Montagmorgen, kurz nach halb 9 in Köln. Der Kontrast zwischen dem strahlend blauen Himmel und dem majestätisch in den Himmel ragenden Kölner Dom scheint heute besonders schön zu sein. Doch es ist kein gewöhnlicher Montagmorgen – es ist der erste Montag nach Veröffentlichung von „So That You Might Hear Me“ (REVIEW), dem dritten Album der britischen Indie-Folk-Band Bear’s Den.

Ein Artikel von Anna Fliege – Ihr Release feiern die Londoner nicht nur mit einer um das Datum herumgebastelte, ausgiebige Tour, sondern auch mit diversen Promoterminen. Am heutigen Morgen sind sie zu Gast im „ARD-Morgenmagazin“ (den Auftritt gibt es hier) und das bedeutet vor allen Dingen, sehr früh aufzustehen.

Kurz nach der Aufzeichnung betrete ich die Katakomben des WDR in der Kölner Innenstadt und frage mich auf dem Weg zum Aufenthaltsraum noch, ob ich hier je wieder rausfinden werde. Dort warten Kevin und Davie mit ein wenig Müdigkeit in den Augen, aber auch einem herzlichen Lächeln im Gesicht auch mich.



Sagt mal, der Titel „So That You Might Hear Me“ lässt ja viel Spielraum für Interpretationen. Ich hab zwar gelesen, dass dieser ursprünglich aus einem Gedicht stammt, aber ich kann mir vorstellen, dass sich die Bedeutung für euch in den letzten Monaten nochmal verändert hat, oder?

Davie: Der Ursprung des Albumtitels findet mit der Zeit immer weniger Bedeutung. Ich habe textlich angefangen, mit Gedanken fehlgeschlagener Kommunikation zu spielen. Und auch musikalisch haben wir uns mit dem Thema Kommunikation auseinandergesetzt. Sonar-Sounds, U-Boot-Samples, Morse-Codes – wir wollten diese Vorstellung erkunden.

Diese Schwierigkeiten der Kommunikation, die du angesprochen hast, Davie – glaubst du, wir haben mit der Zeit verlernt, richtig zu kommunizieren oder war das schon immer ein Problem, welches wir erst jetzt richtig wahrnehmen, wo wir älter werden?

Davie: Ich glaube ja, je älter man wird, desto schlechter wird man mit seiner Kommunikation (lacht). Songwriting ist ja im Grunde genommen auch eine Art der Kommunikation mit vielen Menschen gleichzeitig. Eigentlich sind die Dinge, die man in Songs anspricht, viel zu persönlich, um sie vollends offenzulegen – dieser Prozess des Ansprechens und Teilens ist total seltsam und surreal.

Diese Offenheit ist allgemein etwas, dass die Leute gerade erst wirklich lernen. Besonders junge Männer haben es schwer. Wir haben mit einem Unternehmen namens CALM (Campaign Against Living Miserably) zusammengearbeitet. Eine Art Charity, die jungen Männern mit Depressionen oder suizidalen Gedanken hilft – das ist ein großes Problem in UK. Für uns ist es wichtig, nicht nur ein Album über die Schwierigkeiten zu schreiben, sondern auch darüber zu sprechen.

Du sagst ja selbst, dass es seltsam ist, sehr persönliche Themen in Songs zu verarbeiten – Songs wie „Crow“ und „Hiding Bottles“ sind ja genau solche. Kannst du das Gefühl beschreiben, das du hast, wenn du die Songs spielst und und seit letztem Wochenende sogar auf einem Album veröffentlicht hast?

Davie: Kevin und ich sind definitiv nicht cool genug, um die vielen lieben Worte, die Menschen über unsere Musik schreiben, nicht zu lesen. Die Leute waren bisher so herzlich, wenn es um das Album geht. Der Schritt, sehr ehrlich und offen zu sein und auch in dieser Weise zu performen, macht das Ganze sehr intim. Alben fühlen sich erst wirklich real an, wenn wir sie live spielen, das ist ein kathartisches Gefühl. Jetzt, wo es endlich draußen ist, können wir durchatmen. Vor einem Albumrelease fühlt sich das immer ein bisschen komisch an.



Ich bin ein riesiger Fan eures „So That You Might Hear Me“-Podcasts und würde da gerne nochmal auf ein paar Dinge zurückkommen, die ihr in den einzelnen Episoden angesprochen habt. In der „Fossils“-Folge zum Beispiel erzählt ihr, wie wichtig es ist, Songs eine Art Szenerie zu geben. Versetzt ihr euch auch selbst in diese Szenen, wenn ihr die Songs produziert? Und wie ist das, wenn ihr sie dann live spielt – durchlebt ihr den Moment dann immer wieder?

Davie: Manchmal ja, manchmal gibt es zu viele andere Dinge, an die man in diesem Moment auf der Bühne denken muss. Laufen Gigs richtig gut, kann man sich besser auf einem lyrischen Level auf die Songs einlassen. Aber dann gibt es wieder Tage, an denen du viel zu nervös bist, zu viele Gedanken im Kopf hast oder es technische Schwierigkeiten gibt.

Wenn wir an Songs arbeiten, textlich wie musikalisch, versuchen wir beide aktiv, einen Rahmen abzustecken. Das ist zu jedem Zeitpunkt ein wichtiger Part, selbst auf einem Demo ist meist das erste, das fertig ist, ein atmosphärisches Pad oder halt ein komischer U-Boot-Sound.

Genau über diesen U-Boot-Sound wollte ich mit euch sprechen, das finde ich total spannend. Kevin, du hast in der „Fuel On The Fire“-Episode erzählt, dass der Sound für dich der einsamste ist, den du dir vorstellen konntest. Wie kommt man zu so etwas? Und gab es da noch andere einsame Sounds in der engeren Auswahl?

Kevin: So wirklich kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wie das angefangen hat. Ich glaube, wir haben diesen Sound mal auf einem ganz alten Demo benutzt. Wir haben viele Filme gesehen, in denen man diesen Ton hören konnte und ich dachte mit „man, das ist so erschreckend einsam!„.

Aber auch der Morse-Code, den wir auf dem neuen Album benutzen, geht in eine ähnliche Richtung. Quasi wie Flaschenpost – du schickst es ab und weißt nicht, ob es ankommt. Das sind auf eine Art alles Wege beziehungsweise Versuche der Kommunikation, die gleichzeitig großartig und erschreckend sind.

Ich habe eine Weile über das ganze Lied nachgedacht: Es gibt diese großen Kontraste zwischen Musik und den Text. Wir haben Wasser im Bezug auf das U-Boot versus Feuer, das schon im Titel steckt. Und Einsamkeit gegen nicht genug von etwas bekommen. Ist das Absicht?

Davie: „Fuel On The Fire“ war ursprünglich nicht mit diesem U-Boot-Sound geplant. Eigentlich ist es nur ein sehr ähnlicher Sound, der menschlicher klingt, weil es eine gesampelte Stimme gemixt mit dem U-Boot ist. Die Musik flackert in gewisser Weise. Also eigentlich war das mit dem Feuer vs. Wasser nicht so als Kontrast geplant, aber jetzt, wo du es angesprochen hast, würde ich gerne behaupten, dass es absichtlich war (lacht).

Kevin: (lacht) Du hast vollkommen recht, unser Plan war es, die vier Elemente durchzuspielen.



Hab ich’s mir doch gedacht! Kevin, ich würde gerne noch von dir hören, wo du die Inspirationen für die Produktion der Musik herbekommst. „So That You Might Hear Me“ ist für eine Bear’s Den-Platte doch auffallend elektronisch angehaucht.

Kevin: Mit diesem Album fühlt es sich mehr danach an, dass wir über bestimmte Sachen gestolpert sind, statt sie akribisch konzipiert zu haben. Da spielt Zeit eine große Rolle, aber auch ganz simpel die Möglichkeiten, die wir hatten. Wir waren vor dieser Produktion ewig nicht mehr in einem Raum, in dem ein Piano stand. Und wir dachten „ach cool, lass uns das doch benutzen„. Davie hat ein paar Synths gekauft, ich einen Drumcomputer. Es kommt also zum Teil darauf an, was du zur Hand hast.

Und wenn wir uns zuvor ganze Atmosphären designt und aufgebaut haben, in denen bestimmte Songs entstehen und leben konnten, war es dieses mal eher eine unschuldige Kreativität als eine kalkulierte Entwicklung, in der die Tracks entstanden sind.

Okay, erst einmal genug Fragen zum neuen Album, lasst uns zum Abschluss noch über Konzerte und Festival reden. Seid ihr froh, nach einer für euch außergewöhnlich langen Pause wieder auf Tour zu sein?

Davie: Definitiv!

Kevin: Also gerade in diesem Moment sind wir müde, aber ne, wie Davie schon sagte: es fühlt sich nicht wirklich real wenn, bis man die Songs vor einem Publikum spielt. Das macht so viel Spaß! Und ich glaube, dass wir uns mit allen, also auch der Crew und der restlichen Band wieder gut eingespielt haben. Als wäre gar keine Zeit vergangen.


„Im Grunde genommen ist es Teamwork.“


Ich war Anfang April bei euerm Konzert in Kölner Gloria (BERICHT) und einen Moment werde ich wohl nie vergessen. Ich habe ein Köln-Publikum noch nie so still und aufmerksam erlebt, als bei eurer Akustik-Performance von „Sophie“. Für mich war das schon überwältigend, wie war es denn dann erst für euch?

Davie: Das war wirklich großartig! Leute geben einem Publikum nicht genug Anerkennung. Wir hatten immer Angst davor, sowas wie diese Akustikversion zu machen, aber nachdem wir damit angefangen haben und gemerkt haben, dass wenn du alles ausstellst, die Leute entweder viel ruhiger, statt lauter zu werden – wenn sie interessiert sind. Und das ist der Punkt, das große „WENN“.  Es funktioniert, wenn du einen gewissen Grad ihrer Aufmerksamkeit erreicht hast, aber ich würde das jetzt keinem empfehlen, der heute seinen ersten Gig spielt (lacht).

Wir machen das jetzt schon eine ganze Weile und haben dadurch ein bestimmtes Selbstvertrauen erhalten. Wenn die Leute die Texte kennen, fällt es leichter zu sagen: „Lass uns runter ins Publikum gehen und ohne Mikrofone und Verstärker spielen„. Es gibt ein natürliches Potential, dass dieser Moment zerstört werden kann. Aber weil es ein besonderer Augenblick ist und das Publikum ist normalerweise intelligent genug, das wahrzunehmen. Du kannst reden, aber damit wirst du aller Voraussicht nach das Erlebnis für viele andere zerstören.

Kevin: Im Grunde genommen ist es Teamwork. Alle müssen zusammen arbeiten, um den Moment so besonders zu machen. Das ist für uns ja auch eine tolle Sache, mit allen zusammen zu spielen, statt nur für sie. Wenn du redest, wird es nicht gut, aber wenn du ruhig bleibst, kreierst du mit den anderen Anwesenden etwas Wunderschönes.

Standardfrage: Habt ihr einen Lieblings-Live-Song vom neuen Album?

Davie: Ehrlich gesagt kann ich einen der Songs immer noch nicht spielen (alle lachen). Ich dachte ja, dass die Songs viel schwerer zu spielen sind oder live nicht so gut funktionieren, eben weil sie neu sind. Aber sie fühlen sich gar nicht mehr an wie neue Songs. „Hiding Bottles“ macht großen Spaß, aber auch „Fuel On The Fire“ und „Crows„. Oh und „Fossils“ auch! Ich muss nur noch ein bisschen weiterüben, glaub ich…

Wir haben außerdem angefangen, „Conversations With Ghosts“ zu spielen, nicht auf den Konzerten, aber in Live-Sessions.

Meine letzte Frage liegt mir sehr auf dem Herzen. Ich freue mich jedes Mal, euch auf einem Festival spielen zu sehen und habe da auch meine eigene Lieblings-Bear’s Den-Festivalsmomente. Habt ihr auch welche?

Davie: Das ist eine ziemlich schwierige Frage! Wir haben bei so vielen großartigen Festivals gespielt, auch in Deutschland, Haldern Pop zum Beispiel. Das letzte Mal, als wir versucht haben, beim Hurricane & Southside zu spielen, hat das ja nicht so gut geklappt [Anm. d. R.: 2016 wurden beide Festivals aufgrund von schweren Unwettern unterbrochen bzw. komplett abgebrochen]. Aber Haldern!

Kevin: Stimmt, das ist immer ein ganz besonderes Festival.

Davie: Ich wünschte, ich könnte mich erinnern…(lacht).

Kevin: Ja, das Vodka-Zelt ist gefährlich!

Davie: Also, dazu gibt es eine gute Story. Ein Freund von uns spielte ebenfalls beim Haldern Pop und brachte seinen Drummer mit, der aber gar nicht mit aufgetreten ist, sondern nur als „Head of Vibes“ mit dabei war. Wir sind für ein paar Stunden auf dem Gelände verschwunden, um uns Konzerte anzuschauen und als wir wiederkamen, war er komplett nackt und rannte so durch den Backstage.

Kevin: Und so ist er auch durch’s Feuer gesprungen!

Davie: „Ja hi, das ist unser Freund Carl, sorry Leute!„. Aber Festivals allgemein sind ein ganz besonderer Ort. Du kannst schamlos auf die Bühne gehen und dich mit deiner Musik ausdrücken, eine energiegeladene Performance ablegen. Daraus haben wir alle viel Selbstbewusstsein geschöpft. Ich kann nicht einen Moment rauspicken…

Kevin: …als Christof gecrowdsurfed ist!

Genau diesen Moment habe ich mir hier auf meinem Zettel als meinen Lieblingsmoment aufgeschrieben, das war unvergesslich! Beim Lollapalooza in Berlin war das.

Davie: Ja genau, beim Lollapalooza!

Kevin: Da haben wir unseren Lieblingsmoment. Das war verrückt.

Davie: Das war sein Geburtstag, oder?

Ja, Davie, du hast ihn richtig dazu genötigt. Er wollte das nicht und du warst die ganze Zeit: „DO IT!“

Kevin: Wir zwingen ihn ständig dazu, so blöde Sachen zu machen. Im Nachhinein liebt er es auch.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Sequoia Ziff