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Im Wortwechsel mit BENEE

Im Wortwechsel mit BENEE

An BENEE gab es 2020 kein Vorbeikommen. Ob auf Social Media oder im Radio – die junge Neuseeländerin begleitete uns in diesem seltsamen Jahr. Im Wortwechsel spricht Anna mit ihr über ihr Debütalbum „Hey u x“, ein eigenes Label und wie es ist, mitten in einer Pandemie weltberühmt zu werden.

Ich muss eins direkt loswerden: Danke, dass du im Jahr 2020 hier warst. Mitten in einer Pandemie Single zu sein, hat sich nie besser angefühlt, als wenn ich jeden Tag zu Hause sehr laut „I’m a lonely bitch“ gesungen habe. Dein Song hat mich durch das Jahr gebracht. Aber worauf ich neugierig bin: Was hat dich durch die letzten Monate gebracht?

BENEE: Aww, danke! Ich denke arbeiten. Die Möglichkeit, Musik zu machen, hat mich, glaube ich, irgendwie durch diese Zeit gebracht. Am Anfang des Lockdowns habe ich mich ziemlich beklagt, und dann dachte ich mir: Leute verlieren ihre Jobs und es sterben unzählige Menschen“. Deswegen habe ich mir gesagt: „Halt die Klappe, mach Musik, Musik hilft den Leuten. Und dann hat es Klick gemacht und ich habe gemerkt, dass ich dankbar sein sollte, dass ich immer noch arbeiten und das tun kann, was ich liebe. Und das hat mich glücklich gemacht. 

Obwohl sie „Supalonely (ft. Gus Dapperton)“ bereits 2019 veröffentlicht und in ihrer Heimat Neuseeland schon länger eine gefeierte Künstlerin ist, schafft der Song und somit BENEE selbst den internationalen Durchbruch im März 2020. Die Social Media-Plattform TikTok, die sich zum Beginn der Covid-19-Pandemie endgültig in der Mitte der (jungen) Gesellschaft etabliert, macht „Supalonely“ mit einer kleinen Tanz-Choreo zum viralen Welthit.

Jeder auf TikTok ist auf die beste Art und Weise schräg.

Wir unterhalten uns über die Plattform und inwieweit sich Relevanz und Bedeutung über das Jahr hinweg verändert haben. Stella, so BENEEs bürgerlicher Name, stellt den Ablenkungsfaktor der App als sehr wichtig heraus und freut sich, wie es Spaß und Verbundenheit zusammenbringt. Ich stelle fest, wie weit sich TikTok vom plakativen Perfektionismus, den wir die letzten Jahre auf Instagram erfahren haben, abgrenzt.

BENEE: Jeder auf TikTok ist auf die beste Art und Weise schräg. Das finde ich cool, es ist eine seltsame kleine Gemeinschaft von Kids, die keine Angst davor haben, sich auszudrücken, was meiner Meinung nach gerade jetzt so wichtig ist. Instagram und andere Social-Media-Plattformen, das ist diese wirklich seltsame Sache, wo jede*r denkt, dass er perfekt sein muss und nur die Highlights zeigt. Es ist also schön, diese unverfälschten Sachen in irgendeiner Form sehen zu können.

Der Hype bleibt nicht lange Gen-Z-exklusiv. Schon bald läuft BENEE in jeder Radiostation hoch und runter und tritt bei allen großen Late Night Shows auf – und das alles, ohne Neuseeland zu verlassen. Aber wie ist das, wenn man mitten in einer Pandemie weltweit berühmt wird?

BENEE: Ich meine, ich weiß es nicht. Mit so was bin ich noch nie in Berührung gekommen. Ich habe also nichts, womit ich es vergleichen könnte. Ich genieße es einfach, das Haus nicht verlassen zu müssen, ehrlich gesagt. Wenn ein Song groß rauskommt, muss man normalerweise von London nach New York fliegen und  überall hinreisen, um Radiointerviews zu geben, daher ist es ganz schön, dass ich viele Zoom-Call machen konnte und mich für keinen von ihnen bewegen musste. Mein Hintergrund war bei jedem einzelnen Call derselbe.

Ich muss sagen, ich liebe dein Album sehr und habe es in den letzten Wochen häufig gehört. Du machst jetzt schon seit ein paar Jahren Musik. Viele Leute sagen, dass es für sie ein großer Schritt ist, das erste Album zu veröffentlichen – war das für dich auch so?

BENEE: Ja, definitiv. Ich glaube, ich bin daran gewachsen, und mit diesem Album habe ich realisiert, dass ich alles machen kann, was ich will, was cool ist. Und ich weiß, dass ich in jede Session gegangen bin, um zu experimentieren und ein anderes Genre auszuprobieren. Ich glaube, das hat dazu geführt, dass das Album jetzt sehr eklektisch ist.

Und es ist genau die Musik, die ich jetzt machen möchte, was wirklich aufregend für mich ist. Also ja, es ist irgendwie cool zu sehen, wie sich das Genre verändert hat und meine Texte, ich bin ein viel besserere Songwriterin geworden. Und so ist es einfach schön, meine Arbeiten jetzt zu vergleichen.

Ich wollte, dass es durchweg ein organisiertes Chaos ist.

Ich liebe vor allem die mutige Vielfalt auf dem Album. War es von Anfang an dein Plan, in deiner Musik so abwechslungsreich zu sein, oder hat sich das von selbst ergeben?

BENEE: Es war weniger ein Plan als das ich einfach das gemacht habe, worauf ich Lust hatte. Ich glaube, die Idee, dass es ein Thema gibt, hat mich nicht wirklich angesprochen. Ich wollte, dass es durchweg ein organisiertes Chaos ist. Dass es nicht wirklich Sinn macht, aber gleichzeitig macht es Sinn, weil es meine Stimme in meinem Schreiben ist.

Ich mag die Idee, dass ich buchstäblich jede Art von Beat haben kann und mein Schreiben und mein Stil, wie ich singe, wird das sein, was die Leute als BENEE-Song identifizieren.Weißt du, es ist irgendwie egal, wie es sich anhört. Das bin ich.

Denn Typen können sagen, was sie wollen. Warum können wir das also nicht auch?

Eklektisch sind auch ihre Feautures auf „Hey u x„. Neben Gus Dapperton auf „Supalonely“ finden sich hier Kenny Beats und Bakar auf „Night Garden„, Mallrat auf „Winter“ sowie Muroki auf „All The Time“ und ein Feature mit Grimes für „Sheesh„. Als Vorabsingle erscheint außerdem „Plain„, für welche BENEE sich Flo Milly und Lily Allen ins Boot holt. Und schon damals fällt mir etwas auf.

Ich mag den Song „Plain“ sehr. Es ist witzig, damals hat mir Lily Allen mit ihrem Album „It’s Not Me, It’s You“ so ziemlich genau das gleiche Gefühl gegeben, das der Song vermittelt. Ich bin eine Bad Bitch und du bist ein Loser. Gibt es irgendwelche Künstler oder Tracks, die dir selbst dieses Empowerment gegeben haben?

BENEE: Ja, ich meine, definitiv Lily und Amy Winehouse. Ich denke, es sind Künstlerinnen, die ich schon sehr früh gehört habe, die mich definitiv beim Schreiben und meinem Stil inspiriert haben, diese Art von „Fuck it“ Haltung. Die machen das so gut und ziehen das so gut durch. Die ich als junges Mädchen beobachtet habe, als ich Angst hatte, etwas zu sagen. Und dann hat es definitiv etwas in meinem Kopf ausgelöst, wo ich dachte: Ich werde auch versuchen, eine Bad Bitch zu sein.

Ich habe das Gefühl, dass jetzt so viele Menschen auf diesen Zug aufspringen. Es gibt so viele wahnsinnig talentierte weibliche Rapperinnen, wie zum Beispiel Flo Milli auf meinem Track. Die sind einfach so badass. Und sie sagen Sachen, die die Leute auf die Palme bringen, und das finde ich so cool. Denn Typen können sagen, was sie wollen. Warum können wir das also nicht auch?

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Ja, BENEE ist genauso cool und sympathisch, wie ich es mir in den letzten Monaten ausgemalt habe. Doch hier hört es noch nicht auf! Wenige Wochen vor ihrem Albumrelease gründet die 20-Jährige gemeinsam mit Trieste Douglas (ehem. A&R bei Universal Music New Zealand) und Poppy Tohill (Teil von Benees Management-Team CRS) das Musiklabel Olive Records. „Es wird von Frauen geführt, was ich für sehr wichtig halte“ sagt sie. Ich frage nach ihrer Motivation und den Plänen.

Und es gibt eine Menge Leute, die nicht helfen wollen, aber ich denke, es ist wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen.

BENEE: Wir konzentrieren uns im Moment auf einen Künstler namens Muroki, der wirklich, wirklich cool ist.Außerdem sprechen wir über andere Künstler*innen und versuchen herauszufinden, von welchen Aritsts wir wirklich begeistert sind. Das Wichtigste ist, dass es sich mit jede*m, mit dem wir arbeiten, super, super sicher anfühlt. Und ich denke, das wurde hier defintiv erfüllt. Also es war so, dass ich buchstäblich jeden Tag seinen Song “ For better or worse“ gespielt habe, vielleicht vier Monate lang.

Und ich denke, das möchte ich bei jedem Artist spüren, denn ich würde es furchtbar finden, wenn ich mit einem/einer Künstler*in arbeiten würde und ihn/sie dann vielleicht aufgeben müsste. Ich will nicht, dass das überhaupt in Frage kommt. Das wäre einfach falsch.

Unser Plan ist es, Künstler*innen zu unterstützen, die wir wirklich gut finden. Sie dem Publikum vorzustellen und ihnen die Ressourcen geben, die sie brauchen, die sie ohne unsere Hilfe vielleicht nicht bekommen hätten. Wir versuchen also einfach, Künstler*innen zu pushen die es wirklich, wirklich, wirklich verdient haben, ganz offen gesagt.

Das klingt so vernünftig und richtig! Wie kamst du denn überhaupt dazu, ein eigenes Label zu gründen?

BENEE: Ich habe schon vor ein paar Jahren darüber gesprochen, eher scherzhaft, aber ich habe immer die Idee eines Netzwerks geliebt, und neue Künstler*innen zu finden und jedem von ihnen zu erzählen. Große Künstler haben über mich gesprochen, und das hilft. Es hilft eine Menge. Weißt du, jemand, der deinen Song auf seiner/ihrer Instagram-Story teilt, kann dich vor 500.000 Leute bringen, die dich noch nicht kannten.

Also denke ich, dass es einfach wichtig ist, anderen Künstler*innen zu helfen. Es herrscht ein Konkurrenzkampf, so wie diese ganze Branche ein Konkurrenzkampf ist. Und es gibt eine Menge Leute, die nicht helfen wollen, aber ich denke, es ist wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen.

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