlich sagen, dass es für mich sehr schön ist, wenn ich „Fragments“ höre, weil ich eine ganze Reihe verschiedener Gefühle dabei habe. Da sind auch Lieder bei, von denen ich einige auf vor acht Jahren für ein Album aufgenommen habe und die ich auf Pauls Arrangements noch einmal nachgesungen habe.

Und selbst wenn man sie noch einmal einsingt – man ist ein anderer Mensch. Die Person, die das geschrieben hat, war an einer völlig anderen Stelle. Und manchmal hat sich überhaupt nichts geändert und du denkst dir nur: „….scheiße„.

[Wieder lachen wir drei laut]

Davie: „Du hättest einiges von dem Zeug schon längst in Ordnung bringen sollen„. Aber ja, das war wirklich ziemlich beeindruckend und überwältigend. Eine wunderschöne Erfahrung. Und es hat so viel mehr aus den Songs rausgeholt für mich. Häufig, wenn du einen Song schreibst, denkst du so intensiv über Melodien und Songzeilen nach, und wenn du damit ins Studio gehst, geht es darum, diese Gedanken so gut wie möglich zu artikulieren.

Und anschließend, wenn du damit auf Tour bist, kannst du immer noch  in diesen Headspace, in diese Zone gelangen, aber ehrlich gesagt ist dieser Moment der Verwirklichung eines Liedes der wirklich besondere Teil des Schreibens und Schaffens. Und das durch Pauls Vision für das Album noch einmal zu durchleben, hat all diese Gefühle zurückgebracht. Es war für mich sehr schön und ich freue mich schon, wenn andere Leute hoffentlich etwas ähnliches erleben.

Bei Musik geht es für mich immer um Emotionen und wie du die Menschen dazu bringst, Dinge zu fühlen.

Ich kann nur aus meiner Perspektive sagen, dass ich, obwohl ich viele der Songs schon so oft gehört habe, dieses aufregende Gefühl auch verspürt habe, als ich „Fragments“ hören durfte. Es klingt nicht nur anders, sondern fühlt sich auch anders an – auf eine gute Weise. Das ist aufregend!

Paul: Ich kann da Davie nur zustimmen. Bei Musik geht es für mich immer um Emotionen und wie du die Menschen dazu bringst, Dinge zu fühlen. Ich finde es fantastisch, dass Dinge unterschiedliche Leben haben können. Wenn du jetzt „Napoleon“ hörst, fühlst du durch neue Aspekte andere Gefühle. Ich finde das wunderschön! Es ist toll, wie Sachen sich ändern können, wir Menschen sind so komplex.

Es macht Spaß, verschiedene Seiten eines Liedes zur Verfügung zu haben. Manchmal will man sich die „Fragments“-Version anhören, an anderen Tagen die Originalversion. Das ist das wirklich Schöne daran.

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